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Der «Mini» ist im Kommen

Gute Nachricht für Millionen von Herzschrittmacher-Patienten. Neue Miniaturgeräte, die man über die Leistenvene direkt in das Herz vorschiebt, haben sich in Studien bewährt und erobern die Herzzentren.

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Eine neue Ära der Herzschrittmacher hat begonnen. Miniaturisierte Systeme, welche nur noch so gross wie ein Einfränkler und damit um ein mehrfaches kleiner sind als herkömmliche Schrittmacher, verändern die kardiale Stimulationstherapie grundlegend. Die Winzlinge werden durch die Leistenvene mit einem Katheter in die rechte Herzkammer geschoben und nahe der Herzspitze im Herzmuskelgewebe verankert. Die Fixierung funktioniert passiv über vier kleine Haken. Dort gibt der kapselförmige Mini-Schrittmacher elektrische Impulse an das Herzgewebe ab und kann so den natürlichen Takt des Herzens wiederherstellen.

Kleinster existierender Herzschrittmacher der Welt

Der neueste Miniaturschrittmacher stammt von Medtronic und ist der kleinste existierende Herzschrittmacher der Welt. Er kommt ganz ohne Elektroden, das heisst Kabel aus. Die Lebenszeit seiner Batterie beträgt bis zu zehn Jahre und mehr. Das neue Gerät ist nur 26 x 7 mm gross und nur gerade 1,8 Gramm schwer. Herkömmliche Geräte sind um ein vielfaches grösser und bis 35 Gramm schwer. Trotz einer Gewichtsreduktion von 90 Prozent verglichen mit einem herkömmlichen Schrittmacher enthält die Kapsel sämtliche Komponenten, inklusive Batterie und Sensor.

Anders als bei bisherigen Geräte ist bei den Mini-Schrittmachern weder ein chirurgischer Schnitt in der Brust erforderlich noch eine Tasche unter der Haut. Das eliminiert nicht nur mögliche Komplikationsquellen, sondern auch jedes sichtbare Zeichen, dass jemand einen Herzschrittmacher trägt. Das Fehlen eines grosses Herzschrittmachers unter der Haut hat viele Vorteile: Es gibt keinen Fremdkörper im Unterhautgewebe, der drücken, schmerzen oder sich sogar entzünden kann. Und auch keine Narben. Dass keine Sonden mehr erforderlich sind, ist ebenfalls sehr vorteilhaft. Kabelbrüche, schadhafte Isolierungen oder verrutschende Elektroden gehören damit der Vergangenheit an.

Erfahrungen sind sehr positiv

PD Dr. med. Jan Steffel, Leitender Arzt an der Klinik für Kardiologie sowie Co-Leiter Rhythmologie am Universitären Herzzen­trum Zürich, kennt die neuen Mini-Schrittmacher aus eigener Erfahrung: «Die Resultate der bisherigen Studien sind ausgesprochen positiv. Das Sicherheitsprofil ist sehr gut. Die elektrischen Werte sind tadellos und vergleichbar mit Standardsystemen, wenn nicht sogar besser. Auch die Erfahrungen in unserem Zentrum sind sehr positiv. Sollten die weiteren Resultate wie vermutet die bisherigen Erfahrungen bestätigen, werden die neuen Mini-Schrittmacher wohl bald neuer Behandlungsstandard bei vielen Patienten werden.»

Weltweit sind sich die Kardiologen einig, dass die Miniaturtechnologie die Zukunft der Schrittmachertechnik darstellt. Mini-Schrittmacher wird es in naher Zukunft wohl auch für Patienten geben, die einen Zwei- oder Mehrkammer-Schrittmacher benötigen. Daran wird zurzeit intensiv geforscht.

 

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PD Dr. med. Jan Steffel, Leitender Arzt, Klinik für Kardiologie, Co-Leiter Rhythmologie, Universitäres Herzzentrum Zürich

Die Zukunft ist kabellos

Welches sind die häufigsten Gründe für die Implantation eines Herzschrittmachers?

Ein Herzschrittmacher wird implantiert, wenn das Herz zu langsam schlägt. Dies kann sich in Müdigkeit, Leistungsschwäche oder aber auch in Ohnmachtsanfällen äussern.

Welches sind die Erfahrungen am Universitären Herzzentrum Zürich mit dem neuen Mini-Schrittmacher?

Das Universitäre Herzzentrum Zürich gehörte zu den ersten Zentren in der Schweiz, welche das neue Schrittmachersystem implantieren konnten. Unsere Erfahrungen sind durchwegs positiv. Gleichwohl ist die Implantation ein Eingriff, der nicht unterschätzt werden darf und an einem Zentrum mit entsprechender Erfahrung durchgeführt werden sollte.

Was sagen die Betroffenen selber?

Die Patienten mögen den Mini-Schrittmacher sehr! Er tut verlässlich seine Dienste, und durch die fehlende Narbe werden die Patienten nicht permanent daran erinnert, dass sie überhaupt einen Schrittmacher haben. Diesen Vorteil gegenüber konventionellen Systemen habe ich anfangs unterschätzt. Tatsächlich melden sich bereits Patienten selbstständig mit der Frage, ob sie nicht einen solchen Schrittmacher haben könnten, der von aussen nicht sichtbar ist. Diesem Wunsch kann man nicht immer entsprechen, da das System nicht für alle Patienten in Frage kommt.

Für welche Patienten kommen die Miniaturgeräte in Frage?

Der Mini-Schrittmacher kommt vor allem für Patienten in Frage, die eine reine Stimulation in der Herzkammer benötigen. Patienten mit anderen Rhythmusstörungen – zu langsamer Taktgeber im Sinusknoten, Herzschwäche oder schnelle Herzrhythmusstörungen – können damit nicht behandelt werden.

Was wird die Zukunft in Sachen Schrittmacher-Technologie bringen?

In Zukunft werden miniaturisierte Systeme entwickelt werden, welche auch die Vorkammer sowie gegebenenfalls auch die linke Herzkammer stimulieren können, womit noch wesentlich mehr Patienten profitieren könnten. Auch die Kommunikation mit elektrodenlosen Defibrillatoren sollte in nicht allzu ferner Zukunft möglich sein. Eines scheint sicher: Die Zukunft ist kabellos.