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Das Leben ist kein Pornofilm

Young couple arguing in bed

Henri Guttmann, Paartherapeut in Winterthur, über Männer, die zu Sex-Muffeln werden, über den Bierbauch und die Morgenerektion.

Ein 42 Jahre alter Mann schreibt mir: «Seltsamerweise denken immer alle, dass Männer jederzeit Lust auf Sex haben. Doch mir geht es in den letzten Wochen öfter mal so, dass ich, obwohl ich eine attraktive Partnerin habe, keine Lust verspüre, mit ihr Sex zu haben. Meine Partnerin kommt damit gar nicht klar und unterstellt mir neuerdings, fremdzugehen. Sie kann sich irgendwie überhaupt nicht vorstellen, dass ein Mann auch mal keine Lust auf Sex haben könnte. Sie verweist dann darauf, dass wir das in der Vergangenheit noch nie hatten, und wenn schon, dann war sie es, die dankend ablehnte.»

Henri GuttmannIn meiner Paarberatungspraxis erlebe ich in den letzten Jahren häufiger, dass die Lust auf Sex beim Mann abhanden gekommen ist. Manchmal entsteht der Eindruck, dass diese Männer – in bestem Alter übrigens – zu eigentlichen Sex-Muffeln mutiert sind. Gestört ist jeweils die sogenannte Appetenzphase, die erste Phase eines sexuellen Erlebnisses und damit auch die Phase des Verlangens. Hier wird der Reiz gegeben, der Lust auslöst. Zum Beispiel der Anblick der Partnerin in sexy Dessous, eine intime Berührung, ein lustvoller Gedanke. Wenn in dieser Anfangsphase eine Störung vorliegt, führt das oft zu Lustlosigkeit – vielleicht sogar zu sexueller Aversion. Bei einigen Männern liegt diese Störung schon immer vor, sie haben ihr ganzes Leben noch nie grosses Verlangen nach Sex verspürt. Sie vermissen die Lust daher auch nicht, haben sich arrangiert und sind zufrieden damit. Viel öfter kommt es vor, dass die Störung ohne Vorankündigung auftritt, obwohl der Mann bisher immer Freude an Sex verspürte und Befriedigung gesucht hat. Doch plötzlich ist da nichts mehr, kein Verlangen, keine Leidenschaft – der Ofen ist aus. Unter dem Lustmangel leidet nicht nur der Mann, sondern häufig auch die Frau an seiner Seite.

Klar ist, Lust lässt sich nicht erzwingen. Alles, was uns in eine negative Stimmung versetzt, lässt die Lust auf Sex schwinden, wie Schnee an der Sonne.

Besonders starke Sexkiller für Männer sind negative Gedanken wie:

  • Ich muss mit meiner Partnerin schlafen, wann immer sie es möchte.
  • Ich müsste häufiger Lust auf Sex haben.
  • Ich bin nicht gut genug im Bett. Ich kann meine Partnerin nicht befriedigen.
  • Ich darf meine Wünsche nicht äussern. Sie sind abnorm.
  • Männer wollen nur das eine.

Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein, und es ist nicht immer leicht, den Frauen in der Paarberatung klarzumachen, dass es nicht unbedingt an ihnen liegt, dass ihr Partner keine Lust mehr hat auf Sex. Nicht selten erlebe ich, dass sich die Frauen mit dem Thema alleingelassen fühlen und darunter leiden, keine Zärtlichkeit und keinen Sex mehr zu erleben wie früher.

Leider denken viele Frauen, es stimme etwas mit ihrem Aussehen nicht mehr, sie seien halt sexuell nicht mehr begehrenswert. Häufig kommt auch der Verdacht auf, ihr Partner gehe fremd und habe deshalb zuhause keine Lust mehr. Ein Irrglaube übrigens. Wenn Männer fremdgehen, sind sie häufig im Ehebett noch aktiver, fantasievoller und zärtlicher als zuvor.

Bei fast allen Paaren ist der Appetit auf Sex nicht symmetrisch verteilt. Es gibt normale Schwankungen, die sich über die Jahre ausgleichen und eigentlich für beide kein Problem sind. Dass im Laufe einer mehrjährigen Partnerschaft auch das Sexualleben mehrere Höhen und Tiefen durchläuft, ist völlig normal und kein Grund, an der Qualität der Liebesbeziehung zu zweifeln. Auch ist nicht entscheidend, ob ein Paar dreimal pro Woche oder einmal im Monat Sex hat. Wenn die Leidenschaft nur vorübergehend abflaut, sollten Paare gelassen bleiben. Sorgen muss man sich erst machen, wenn die Lustlosigkeit längerfristig andauert und vor allem dann, wenn sie zum Dauerzustand wird.

