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Am schlimmsten ist der Juckreiz

Individuelle Behandlungspläne, Schulung und ein besseres Verständnis der Krankheit. Prof. Dagmar Simon über neue Ansätze für eine gezielte Therapie der atopischen Dermatitis.

Mädchen mit Allergie und Juckreiz

Neurodermitis, atopische Dermatitis, atopisches Ekzem, Milchschorf. Die chronisch entzündliche, in Schüben verlaufende Hauterkrankung hat verschiedene Namen. Heilbar ist sie nicht, aber sie lässt sich gut behandeln, wenn man die Therapie genug konsequent macht. Die Haut ist trocken, gerötet, schuppig und juckt. Schicksal von 10 bis 20 Prozent der Kinder und mehr als 3 Prozent der Erwachsenen. «Die Krankheit hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen», sagt Prof. Dagmar Simon, Leitende Ärztin an der Universitätsklinik für Dermatologie am Inselspital Bern. «In 80 Prozent bricht sie in den ersten drei Lebensjahren aus, sie kann sich aber auch bei Jugendlichen oder Erwachsenen erstmals manifestieren. Bei vielen Kindern kommt es zu einer Besserung oder sogar Abheilung der Ekzeme. Die Haut bleibt jedoch empfindlich, so dass bei Belastungen selbst nach vielen Jahren wieder Ekzeme auftreten können.»

Ursachen vielfältig und multifaktoriell

Der Begriff Neurodermitis stammt aus einer Zeit, als vermutet wurde, die Krankheit stehe in einem Zusammenhang mit einer Entzündung der Nerven. Heute ist der Begriff atopische Dermatitis geläufiger. Die Ursachen sind vielfältig und multifaktoriell. Es gibt demnach nicht die eine Ursache, sondern viele Faktoren wie Vererbung oder äussere Einflüsse, so können allergische oder mechanische Reize eine Rolle spielen. «In den letzten Jahren haben wir fundamentale neue Erkenntnisse zur Krankheitsentstehung der atopischen Dermatitis gewonnen», sagt Prof. Simon. «Lange Zeit konzentrierten sich Wissenschaftler und Kliniker ausschliesslich auf die Entzündung. Inzwischen wissen wir aber, dass der sogenannten Hautbarriere eine grosse Bedeutung zukommt. Die gestörte Struktur und Funktion dieser natürlichen Barriere sowie eine überschiessende Immun­antwort gegenüber Antigenen, die in die Haut gelangen, spielen eine wichtige Rolle.» Ein Mangel an Flaggrin, einem Strukturprotein der schützenden Hornzellen, führt dazu, dass die Haut leicht austrocknet. Die trockene Haut ist anfällig gegenüber Einflüssen jeglicher Art und reagiert empfindlich, indem sie leicht entzündet und juckt. Durch Kratzen wird die Hautbarriere geschädigt und die Entzündungsreaktionen verstärkt.

Quälender Juckreiz ist am schlimmsten

Am schlimmsten empfinden die meisten Betroffenen den quälenden Juckreiz. Er lässt sie kaum zur Ruhe kommen und plagt sie Tag und Nacht. Gereiztheit, Übermüdung, depressive Verstimmungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Leistungsabfall im Beruf und Partnerkonflikte sind häufige negative Folgen. Oft ziehen sich die Patienten vom öffentlichen Leben zurück, weil sie sich schämen. Sie meiden Schwimmbäder, Saunen, Fitnesscenter und so weiter.

Eincremen, eincremen, eincremen

Die Behandlung des atopischen Ekzems erfolgt stufenweise. Weil das Grundübel die trockene Haut ist, heisst es eincremen, eincremen, eincremen. Macht man die Rückfettung der gesamten Haut – die sogenannte Basistherapie – zweimal am Tag konsequent, kommt es in den meisten Fällen schon zu einer erheblichen Besserung. Reicht das nicht, folgt die zweite Stufe der Therapie, die lokale Behandlung mit entzündungshemmenden Cremes, sei es mit oder ohne Cortison. Auch diese Therapie muss konsequent gemacht werden. Leider ist dies aufgrund einer falsch begründeten Angst vor Cortison oft nicht der Fall.

Prof. Dagmar Simon, Leitende Ärztin an der Universitätsklinik für Dermatologie am Inselspital Bern

«Wichtig für den Thera­pieerfolg sind ein individuell erarbeiteter Behandlungsplan sowie ein klar definiertes Vorgehen bei akuten Krankheitsschüben», sagt Prof. Simon. «Dafür haben sich Sprechstunden und Schulungen durch speziell qualifizierte Pflegefachpersonen bewährt, wie das heute in einigen Kliniken Standard ist.» Fühlen sich die Patienten nicht genügend ernst genommen oder hat der Arzt zu wenig Zeit, landen viele verzweifelte Patienten in den Händen von Alternativmedizinern oder sogar von Scharlatanen.

Grosse Fortschritte verzeichnete in jüngster Zeit die Forschung. Schlüsselmechanismen des körpereigenen Immunsystems, Botenstoffe und Signalüberträger konnten identifiziert werden, welche die entzündlichen Veränderungen auf der Haut auslösen und aufrechterhalten. Die Medizin hat sich diese Erkenntnisse zunutze gemacht und neue Behandlungsansätze entwickelt. Kürzlich wurde in den USA und in der EU ein Antikörper zugelassen, der in den Krankheitsprozess der atopischen Dermatitis gezielt eingreift. «Die bisher vorliegenden Studien zeigen eine hervorragende Wirksamkeit mit einer deutlichen Abnahme der Hautveränderungen und des Juckreizes.»

Eine Vielzahl anderer Ansätze wird zurzeit untersucht. Entsprechende Studien sind am Laufen. Prof. Simon: «Wir haben die berechtigte Hoffnung, dass es in absehbarer Zukunft gelingen wird, Menschen mit atopischer Dermatitis viel besser und gezielter helfen zu können, als es bisher möglich war.»