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Ein Leben im Kampf gegen den Krebs und für die Patienten

Krebs ist ein Teil des Lebens. Und Krebs bestimmt sein Leben. Der grosse Krebsarzt Prof. Thomas Cerny steht am Ende seiner beruflichen Laufbahn und spricht über Quantensprünge in der Krebstherapie, mangelnde Prävention, skandalöse Preise, Schikanen und über offene Fragen.

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Am 1. Mai ist Schluss. Altershalber. Aber sein Leben im Kampf gegen den Krebs geht weiter. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern übt unverhohlene Kritik an der Zweiklassenmedizin, an den Krankenkassen, der Pharmaindustrie und der Politik. Weil er nicht länger mitansehen kann, wie der Fortschritt in der Medizin torpediert, die Ärzte schikaniert und den Patienten wirksame Behandlungen vorenthalten werden. Zwei Jahrzehnte lang prägte Prof. Thomas Cerny die Onkologie, nicht nur am Kantonsspital St. Gallen als Chefarzt, sondern auch in der Schweiz und über unsere Landesgrenze hinaus. Jahrelang war er Präsident der Krebsliga und der Krebsforschung Schweiz. Dieses Amt will er noch eine Weile behalten, auch wenn er jetzt 65 Jahre alt geworden ist.

Tausend verschiedene bösartige Erkrankungen

«Vor zwanzig Jahren waren wir nur in kleinen Schritten unterwegs. Was seither geschah, konnte damals kaum jemand erahnen. Wir haben in der Zwischenzeit gelernt, besser zu verstehen, wie Tumorzellen entstehen und wie wir sie angreifen können», resümiert Prof. Cerny. «Es bleibt ein langer Weg. Unser Wissen ist immer noch sehr bruchstückhaft. Krebs ist äusserst komplex. Es gibt mehr als Tausend verschiedene bösartige Erkrankungen. Und bei jedem Menschen verläuft jede dieser Tausend Krebsarten wieder anders.» Wie kommt es überhaupt zu Krebs? Weshalb bestraft uns die Natur oder Gott mit dieser Geissel? «Das liegt im Wesen der Natur und ihrer unglaublichen Plastizität. Jede einzelne Zelle hat eine ungeheure Kreativität. Das Leben ist in dauernder Veränderung. Nur dort, wo es Veränderung gibt, gibt es auch Fortschritt. Ob eine Veränderung nützlich oder schlecht ist, weiss die Natur nicht im Voraus. Veränderung schliesst die Möglichkeit für unkontrolliertes Wachstum mit ein. Krebs ist aus der Sicht der Natur damit einfach eine Spielform des Lebens.»

Gibt es einen grossen Durchbruch? «Zu 99 Prozent sind es die kleinen Schritte, die uns vorwärtsbringen», sagt Prof. Cerny. «Doch eine Ausnahme gibt es, die Immunonkologie, aktuell die Checkpoint-Inhibitoren, mit deren Hilfe es gelingt, dass Krebszellen von der körpereigenen Abwehr als fremd erkannt und somit bekämpft werden können. Sie haben für die Krebstherapie eine epochale Bedeutung und bringen uns einen noch nie dagewesenen Fortschritt. Wir sind bald in der Lage, mit Hilfe von Immuntherapien mehr Patienten mit weit fortgeschrittenen Krebserkrankungen zu heilen, die noch vor wenigen Jahren verloren waren. Ich denke an das metastasierende Melanom, an Lungen-, Nieren und Blasenkrebs oder auch an Leukämien und Lymphome. Plötzlich ist es möglich, dass 30 bis 40 Prozent der Patienten in eine langfristige Remission kommen. Und die Zahlen werden ständig noch besser. Fortgeschrittene Tumorleiden und Tumorstadien werden behandelbar und sogar heilbar, wie wir es nie erträumt hätten.»

Mehrheit lässt sich heilen

Prof. Cerny weiss, dass es noch viel zu tun gibt, dass es Tumorarten gibt, wo die Prognose noch niederschmetternd ist. So bei vielen Hirntumoren und auch beim Bauchspeicheldrüsenkrebs. Dennoch, die Mehrheit aller Krebserkrankungen lässt sich heute heilen. Und die Mehrheit der Patienten, die nicht geheilt werden können, haben eine Chance, trotz ihrer Krankheit länger als fünf Jahre zu leben. Das ist nicht selbstverständlich. So war es wichtig, dass die klinische Krebsforschung in die Schweizer Spitäler Einzug hielt. Prof. Cerny bemühte sich stets, dass die Patienten in der Schweiz möglichst früh und möglichst überall vom Fortschritt profitieren konnten. Heute ist aber genau dieser Fortschritt in Gefahr. «Wir haben eine versteckte Rationierung und eine beginnende Zweiklassenonkologie. Die meisten Krebsmedikamente sind massiv überteuert. Wir zahlen mit unseren Steuern Milliarden für die Universitäten, die Ausbildung und die Forschung. Wohl 90 Prozent des echten Fortschritts sind das Resultat der öffentlichen Hand und nicht von Firmen. Dass die Pharmaindustrie den Erfolg nur für sich beansprucht und ihn alleine kommerzialisiert, ist ungerechtfertigt. Ich sage es offen: Das ist ein Geschenk der Öffentlichkeit an die Pharmafirmen. Und dass diese Firmen dann noch mehr Geld in das Marketing stecken als in die Forschung, stört mich noch mehr. Wir Ärzte brauchen kein Marketing, keine Werbung, keine teuren Broschüren. Das alles können sich die Firmen sparen. Jeder Rappen ist nutzlos, den eine Firma ausgibt, um uns Ärzten beizubringen, dass wir ihre Produkte einsetzen sollen. Wir haben ein Solidargesundheitswesen und brauchen keine Werbung.»

