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Ein Skandal ohne Ende

Das Leiden für die Mehrheit der 80’000 mit Hepatitis C Infizierten in der Schweiz geht weiter, weil der Bund und die Pharmafirmen auf stur schalten. Die führenden Experten in der Schweiz kritisieren in einem offenen Brief die Verantwortlichen scharf und fordern freien Zugang für die hochwirksamen Medikamente.

stop hepatitis

Die Krankheit ist tödlicher als Aids. Und sie wurde dennoch verschlafen. In unserem Bericht Der Hepatitis Skandal schilderten wir die für unser Land unhaltbare Situation: 80’000 Menschen sind mit Hepatitis C infiziert. Die Dunkelziffer ist hoch. Zum Vergleich: Von HIV betroffen sind rund 15’000 Menschen. Seit Jahren sterben in der Schweiz mehr Menschen an Hepatitis als an Aids. Die chronische Hepatitis ist die häufigste Ursache für Leberkrebs und Lebertransplantationen.

Es ist nicht übertrieben, bei der Therapie der Hepatitis C von einer Revolution zu sprechen. Dank neuen Medikamenten sind bei der Hepatitis C Heilungsraten von über 90 Prozent möglich. Die Therapiedauer ist gegenüber den herkömmlichen Mitteln deutlich kürzer, die Verträglichkeit um Längen besser. Das Problem sind die sehr hohen Behandlungskosten. Deshalb schränkte das Bundesamt für Gesundheit die Anwendung der neuen Medikamente massiv ein und will sie jetzt nur ein klein wenig lockern. Nach wie vor werden in einem der reichsten Länder der Welt hochwirksame Medikamente Patienten verweigert, die mit höchster Wahrscheinlichkeit von einer potentiell tödlichen Krankheit geheilt werden könnten. Und dies im Widerspruch zu den geltenden internationalen Behandlungsrichtlinien

Lesen Sie hier den Brief im Wortlaut:

Offener Brief an das Bundesamt für Gesundheit und die Vertreter der Pharmaindustrie mit Aktivität in der Behandlung der Hepatitis C

Sehr geehrter Herr Strupler, sehr geehrter Herr Peters,

Sehr geehrte Vertreter der Pharmaindustrie,

In den letzten drei Jahren wurden mehrere neue Hepatitis-C-Medikamente zugelassen. Diese Therapien sind sehr gut verträglich und heilen die Hepatitis-C-Infektion bei mehr als 90% der Behandelten. Die sehr hoch angesetzten Preise dieser Therapien verunmöglichten eine Behandlung aller Patienten und haben zu Beschränkungen (Limitationen) der Rückvergütung durch die Krankenkassen geführt. Zurzeit können in der Schweiz nur Patienten mit höhergradigem Fibrosegrad, also fortgeschrittener Krankheit, oder schweren Krankheitssymptomen behandelt werden.

Das BAG teilt am 31. Oktober 2016 mit, dass nach erneutem Austausch mit medizinischen Experten die Limitatio der Hepatitis-C-Medikamente etwas erweitert, aber nicht aufgehoben werden soll. Wir, die befragten Experten, haben am 28. Oktober 2016, im Einklang mit internationalen Behandlungsrichtlinien, für einen universellen Zugang zu diesen Medikamenten plädiert. Wir haben diese Empfehlung mündlich und schriftlich begründet.

Wir bedauern, dass es in Verhandlungen zwischen dem BAG und den Pharmafirmen bisher nicht gelungen ist, tiefere Preise festzulegen, welche einen uneingeschränkten Zugang zu diesen Medikamenten in der Schweiz ermöglichen würden. Die internationalen Behandlungsrichtlinien befürworten eine Behandlung der Hepatitis C unabhängig vom Fibrosegrad, was in Australien und wohl bald auch in Frankreich umgesetzt wird.

Eine Einschränkung der Verschreibung auf bestimmte Patientengruppen führt zu einer Diskriminierung der anderen, geht mit einem massiven administrativen Mehraufwand in den Verhandlungen mit den Krankenversicherern einher und verhindert in vielen Fällen die medizinisch beste Option. Wir können beispielsweise einem Patienten, welcher durch Blutprodukte mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert wurde, oder einer jungen Frau, welche eine Schwangerschaft plant, nicht plausibel erklären, wieso wir diese chronische Infektion nicht behandeln dürfen.

Viele Patienten, denen wegen der Limitatio die Behandlung nicht verschrieben werden kann, leiden. Die Zahl der Patienten, die selber aus Verzweiflung Generika aus Indien importieren, nimmt zu. Diese Praxis ist risikoreich und nicht mit unseren Qualitätsstandards zu vereinbaren.

Neue Verhandlungen des BAG mit den Pharmafirmen sind dringend notwendig, sodass für das Jahr 2017 Preise festgelegt werden können, welche die Behandlung für alle ermöglichen.

Mit freundlichen Grüssen

Prof. Hansjakob Furrer, Prof. Andri Rauch, Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie
Prof. Beat Müllhaupt, Präsident Schweizerische Gesellschaft für Gastroenterologie
Prof. Andrea de Gottardi, Präsident Swiss Association for the Study of the Liver
PD Dr. Philip Bruggmann, Präsident Swiss Experts in Viral Hepatitis
PD Dr. Jan Fehr, Co-Präsident AG 1 Klinik und Therapie HIV&STI der Eidgenössischen Kommission für sexuelle Gesundheit (EKSG
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