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Die Insel der Hundertjährigen

Was ist das Geheimnis eines langen und erfüllten Lebens? Die Bewohner der japanischen Inselgruppe Okinawa haben es gelüftet. Nirgends auf der Welt gibt es so viele alte, gesunde und zufriedene Menschen.

Portrait of senior woman at the home

Heute steht fest: Wie lange wir von körperlichen und geistigen Beschwerden verschont bleiben, ist nicht in erster Linie eine Frage der Gene, sondern vor allem des Lebensstils. Entscheidend ist, was wir jeden Tag für unsere Gesundheit tun, und nicht unbedingt das, was uns in die Wiege gelegt wurde.

Anschauungsunterricht, der eindrücklicher nicht sein könnte, liefert die Okinawa Centenarian Study, eine der wichtigsten Studien zu diesem Thema. Seit 1976 untersuchen amerikanische und japanische Forscher, welche Faktoren die Bevölkerung der japanischen Inselgruppe Okinawa gesünder machen als den Rest der Menschheit. Nirgendwo sonst auf der Welt leben so viele 100-Jährige wie auf dem Eiland im Pazifik. Fast 600 der 1,3 Millionen Bewohner haben bereits ihr zweites Lebensjahrhundert erreicht. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl sind das mehr als sechsmal so viele Menschen wie in den USA. Viele von ihnen sind rüstig und sehen um etliche Jahre jünger aus, als sie sind. Herzinfarkte sowie Brust-, Eierstock- und Prostatakrebs treten nur ein Viertel so häufig auf wie in anderen Industriestaaten.

Regelmässige Bewegung hält fit

Inzwischen verstehen Forscher auch, warum: Aufgrund jahrhundertealter Traditionen leben insbesondere die älteren Einwohner Okinawas noch heute nach Regeln, die Zellforscher, Gerontologen, Genetiker und Psychologen inzwischen übereinstimmend als beste Rezepte gegen Vergreisung und Verwirrung ausgemacht haben: Viele der Senioren halten sich mit regelmäßiger Bewegung sowohl körperlich als auch geistig fit. Okinawaner sind begeisterte Hobbygärtner, gehen gerne zu Fuss und pflegen von Kindesbeinen an einen religiösen Tanz, der dem Tai-Chi ähnelt. Zudem ernähren sie sich vorbildlich. Ihr Essen ist fett-, zucker- und salzarm, dafür reich an Früchten und Gemüse, deren hoher Gehalt an Ballaststoffen und antioxidativen Substanzen vor Krebs, Herzkrankheiten und Schlaganfall schützt.

Vor allem aber folgen die meisten von ihnen einer alten japanischen Weisheit namens „hara hachi bu“: Statt sich bei jeder Mahlzeit den Bauch vollzuschlagen, essen die Einwohner Okinawas nur bis zu dem Punkt, an dem sie zu etwa 80 Prozent satt sind. Das sagen sich die Okinawaner wie ein Gebet vor jeder Mahlzeit. Im Schnitt nehmen sie auf diese Weise täglich nicht mehr als 1800 Kalorien zu sich – rund einen Viertel weniger als ein europäischer Mann im Durchschnitt isst. Das aus Zeiten der Not geborene Ritual ist bis heute von Vorteil. Die Insulaner sind auffällig schlank und ihr BMI sinkt mit steigendem Alter. Ihre Blutgefässe sind frei Ablagerungen, die Cholesterin- und Blutdruckwerte optimal.

Kalorienaufnahme beschränken

In der Tat ist eine Beschränkung der Kalorienaufnahme eines der wirksamsten Rezepte für ein langes Leben. Gibt man etwa Nagern dauerhaft nur 60 bis 75 Prozent der normalen Futtermenge zu fressen, erhöht sich ihre Lebenserwartung um 30 bis 50 Prozent.

Die Freude am Leben lassen sich die betagten Insulaner jedenfalls auch angesichts ihrer enthaltsamen Ernährung nicht nehmen. Wie die Okinawa Centenarian Study zeigt, sind viele der 90- und 100-Jährigen mit ihrem Dasein ausgesprochen zufrieden – ganz im Gegensatz zu vielen Senioren in westlichen Gesellschaften, wo ein grosser Teil der alten Menschen an Depressionen leidet und nicht wenige Suizid begehen. Mindestens ebenso wichtig wie Ernährung und Bewegung für das lange Leben der Okinawaner ist nämlich noch etwas ganz Anderes: das Gefühl, von ihren Mitmenschen geachtet und gebraucht zu werden. Bis heute haben die Inselbewohner einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn und sorgen dafür, dass jedes Mitglied der Gesellschaft – vom jüngsten bis zum ältesten – mit Respekt und Wertschätzung behandelt wird.