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Das ist wie ein «Tsunami»

Die Immuntherapie revolutioniert die Krebsbehandlung. Zuerst beim Melanom und jetzt auch beim Lungenkarzinom. Prof. Rolf A. Stahel erklärt die neusten Fortschritte.

Tamas Media Dr. Prof. Stahel

Lungenkrebs ist heimtückisch, häufig, und nur die wenigsten überleben ihn, wenn nicht in einem frühen Stadium operiert oder bestrahlt werden kann. Aber das könnte sich bald ändern. Denn erstmals kommt jetzt die Hoffnung auf Heilung auf. Dank einer neuen Therapie. Doch schön der Reihe nach.

Die meisten Symptome beim Lungenkrebs wie Husten, Schmerzen in der Brust oder Müdigkeit und mangelnder Appetit sind eher unspezifisch,und Frühsymptome sehr selten. So kommt es, dass es in der Regel drei bis fünf Jahre dauert, bis man ihn entdeckt. In diesem langen Zeitraum hat er sich oft schon an anderen Orten des Körpers angesiedelt, sei es über das Lymphsystem oder das Blut in fernen Organen wie Leber, Knochen und Gehirn.

Lungenkrebs häufigste krebsbedingte Todesursache

Lungenkrebs ist weltweit die häufigste krebsbedingte Todesursache. Es sterben mehr Menschen an Lungenkrebs als an Brustkrebs, Dickdarmkrebs, Pankreas- und Prostatakrebs zusammen. Im Jahr 2012 wurde weltweit bei fast zwei Millionen Menschen Lungenkrebs diagnostiziert. Männer waren doppelt so häufig betroffen wie Frauen, wobei der Anteil der Frauen ständig zunimmt. In der Schweiz erkranken circa 2460 Männer und 1440 Frauen jährlich neu an Lungenkrebs.

Risikofaktor Rauchen

Rauchen und Passivrauchen sind die mit Abstand wichtigsten Risikofaktoren für Lungenkrebs. Das Risiko steigt mit der Anzahl der gerauchten Zigaretten und der Dauer des Rauchens. Die Ärzte beobachten jedoch immer mehr Fälle von Lungenkrebs bei Menschen, die nie geraucht haben. Verantwortlich dafür gemacht werden die Luftverschmutzung, speziell der Feinstaub, Radon-Belastung, Asbest sowie bestimmte Metalle und organische Verbindungen.

Hoffnung durch Fortschritte in der Lungenkrebsforschung

So weit die wenig ermutigenden Fakten. Doch jetzt gibt es erstmals greifbare Hoffnung, die bisher sehr bescheidenen Überlebensaussichten von Lungenkrebspatienten markant zu verbessern oder sie in bestimmten Fällen sogar zu heilen. «Bei keiner anderen Krebsart werden zurzeit so gros­se Fortschritte gemacht wie beim Lungenkrebs», sagt Prof. Dr. Rolf A. Stahel, Ko-Leiter des Exzellenz-Zentrums für Lungen- und Thoraxonkologie am UniversitätsSpital Zürich. Stahel ist ein international anerkannter Forscher auf dem Gebiet des Lungenkrebs und Autor von über 300 wissenschaftlichen Arbeiten. Einen grossen Sprung nach vorn stellt die Einführung von Medikamenten dar, die gegen ganz bestimmte Tumorarten wirken. Personalisierte Therapie nennt man das. «Gelingt es, die Patienten mit den richtigen Tumormerkmalen zu identifizieren, leben die Betroffenen deutlich länger, und das sind immerhin 15 bis 20 Prozent aller Menschen mit einem Bronchuskarzinom.» Auch wenn damit noch keine Heilung möglich ist, bedeutet die personalisierte Therapie einen Fortschritt, der bis vor Kurzem nicht denkbar war.

Immuntherapie: Durchbruch bei der Krebsbekämpfung

Noch mehr verspricht die Immuntherapie. Die Wissenschaft bezeichnet sie als einen Durchbruch bei der Krebsbekämpfung, zuerst beim schwarzen Hautkrebs und jetzt auch beim Lungenkrebs. Prof. Stahel spricht gar von einem «Tsunami», der die Krebsbehandlung in wenigen Jahren völlig verändern wird. Die Ergebnisse seien phänomenal, ebenso der Wirkmechanismus. Das geniale Prinzip: Man lässt den Körper selbst die Arbeit machen, das heisst die Krebszellen angreifen und vernichten. Das gelingt, indem man an den sogenannten Checkpoints des Immunsystems mit Hilfe von Antikörpern die Signalsysteme so verändert, dass die Krebszellen als fremd erkannt und beseitigt werden können. Viele Krebszellen entgehen nämlich der Vernichtung, indem sie sich geschickt tarnen und die angreifenden Immunzellen täuschen. Mit Hilfe der immunologisch aktiven Proteine lassen sich die Krebszellen enttarnen.

Ergebnisse auch bei Lungenkrebs ermutigend

Auch beim Lungenkrebs sind die ersten Ergebnisse sehr ermutigend. Prof. Stahel: «Wir sehen Patienten, die dank der Immuntherapie nun schon seit drei Jahren leben, für die es vorher kaum mehr Hoffnung gab.» Leider wirkt die Immuntherapie nicht oder noch nicht bei allen Betroffenen. Ziel ist es, Tests zu entwickeln, mit denen sich die behandelbaren Patienten identifizieren lassen. Zudem will man jetzt mit neuen Studien herausfinden, ob die Immuntherapie auch in frühen Stadien von Lungenkrebs wirkt und damit Rückfälle verhindern kann.