Zulassungen strenger, Auflagen enger

Harte Worte. Doch sie sind bewusst gewählt. Vieles laufe im Schweizer Gesundheitswesen schief. Und das müsse endlich gesagt sein. «Jeder in unserem Land hat das Anrecht auf die bestmögliche medizinische Versorgung. Aber das ist heute mehr und mehr Utopie.» Die Überteuerung der Medikamente treffe aber nicht nur die Patienten. Sie schlage auch auf die Pharmaindustrie zurück. «Die Zulassungen werden strenger, die Auflagen enger. Jetzt müssen die Firmen nicht nur die Wirksamkeit, sondern auch den medizinischen und ökonomischen Nutzen ihrer neuen Medikamente belegen. Das sind die Reaktionen der Behörden auf die überrissenen Preise.» Was ist die Folge? Der Zugang zu den Therapien werde weiter erschwert, anstatt dass die Preise sinken. Weil der Bund nicht den Mut habe, endlich die Preisdiskussion offen zu führen, würden die Krebsmedikamente im Endeffekt noch teurer und immer weniger Menschen vorbehalten bleiben.

Patienten bekommen nicht die nötige Behandlung

Prof. Cerny will den Firmen faire Preise zugestehen, aber er fordert ein Ende der «perversen Preispolitik in der Krebsmedizin». Menschen mit lebensbedrohlichen Krankheiten sollen unabhängig von ihrem Einkommen und ihrer Krankenkasse Zugang zu den besten und wirksamsten Therapien haben. Die Ungleichbehandlung, die zurzeit stattfindet, sei unvereinbar mit unserer Verfassung und dem ethischen Auftrag. Unerträglich findet Cerny auch die Schikanen der Krankenkassen. «Sie versuchen mit allen Mitteln, uns Ärzten das Leben und den Einsatz der neuen Medikamente so schwer wie möglich zu machen. Die Kostengutsprachen werden unnötig verzögert, die Entscheidungen sind fachlich sehr häufig inkompetent und inkonsistent, und die Krankenkassen ignorieren auch die Voten der eigenen Vertrauensärzte. Sie übermüllen uns mit Papier. Auch werden Vertrauensärzte eingesetzt, die nichts von Onkologie und Interpretation von Studiendaten verstehen. Das führt dazu, dass Patienten nicht die nötige Behandlung bekommen. Ich könnte Hunderte von Fällen nennen. Dass wir Ärzte heute unter dem Joch und der Willkür der Krankenkassen unsere Patienten behandeln müssen, ist ein Skandal. Es ist höchste Zeit, dass Bundesrat Berset und sein BAG-Direktor Strupler sich wieder für die lebensbedrohten Patienten einsetzen.»

Keine griffige Prävention

Aber auch an uns alle richtet Cerny mahnende Worte. «Krebs ist nicht einfach nur Schicksal. Die Hälfte aller Krebserkrankungen liessen sich verhindern, wenn wir nicht rauchen, uns genügend bewegen, weniger rotes Fleisch, dafür viel mehr Gemüse und Früchte essen und Übergewicht und zu viel Alkohol vermeiden würden. Obwohl wir das alles wissen, haben wir in unserem Land keine griffige Prävention. Unser Parlament sabotiert unter dem Deckmantel der Freiheit Massnahmen, die wissenschaftlich schon längst anerkannt und als wirksam belegt sind und uns vor unheimlich viel Leid und Kosten in Milliardenhöhe bewahren würden.»

Wenn Prof. Cerny über Krebs spricht, spürt man sein Engagement, sein inneres Feuer für die Patienten, ja für die Menschen überhaupt. Das bedeutet für ihn auch, offen zu sein für ihre Bedürfnisse und ihre Ängste bis zu den letzten Augenblicken des Lebens, wenn nicht mehr Wirkstoffe gefragt sind, sondern eine tröstende Hand, ein unterstützendes Wort und ein mitfühlendes Herz. «Vielen Menschen ist es wichtig, die Dinge zu ordnen, bevor sie gehen. Beziehungen, die in dieser Welt auseinandergebrochen sind, zu klären. Und es gibt Menschen, die auf ihre Zweifel zurückgeworfen werden und verstehen wollen, was mit dem Tod auf sie zukommt.» Auch er selber kenne solche Zweifel. «Wohin gehen wir? Sind wir Teil eines unendlich Ganzen? Sind wir eingebettet in einen ewigen Kreislauf des Lebens? Sind wir alle nur ein Produkt des Zufalls, oder gibt es eine äussere Macht, die alles umfasst? Ich weiss es nicht. Und ich werde mich wohl dereinst verabschieden von dieser Welt, ohne dass ich endgültige Antworten habe. Wir wurden ungefragt geboren und wir werden meistens auch wieder ungefragt abgeholt. Für eine kleine Weile sind wir Gäste auf dieser Welt. Wir bekommen die Chance, in einer winzigen Zeitspanne etwas zu erreichen und dann in aller Bescheidenheit wieder zu gehen.»