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Osteoporose ist immer eine Katastrophe

Sie verläuft lange still und ist umso gefährlicher. Sie ist unterdiagnostiziert und wird oft falsch behandelt. Dr. Sigrid Jehle klärt auf.

Hüftschmerz 2

Wie gefährlich ist Osteoporose?

Am eindrücklichsten zeigt sich die enorme Gefährdung durch Osteoporose an Folgendem: Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens einen osteoporosebedingten Knochenbruch zu erleiden, beträgt für eine in der Schweiz lebende 50-jährige Frau 51 Prozent. Man muss sich das einmal vorstellen: Jede zweite 50-jährige Frau wird wegen Osteoporose im noch verbleibenden Lebensabschnitt mindestens einen ihrer Knochen brechen. Aber auch Männer kann es treffen. Bei einem 50-jährigen Mann beträgt dieses Frakturrisiko immerhin 20 Prozent. Weltweit ereignet sich alle drei Sekunden eine osteoporotisch bedingte Fraktur.

Welche Folgen hat das für die Betroffenen?

Wenn die Knochenmineraldichte abnimmt und die Knochenqualität geschädigt wird, was bei Osteoporose passiert, wird der Knochen brüchig. Wegen eines banalen Stolpersturzes oder auch nur durch eine ruckartige Bewegung kann es zu einer typischen osteoporotischen Fraktur kommen, sei es an der Hüfte, am Vorder- oder Oberarm oder an den Rückenwirbeln. Solche Brüche können sehr starke Schmerzen verursachen, aber auch ohne Beschwerden auftreten, vor allem an der Wirbelsäule.

Ein Jahr nach einer osteoporotischen Hüftfraktur sind 20 Prozent der Betroffenen gestorben, 40 Prozent können nicht mehr selbständig gehen und 80 Prozent nicht mehr selbständig im eigenen Heim leben. Wirbelkörperbrüche können einen Buckel verursachen, was zu eingeschränkter Atmung, Darmtätigkeit und Beweglichkeit führt. Schmerzen und Immobilisation ziehen oft sozialen Rückzug und Depression nach sich.

Weshalb wird Osteoporose trotzdem immer noch viel zu wenig ernst genommen?

Da gibt es viele Gründe. Manche glauben, Osteoporose sei ein normaler Alterungsprozess. Dabei handelt es sich um eine Krankheit. Viele Ärzte diagnostizieren eine Osteoporose oft gar nicht, oder wenn, dann nicht korrekt. Oder sie behandeln sie nicht, nicht genügend oder zu kurz. Falsche Informationen durch die Medien über Nutzen und Risiko der medikamentösen Therapie haben zu grosser Verunsicherung geführt. Viele Patienten sind ungenügend sowohl über Vorbeugung als auch über die verschiedenen Therapiemöglichkeiten informiert. Oft reicht die Zeit im Patienten-Arzt-Gespräch nicht für eine gute Aufklärung. Oder man denkt nicht daran, oft nicht einmal nach einem osteoporotisch bedingten Knochenbruch.

Wie lässt sich Osteoporose vorbeugen?

Eine optimale Kalzium- und Vitamin-D-Versorgung, eine gesunde Ernährung und regelmässige Bewegung sind besonders in jungen Jahren wichtig, um einen maximalen Knochenaufbau zu gewährleisten.

Osteoporose_Sigrid Jehle

Dr. med. Sigrid Jehle-Kunz, Leiterin OsteoporoseZentrum Hirslanden Klinik St. Anna Luzern

Was raten Sie hinsichtlich Früherkennung?

Osteoporose bezeichnet man auch als stillen Knochenschwund, da die Krankheit lange keine Symptome macht und meistens erst im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wird. Eine Knochendichtemessung ist die einzige Möglichkeit zur Früherkennung. Angezeigt ist sie in folgenden Fällen und wird dann auch von den Krankenkassen übernommen: Nach einem Knochenbruch, in der Menopause oder bei Hormonmangel, bei chronischen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Malabsorption und Zöliakie, nach bariatrischen Operationen, bei HIV und bei einer Langzeittherapie mit Kortison etc.

Verschiedene Risikofaktoren wie Veranlagung, Untergewicht, Epilepsie, Chemotherapie oder Bestrahlung können eine Osteoporose begünstigen. In solchen Fällen ist eine Knochendichtemessung ebenfalls sehr empfehlenswert, auch wenn die Kosten von der Krankenkasse nicht immer übernommen werden. Eine Knochendichtemessung kostet um die 75 Franken, dauert nur gerade 15 Minuten und ist völlig schmerzfrei. Die Strahlenbelastung ist minimal – 400-mal geringer als bei einem Röntgenbild.

Wann braucht es eine Be­handlung mit Medikamenten?

Nach einer osteoporotisch bedingten Fraktur, wenn die Werte bei der Knochendichtemessung tief sind, wenn die Knochenmikroarchitektur geschädigt ist oder wenn ein erhöhtes Frakturrisiko besteht.

Wie lange sollte die Behandlung dauern?

Zuerst gilt es, in jedem Einzelfall das richtige Medikament zu wählen. Es gibt viele Faktoren, welche dabei zu bedenken sind. Zu berücksichtigen ist, dass die gängigen Tabletten selbst nach einer Behandlungsdauer von drei bis fünf Jahren zu keiner Zunahme der Knochendichte führen, weshalb oft ein Wechsel auf tägliche oder – noch bequemer – halbjährliche Spritzen nötig wird.

Die Dauer der Behandlung hängt vom Schweregrad der Osteoporose und der Anzahl der Frakturen ab, von der Wahl der Medikamente und vom Ansprechen auf die Behandlung. Ich habe Patienten, die zeitlebens eine Behandlung brauchen. Bei anderen kann man nach ein paar Jahren eine Pause machen, wenn die Therapieziele erreicht sind. Selbstverständlich muss man in solchen Fällen regelmässige Verlaufskontrollen machen, um einen allfälligen Knochenverlust frühzeitig zu erfassen.

Wie bewähren sich die neuen Antikörper in der Praxis?

Diese Antikörper, die zwei Mal im Jahr gespritzt werden, hemmen den Knochenabbau. Sie werden gut vertragen. Die letzten Studiendaten wurden 2017 publiziert. Sie sprechen für eine sehr grosse Wirkung. Nach einer Behandlungsdauer von zehn Jahren ist eine Zunahme der Knochendichte an der Lendenwirbelsäule um 22 Prozent und an der Hüfte um 9 Prozent festzustellen. Wichtig ist, dass diese Medikamente nicht abrupt abgesetzt werden, sonst kann es zum Schwund der eben erst aufgebauten Knochendichte und zu Wirbelfrakturen kommen. Um den aufgebauten Knochen zu konsolidieren, wird eine Anschlusstherapie empfohlen. Erst danach wird eine Pause eingeleitet.

Für eine erfolgreiche Therapie braucht es immer eine ausführliche Information mit Beantwortung aller Unklarheiten, ein sorgfältiges Abwägen von Nutzen und Risiko sowie regelmässige Nachkontrollen.

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