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Die schönen Dinge zurückholen

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Meine Schmerzlektionen, Teil 7. Agnes Richener verrät ihre besten Tipps gegen Schmerzen. Trick Nummer 7: In Bewegung bleiben und bewusst Freude erleben.

Auch heute noch denke ich ab und zu mit Wehmut an meine besten Jahre zurück, wobei so gut waren sie gar nicht. Ich war immer ein Bewegungs-Mensch, in jungen Jahren spielte ich aktiv Volleyball, ich liebte Sport und Spiel. Besonders Freude machte mir der Mannschaftssport. Schon damals konnte ich einfach nicht verstehen, weshalb ich empfindlicher reagierte als meine Mannschaftskameradinnen. Ich konnte kaum ohne Handgelenkschoner spielen, immer öfters hatte ich Schmerzen an den Gelenken und im Schulterbereich. Niemand sprach von Fibromyalgie. Und ich machte mir auch keine Gedanken, was ein Schmerzpatient ist. Ich war noch jung, und vermutlich steckt ein junger Mensch die Schmerzen besser weg, denn die Freude am Spiel überwiegte.

Nach der Geburt meines ersten Kindes machte ich eine längere Pause. Die Schmerzen wurden schlimmer und dehnten sich auf den Rücken aus. Den Volleyballsport konnte ich nicht mehr ausüben. Ich versuchte es, doch es ging nicht mehr. Das war für mich eine sehr traurige Zeit. Oft weinte ich hinter verschlossenen Türen. Ich fühlte mich minderwertig und ausgeschlossen. Es tat so weh. Das Schlimmste daran war, dass ich mit niemandem darüber sprechen konnte. Es hiess einfach, ich sei nicht stark genug und ich hätte keine Ausdauer. Mich trösteten damals meine Aufgaben als Mutter. Ich ging in meiner Rolle als Mami auf und konnte vieles hinten anstellen.

Damit ich in Bewegung blieb, ging ich in einen Turnverein. Am Anfang konnte ich noch einigermassen mithalten. Ich fand auch tolle Menschen. Da war auch eine Frau, die schon sehr früh mit einer schmerzhaften Arthritis zu kämpfen hatte. Mit ihr freundete ich mich an – das tat mir sehr gut. Sie war einiges älter als ich. Von ihrer Lebens- und Leidenserfahrung konnte ich viel lernen. Doch auch dort war der Abstieg vorprogrammiert. Die Jahre vergingen, und die Schmerzen kamen immer öfter. Dann kam eine Zeit, in der ich eine Therapie nach der andern machte. Mal ging es mir besser, dann wieder schlechter. Und so ging das eine ganze Zeit lang.

Inzwischen hatte ich zwei Söhne, und ich hatte eine Scheidung hinter mir, was die Schmerzen natürlich verstärkte. Da waren nun zwei Jungs, für die ich sorgen musste. Existenzängste kamen in mir hoch, dazu ständig diese Schmerzen, und auf Arbeitsuche war ich auch noch. Die Lust für Sport, Spiel und Hobbys ist mir damals gänzlich vergangen – ich musste neue Wege suchen.

Nie hätte ich damals gedacht, dass das Leben auch auf eine andere Art schön werden kann. Ich musste in der Folge lernen, dass weniger oft mehr bedeuten kann. Auch mit Schmerzen kann man in Bewegung bleiben und Freude erleben, auch wenn alles etwas ruhiger und gelassener vor sich geht. Es gibt so viele Möglichkeiten, aber man muss sich selber darum bemühen. Den eigenen Körper und auch die Seele besser kennen lernen, sich einlassen auf Neues – das habe ich gemacht. Natürlich ging das nicht von heute auf morgen, es war ein langer Prozess, der sich aber gelohnt hat.

Solche und ähnliche Erfahrungen versuche ich in meiner Beratung an andere Schmerzbetroffene weiterzugeben. Ich sage ihnen, dass sie nicht aufgeben, sondern weitermachen sollen. Sie sollen daran glauben, dass es Mittel und Wege gibt, die Freude an der Bewegung, an Hobbies, am Ausgehen wieder zu wecken. Wir sollten uns die schönen Dinge im Leben wieder zurückholen, denn wir hatten sie mal, und eigentlich wissen wir, wie es geht. Nur leider sind wir etwas müde geworden.

Wenn das Volleyballspielen nicht mehr geht, geht mit Sicherheit etwas anderes, das uns auch Freude macht. Bei mir sind es heute die Spaziergänge mit meinem Dackeli. Dabei komme ich mit den verschiedensten Menschen ins Gespräch, erlebe und beobachte wunderbare Geschichten und Situationen, die mein Leben bereichern. Darüber bin ich sehr dankbar.

Irgendwann habe ich auch die Freude am Fotografieren entdeckt. Dadurch bin ich auch wieder sehr aufmerksam geworden. Alles, was mir gefällt und mir vor die Linse kommt, wird geknipst. Das interessante an der Sache ist: Wenn ich so richtig in meinem Element bin, nehme ich die Schmerzen gar nicht mehr so wahr.

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