In der ersten Zeit nach der Geburt sind es meist die Frauen, die häufig wegen Erschöpfung abends keine Lust mehr verspüren und Zärtlichkeit und Sex ablehnen. Mit diesem Zustand kommen die meisten Männer klar, wenn die Durststrecke nicht länger als drei Monate dauert. Doch seit circa fünf Jahren erlebe ich in meiner Praxis einen Wandel in der Paarberatung. Immer mehr Frauen beklagen sich, ihr Mann habe keine Lust mehr auf Zärtlichkeit und Sex, und dies etwa nicht, weil er impotent oder an einer Krankheit leidet. Diese Männer sind in der Regel durch den Hausarzt und den Urologen umfangreich abgeklärt, und organisch ist alles in bester Ordnung. Dann muss der Grund woanders liegen, denken sich die besorgten Frauen. Sie fragen sich, was mit ihr nicht stimmt, dass ihr Mann einfach keine Lust mehr hat, mit ihr Intimität zu leben. Das allgemein gültige Sex-Klischee vom Mann, der immer will und kann, hält sich hartnäckig. Doch die Realität sieht anders aus. Vor allem in Langzeitbeziehungen klagen Männer häufiger über Lustlosigkeit, und viele Frauen reagieren irritiert. Sie fühlen sich zurückgestossen, alleingelassen und wollen wissen, warum er nicht mit ihr schlafen will.

Einer der Gründe liegt darin, dass bei Männern ab 35 der Testosteronspiegel sinkt und somit die Lust nachlässt. Damit sind nicht sexuelle Probleme wie Erektionsstörungen gemeint, sondern es geht allein um die Lust. Grund dafür ist der fallende Testos­teronwert. Das geht bei einem schneller, beim andern langsamer. Es gibt Männer, die mit 70 Jahren noch einen guten Wert haben, und 40-jährige Männer, bei denen der Testosteronwert schon sehr niedrig ist. Das war übrigens schon immer so. Neben Hormonen spielen auch etliche äussere Faktoren eine Rolle. Die wichtigsten sind Bewegung, Ernährung und Stress am Arbeitsplatz. Männer sind durch das immer stärker werdende weibliche Selbstbewusstsein eingeschüchtert. Viele Frauen von heute nehmen sich, was sie wollen. Da sind alte männliche Eroberungsmuster nicht mehr so gefragt. Nicht zu vergessen: Männer haben den Höhepunkt ihrer sexuellen Potenz mit 17, Frauen etwa ab Mitte 30. Viele Männer haben auch Angst, den Ansprüchen einer Frau nicht zu genügen. Das permanente Gefühl, es der Partnerin nicht recht machen zu können oder ständig kritisiert zu werden, führt unweigerlich zu einer Flaute unter der Bettdecke. Nicht zu vergessen ist die Suchtthematik wie hoher Alkoholkonsum oder Drogenmissbrauch.

In den Beratungen höre ich immer wieder, dass dauerndes Nörgeln und ständige Nacherziehungsversuche von Ehefrauen oder Ehemännern zum Lustkiller im Ehebett werden. Diese Themen können in einer Paarberatung geklärt werden. Hier wirken gegenseitige Wertschätzung und ernstgemeinte Anerkennung als Zaubertrank. Das gilt natürlich für beide Partner.

Ein oft unterschätzter Faktor ist der Bauchumfang. Der Bierbauch sorgt dafür, dass Männer weniger Lust auf Sex haben. Im Bauchfett sind Enzyme, die das Testosteron in weibliche Hormone umwandeln und somit einen erheblichen negativen Einfluss auf die Libido haben. Für viele Männer ist Lustlosigkeit ein heikles Thema. Welcher Mann möchte schon zugeben, dass er kaum noch Lust auf Sex hat? Erstaunlicherweise sind Männer oft froh, wenn der Arzt in der Praxis einen organischen Befund, wie beispielsweise einen Hormonmangel diagnostiziert. Psychische Ursachen wollen sich die Männer nicht gerne eingestehen.

Doch es gibt weitere Faktoren, die für den Libidorückgang verantwortlich sind. Vor allem die Globalisierung der Wirtschaftswelt hat am Arbeitsplatz den Druck auf die Männer in den letzten fünf Jahren massiv erhöht. Das alltägliche Funktionieren-Müssen und der Stress in der Firma sowie Konkurrenzdruck können das Liebesbedürfnis empfindlich stören. Umfragen ergaben, dass Alltagsstress einer der grössten Erotikkiller darstellt, aber auch Kinder, die nicht schlafen wollen oder jederzeit aufwachen könnten oder pubertierende Jugendliche, die ständig gegen die Eltern rebellieren, können die Sexlaune verderben.

Wenn im Bett plötzlich nichts mehr läuft und Männer keine Lust mehr auf Sex haben, müssen nicht immer Stress oder Sorgen schuld sein. Auch Depressionen, die bei beruflich erfolgreichen Männern häufig dia­gnostizierte lavierte oder versteckte Depression sind häufig die Ursache, dass dem Mann die Lust vergeht. Da sich Depressionen auf alle körperlichen Vorgänge auswirken, sie durcheinanderbringen oder verlangsamen, führt das neben Schlafstörungen auch dazu, dass die Betroffenen weniger aktiv und spontan sind. Ihnen fehlt die nötige Energie –, und das macht sich auch beim Lustempfinden bemerkbar.

