Startseite » Lektionen » Der Schmerz » Ein gefährlicher Trostspender: Alkohol und chronische Schmerzen

Ein gefährlicher Trostspender: Alkohol und chronische Schmerzen

Weinflaschen

Meine Schmerzlektionen, Teil 12. Agnes Richener verrät ihre besten Tipps gegen Schmerzen. Trick Nummer 12: Ein sehr bewusster und äusserst zurückhaltender Umgang mit Alkohol.

Viele Schmerzpatienten sind sich gar nicht bewusst, was sie ihrem Körper und ihrer Seele mit der Mischung aus Schmerzmedikamente und Alkohol antun. Ich höre in der Beratung oft, mit Alkohol seien die Schmerzen nicht mehr so schlimm. Aber kann das wirklich die Lösung sein? Ich habe in der Familie den Missbrauch von Alkohol erlebt, ohne dass Medikamente beteiligt waren. Ich weiss daher: Alkohol ist nie eine Lösung! Das Leid kommt schleichend, auch wenn es am Anfang den Anschein macht, mit Alkohol sei alles besser und leichter zu ertragen. Aber das ist ein riesengrosser Trugschluss. Man verliert nicht nur die Achtung vor sich selbst. Nein, man kann auch die ganze Familie verlieren.

Das Thema Schmerz macht mich oft sehr traurig und ratlos, da ich aus eigener Erfahrung weiss, wie man in der Gesellschaft an so viele Grenzen stösst. Deshalb kann ich die Menschen, die zu Alkohol greifen, doch ein wenig verstehen – aber ich kann es nicht gutheissen. Es ist ein Weg, leider aber ein ganz gefährlicher.

Da sind plötzlich diese Schmerzen. Man weiss nicht, was einem fehlt. Und man hat auch noch keinen Befund. Oft geht es Jahre, bis man eine Diagnose bekommt, zum Beispiel Fibromyalgie. Familie, Freunde und Arbeitskollegen/innen nehmen uns nicht ernst, denn das Gejammer geht allen auf die Nerven. Dann heisst es ganz schnell: ständig hast du was und immer wo anders. Irgendwann verstummt der/die Leidende. Da die Medikamente den gewünschten Erfolg meisten nicht erbringen, greifen viele zum Alkohol. Und so entsteht die Abwärtsspirale: Die Schmerzen nehmen zu, der Konsum von Medikamenten und oft auch von Alkohol steigt. Es folgt der Arbeitsverlust, was wiederum massive Probleme auslöst, nämlich Existenzangst. Und so kommt der Gedanke auf, man brauche unbedingt eine IV-Rente, und die Probleme wären gelöst. Diese Problematik sollte man unbedingt im Einzelfall betrachten, denn jeder Schmerzpatient hat seine eigene Geschichte.

Vor fünf Jahren hatte ich über einen längeren Zeitraum Beratungsgespräche mit einer damals 42-jährigen Frau. Sie litt an Fibromyalgie, war verheiratet und hatte drei Kinder. Ihr Ehemann verliess sie wegen ihrem Alkoholproblem, und nun kämpfte sie um das Sorgerecht der Kinder. Erst als sie beinahe alles verloren hatte, ging sie in eine Entziehungskur und konnte vom Alkohol loslassen. Sie bekam zwar keine IV-Rente, jedoch soziale Unterstützung, und sie ging in eine Selbsthilfegruppe von ehemaligen Alkoholikern. Sie lernte dort einen neuen Lebenspartner kennen, mit dem sie bis heute zusammen ist. Manchmal haben solche Geschichten auch einen guten Ausgang, aber nur, weil sich die Menschen ihrem Schicksal gestellt haben.

Überlegen Sie also, bevor Sie Ihre Schmerzen oder Ihren Kummer mit Trinken löschen wollen. Denken Sie an die Risiken und Folgen. Schmerzmittel und Alkohol vertragen sich nicht. Besonders ältere Menschen gehen ein hohes Risiko ein. Denn im Alter baut der menschliche Körper den Alkohol um einiges langsamer ab, was dessen Wirkung verlängert.

Wenn ich an all diese Dinge denke, fällt mir ein, was Alexander Roda, ein österreichischer Schriftsteller und Publizist, einmal sagte: „Einmal sollte man nur so zur Probe leben dürfen. Und dann noch einmal richtig.“ Ob das die Lösung für all unsere Probleme wäre, sei dahingestellt!

Lesen Sie hier die anderen Schmerz-Lektionen