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Ein Kloss im Hals

Kloss im Hals wp

Haben Sie das Gefühl, irgendetwas stecke in Ihrer Kehle? Müssen Sie ständig schlucken und sich räuspern? Dann haben Sie womöglich ein Globus Syndrom und sollten diesen Bericht unbedingt lesen.

Haben Sie heute schon geschluckt? Wann zum ersten Mal nach dem Aufstehen, wann zuletzt? Vielleicht schlucken Sie gerade in diesem Moment? Schlucken gehört zu unserem Alltag wie essen und trinken; es passiert meist unbewusst, ohne dass wir etwas dazu tun müssen – und ohne, dass es stören würde.

Das geht aber nicht allen Menschen so. Fast jeder Zehnte leidet irgendwann im Leben unter starken unangenehmen Empfindungen im Hals oder Rachen, die Monate oder gar Jahre anhalten können; und das, obwohl sich keine körperlichen Ursachen für diese Beschwerden finden. „Da ist ein Klossgefühl im Hals“, „es kratzt ständig in meinem Rachen“, „es ist, als ob da etwas in meiner Kehle steckt, sie geschwollen ist“, „es kratzt oder schmerzt“; „ich möchte das Gefühl irgendwie loswerden, muss immer wieder schlucken oder mich räuspern, aber ich bekomme das einfach nicht weg“, so werden die Beschwerden typischerweise beschrieben. Was sonst eine Selbstverständlichkeit ist – den Hals zum Schlucken, Essen, Trinken, Atmen, Sprechen zu benutzen – wird mühsam und anstrengend. Die Aufmerksamkeit kreist mehr und mehr um den Hals. Dauert dieser Zustand länger an, werden die Beschwerden zur Qual; das Leben verliert an Qualität, was wiederum Ängste und Depressionen auslösen kann. Betroffene leiden unter dem „Globus Syndrom“.

Globus Syndrom – schon wieder eine neue Modediagnose? Eher nicht. Schon die alten Griechen, voran Hippokrates, der Vater der modernen Medizin, beschrieben vor ca. 2500 Jahren die chronischen Beschwerden im Hals. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts benannte ein gewisser John Purcell die Beschwerden als „Globus Hystericus“; eine Bezeichnung, die heute jedoch nicht mehr verwendet wird. Das erste Wort „Globus“ – als ob da eine Kugel, ein Kloss, ein Etwas im Hals wäre – ist allerdings bis heute geblieben. Meist wird nun einfach von „Globus Beschwerden“ oder „Globus Syndrom“, selten auch „Globus Pharyngeus“ oder „Globus Pharyngis“ gesprochen.

Woher kommen die Beschwerden, wo sich doch meist keine körperliche Ursache für sie finden lässt? Geben Redensarten einen Hinweis? „Meine Sorgen schnüren mir die Kehle zu“; „ich ersticke in Arbeit“; „da habe ich meinen Ärger mal wieder runter geschluckt“; „da ist mir das Lachen im Hals stecken geblieben“ sagt der Volksmund. Manche sehen darin einen Hinweis, dass ‚Psyche’ und ‚Beschwerden im Hals’ eng zusammenhängen. Anscheinend können tatsächlich Verspannungen und Stress manche Globus Symptome auslösen. Vermutlich spielt auch eine Rolle, wie stark die eigene Aufmerksamkeit auf Beschwerden im Hals gelenkt wird – womöglich als Folge zurückliegender Erfahrungen. Kurz gesagt: Es gibt viele Vermutungen, aber die Ursache für Globus Beschwerden wurde bislang nicht gefunden.

Alles nur Einbildung? Sicherlich nicht. Die Beschwerden im Hals sind echt, belasten die Betroffenen, schränken ein, rauben Lebensqualität. Inzwischen weiss man, dass fast alle Organsysteme, zum Beispiel der Magen-Darm-Trakt oder die Haut, von Beschwerden ohne organische Ursachen betroffen sein können. Und was das Wichtigste ist: es gibt Möglichkeiten, solche Beschwerden erfolgreich zu behandeln.

Folgende Fragen können einen ersten Hinweis geben, ob man womöglich vom Globus Syndrom betroffen ist: Haben Sie oft störende Empfindungen im Hals? Verwenden Sie relativ viel Zeit darauf, an Ihren Hals zu denken oder sich mit ihm zu beschäftigen? Auch durch eine ärztliche Untersuchung findet sich keine klare Ursache für diese Beschwerden? Werden alle drei Fragen mit ja beantwortet, sollte das Vorliegen eines Globus Syndroms gemeinsam mit einer Fachperson abgeklärt werden.

Bisher gibt es leider nur wenige wissenschaftliche Hinweise, wie das Globus Syndrom wirksam behandelt werden kann. Aber es gibt vielversprechende Erfahrungen mit ähnlichen Beschwerden in anderen Köperbereichen. Betroffene können durch eine auf körperliche Beschwerden ausgerichtete Psychotherapie oft langfristig von Ihren Leiden befreit werden. Forscher der Psychologischen Fakultät der Universität Basel untersuchen in einer aktuellen Studie, ob das Globus Syndrom durch Psychotherapie erfolgreich behandelt werden kann. „Wir hoffen durch diese Studie besser zu verstehen, wie Globus Beschwerden entstehen und wie wir Betroffenen am besten dabei helfen können, wieder zufrieden ihren Alltag zu leben“, sagt Gunther Meinlschmidt, Psychologe, Psychotherapeut und Leiter der Studie. Noch steht die Wissenschaft am Anfang und es gelingt nur mühsam, die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen, um ein besseres Bild von den Beschwerden zu bekommen. Aber „so viele Menschen leiden unter Globus Beschwerden“, sagt der Forscher, „es ist höchste Zeit, das zu ändern“.

Betroffene, die an der Studie der Universität Basel teilnehmen möchten, können sich unter der Telefonnummer 061 267 07 31 oder per E-Mail (soma–psycho@unibas.ch) melden.