Ein weiterer Grund ist, dass sich viele Depressive emotional von ihrem Partner distanzieren. Bessert sich die Depression, kommt meist auch die Lust auf Sex wieder zurück. Leider haben die meisten Antidepressiva neben Gewichtszunahme zusätzlich noch die Nebenwirkung, dass sie die Libido – die Lust auf Sex – senken. Sprechen Sie Ihren Arzt darauf an, wenn Sie merken, dass Sie diese Nebenwirkungen zunehmend stören.

Häufig sind auch andere Medikamente Schuld oder der Auslöser für weniger Sex. So wirken sich bestimmte Blutdrucksenker sowohl auf die Potenz als auch auf die Lust aus. Auch Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen können den Spass zu zweit verringern. Das gilt auch für Schmerz-und Rheumamedikamente. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Er kann Ihnen meist ein Alternativmedikament verschreiben.

Es gibt klare Hinweise, woran eine Frau erkennen kann, ob es an der Beziehung liegt oder daran, dass ihr Partner generell keine Lust mehr auf Sex hat. Wenn der Mann eine regelmässige Morgenerektion hat und die Häufigkeit von Sex im Ehebett rapide sinkt – stimmt etwas nicht. Natürlich ist das bei jedem Paar verschieden. Für einige Paare ist einmal in der Woche wenig, weil sie vorher jeden Tag Sex hatten und für andere Paare ist das bereits schon sehr viel. Dieses Paar hat nun plötzlich nur noch einmal im Monat Sex. Dann muss man hellhörig werden. Viele Frauen beziehen die fehlende Lust häufig auf sich, diese Befürchtung ist typisch für Frauen, spielt aber so gut wie nie eine Rolle. Es liegt nicht an der Partnerin, sondern meistens am Mann. Er hat dann auch kein Interesse an andern Frauen. Wenn Frauen die fehlende Lust nur auf sich beziehen, das aber nicht aussprechen, führt das zu Missverständnissen, welche die Probleme nur noch grösser machen. Wichtig ist, miteinander ins Gespräch zu kommen. Manchmal braucht es auch vorübergehend fachliche Begleitung, um festzustellen, dass viele Sorgen unbegründet sind.

Viele Frauen vermuten, dass ihr Partner eine Affäre hat, wenn der Lustpegel gegen null sinkt. Tatsächlich ist es jedoch so, dass mir Männer mit Affären berichten, dass sie nun auch zuhause sexuell aktiver sind. Das heisst natürlich nicht, wenn der Mann Blumen nach Hause bringt und mit seiner Frau ein Wellnesswochenende plant, dass er eine Affäre vertuschen möchte. Das wäre unfair den Männern gegenüber.

Bedeutend für die männliche Unlust ist oft auch massiver Internetkonsum. Manche Männer reagieren vorzugsweise auf pornografische Vorbilder aus dem Internet und schliessen damit ihre Partnerin von ihren erotischen Wünschen aus. Viele Männer werden auch verunsichert angesichts der dort gezeigten Männlichkeits-Ideale mit Waschbrettbauch und super Stehvermögen. Da steht ein ganz normaler Mann vor den Spiegel mit Bauchansatz und langsam schütterem Haar und vergleicht sich mit dem Männerbild im Internet, auf Werbeplakaten und in Zeitschriften und lässt dann nicht nur den Kopf hängen.

Sexuelle Lustlosigkeit hat meist einen guten Grund. Daher sollte sich ein Paar den Lustmangel auch mal erlauben und ihn dann mit viel Ruhe und Geduld angehen. «Ich habe jetzt keine Lust» ist kein Tabu, und ein Paar sollte das gegenseitig akzeptieren. So kann ein Mann seine Partnerin einfach mal verwöhnen, ohne selbst verwöhnt zu werden. Und natürlich auch umgekehrt. Besonders wichtig ist allerdings: Es muss miteinander gesprochen werden – ohne Kommunikation läuft nichts in einer funktionierenden Partnerschaft. Eine gelungene Sexualität ist kein Zufallsprodukt. Die bewusste Gestaltung und ein immer wieder neues Beleben können die Lust bei einem Paar nicht nur reanimieren, sondern auf lange Zeit festigen.

Grundsätzlich gilt, dass unter Berücksichtigung der körperlichen und psychischen Möglichkeiten die meisten Männer wieder zur Lust und zu leidenschaftlichem Sex zurückfinden können. Wer sich eingesteht, an sexueller Unlust zu leiden und etwas dagegen tun will, hat gute Möglichkeiten, seine Lust auf Nähe, Zärtlichkeit und Sex wieder zu wecken. Da kann eine Sexualtherapie oder eine Paartherapie wertvolle Hilfe leisten.

www.henri-guttmann.ch

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