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Die Alzheimer-Pille ist eine Illusion

Das sagt niemand geringer als einer der bekanntesten Alzheimer-Forscher. Umso wichtiger ist konsequente Prävention.

Brain Loss

Prof. Konrad Beyreuther aus Heidelberg ist einer der bekanntesten Alzheimer-Forscher Deutschlands. Man nennt ihn zuweilen auch den Alzheimer-Papst, nicht zuletzt deshalb, weil er entscheidend an der Entdeckung der chemischen Struktur der charakteristischen Amyloid-Ablagerung der Alzheimer-Krankheit und dessen Gen beteiligt war und dafür mehrfach geehrt wurde. Nach jahrzehntelanger molekularbiologischer Forschung fordert Beyreuther nun ein Umdenken: „Eine erfolgreiche medikamentöse Therapie von Alzheimer ist ein Illusion. Die Pille für Alzheimer wird es nie geben. Davon bin ich fest überzeugt, obwohl ich mein Leben lang für diese Pille gearbeitet habe. Bis heute gibt es keine einzige klinische Studie, die Erfolg gebracht hat. Dabei dachten wir anfangs, wenn wir den molekularen Schurken finden, haben wir die Krankheit im Griff. Stattdessen hat die Demenz und die Angst davor unsere Gesellschaft im Griff.“

Konsequente Vorbeugung

Was es jetzt dringend braucht, ist eine konsequente Vorbeugung. Beyreuther ist sich sicher, dass dadurch eine Alzheimer-Erkrankung um bis zu zehn Jahre hinausgezögert werden kann. Im Alter zwischen 40 und 50 wird entschieden, wie wir alt werden. Hier müssen wir ansetzen. So schaffen wir es, die Zahl der Betroffenen in den nächsten Jahrzehnten auf die Hälfte zu senken. Dazu müssen wir aber die Bevölkerung motivieren, die Prävention jetzt selbst in die Hand zu nehmen.“

Prävention lohnt sich. Das war eine der wichtigsten Botschaften auf dem Kongress für Neurologie in Dresden. „Nur etwas die Hälfe des Demenzrisikos wird durch genetische Faktoren bestimmt“, sagt Prof. Beyreuther. „Die andere Hälfte lässt sich im Wesentlichen auf sieben Faktoren zurückführen: körperliche und geistige Inaktivität, Depressionen, hoher Blutdruck und Übergewicht im mittleren Lebensalter, Diabetes und Rauchen. Wir haben es in der Hand, ob jeder Dritte oder nur jeder Sechste von uns einmal an Alzheimer oder einer anderen Demenzform erkrankt.“

Mehr körperliche Bewegung

Dass Prävention nicht Wunschdenken ist, sondern tatsächlich funktioniert, zeigen gleich mehrere Studien. So sei das Demenzrisiko in der Rotterdam-Studie in den zwei vergangenen Jahrzehnten um ein Viertel gesunken, in einer schwedischen Studie sogar um 30 Prozent, und nach einer aktuellen Untersuchung gab es 2011 in Grossbritannien ein Viertel weniger Demenzkranke als man ursprünglich berechnet hat. Verantwortlich dafür seien wahrscheinlich eine bessere Blutdruck- und Cholesterinkontrolle sowie ein aktiverer Lebensstil. Mehr körperliche Bewegung ist der wichtigste Einzelfaktor bei der Demenzprävention. Doch am besten funktioniert die Kombination von körperlicher und geistiger Aktivität. Eine Erklärung dafür ist die Tatsache, dass das Nervensystem in der Evolution zur Bewegung entstanden sei, zur Jagd und zur Flucht. Lebewesen, die sich nicht bewegen, hätten nur rudimentäre neuronale Strukturen.

Dual task

Auch wenn Alzheimer schon ausgebrochen ist, hilft Bewegung in hohem Mass. So stabilisiert ein abwechslungsreiches Training auf dem Heimvelo gemäss einer Pilotstudie die Alltagsfunktionen und das Verhalten von Alzheimer-Patienten stärker als jede medikamentöse Therapie. Noch erfolgreicher ist die Kombination Heimvelo mit gleichzeitigen geistigen Aktivitäten, wie Rückwärtszählen – in siebener Schritten von Siebenhundert bis Null – oder die Nennung möglichst vieler Namen von Tieren, Pflanzen, Familien oder Vornamen. „Dual task“ nennt das der Spezialist. „Bewegung hängt nur den Muskel ans Gehirn. Dies geschieht mit Hilfe von Nervenwachstumsfaktoren in Blut und Gehirn. Letzteres wird bei dual task auch von den Bereichen des Gehirns genutzt, die für unsere Merkfähigkeit zuständig sind.“

Prof. Konrad Beyreuther

 

 

 

 

 

 

Jeder kann sein Gehirn vor Alzheimer schützen oder wenigstens den Krankheitsbeginn hinauszögern. Alles, was unser Gehirn fordert, hilft präventiv gegen Demenz. Neues wagen und lernen, eine neue Sprache, ein neues Musikstück, ein neuer Tanz, ein neues Strickmuster. Alles dual task Aktivitäten, Tätigkeiten bei denen das Mitdenken erforderlich ist. Speziell nützlich ist das japanische Zahlenrätsel Sudoku. Es fördert das logische Denken.

Schädlich fürs Hirn sind Routinetätigkeiten wie Fernsehen oder Kreuzworträtsel. Nicht nur Denksport, sondern jede Form von körperlicher Aktivität schützt vor Alzheimer. Gartenarbeit, Wandern, Treppensteigen, Jonglieren und so weiter. Ein Schrittzähler liefert die Kontrolle über das Bewegungspensum. Mindestens 5000 Schritte sollten es pro Tag sein.

Ernährung ist wichtig

Auch die Ernährung zur Vorbeugung von Alzheimer ist wichtig. Am besten ist eine mediterrane Kost mit viel frischem Obst und Gemüse und deren Faserstoffen, die den Cholesterinspiegel im Blut senken und Antioxidantien liefern. Wichtig sind auch die essentiellen Omega-3-Fettsäuren, wie sie Fisch enthält. Letztere braucht das Gehirn, dessen Fettsäuren zu zehn Prozent aus dem „Fischöl“ Docosahexaensäure (DHA) bestehen,  in relativ großen Mengen. Das sehr flüssige DHA ermöglicht es den Nervenzellen bei den für die Gedächtnisspeicherung wichtigen Kontaktaufnahmen untereinander sich so zueinander zu bewegen, dass dies schnell und effektiv gelingt. Hin und wieder etwas Fleisch und ab und zu ein Glas Wein. Das ist übrigens genau das Programm, welches auch das Herz schützt und Diabetes vorbeugt.