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Eine Liebeserklärung an die Liebe

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Die Liebe kommt nicht per Zufall und fällt nicht vom Himmel. Wer sich liebevoll um sie bemüht, findet einen leichteren Zugang zu ihr. Und wer den Verstand einsetzt, kann sie zu einem Teil sogar steuern. Jürgen Steiner gibt Hinweise, wie die Liebe bessere Chancen hat, Sie zu ­finden oder bei Ihnen zu bleiben.

Wir sehnen uns nach Konstanz und Neuem. Und zwischen diesen zwei Polen suchen wir die Balance. Dies scheint ein Lebensprinzip zu sein; es ist das, was wir uns wünschen. Auch in der Liebe.

Wer eine lange oder längere Beziehung pflegt, kann stolz sein. Stolz auf die Beständigkeit. Es gibt auch Menschen, die eine konstante Beziehung oder Ehe hatten und diese nun durch Trennung oder sogar durch Tod verloren haben. Wenn das auf Sie zutrifft, seien Sie zum Weitermachen ermutigt. Es braucht eine Zeit, die Trauer und die Enttäuschung zu überwinden. Irgendwann ist es dann soweit: Wir suchen neu einen Menschen an unserer Seite. Für solch ein Projekt, den Beziehungsneustart, braucht es Mut, Einsatz und Musse. Der Frühling ist eine gute Zeit dafür.

Wie nennen wir solche Beziehungen, wie wir sie uns wünschen? Langdauernd? Oder dauerhaft? Mit diesen beiden Worten wird eher der Zeitaspekt betont. Wie wäre es mit fest? Fest unterstreicht aber eine gewisse Enge. Nur der Zeitaspekt ist es nicht, was wir uns wünschen, und nur etwas Festgezurrtes widerspricht unserem Wunsch nach Freiheit. Wie wäre es mit dem Begriff langlebig? Wir könnten sagen: «Wir sind schon lange gemeinsam lebendig.» Das tönt doch gut. Und: Langlebig wäre eine begriffliche Entlehnung aus der Altersforschung – so heissen nämlich die über Hundertjährigen, von denen es ja immer mehr gibt und geben wird. Es ist das Privileg der Hundertjährigen, dass mit ihnen ein Altersbegriff gekoppelt ist, der positiv ist. Sonst sind alt und negativ Worte, die miteinander eine schnelle Verbindung eingehen. Für gelingende Beziehungen sollten wir uns also den Begriff schnappen.

Hundert ist natürlich eine ordentliche Ansage für die Dauer einer Beziehung – aber so etwas wie die Diamantene Hochzeit ist doch mal eine Zielvorstellung. Übrigens: Das Leben und das Eheleben dauern heute viel länger als noch vor fünfzig Jahren. In einem langen Leben gibt es verschiedene Phasen und auch verschiedene Menschen. Das Gegenteil der langlebigen Beziehung ist nicht die gescheiterte Beziehung. Manchmal sind Dinge auch einfach vorbei, und es ist unsere Aufgabe, friedlich das Feld zu verlassen. Das Wort scheitern braucht es nicht. Die friedliche Trennung ist eine anspruchsvolle Aufgabe, für die es Zeit braucht: Auf dem Boden von erloschener Lava kann man nicht so schnell Gemüse pflanzen, wenn man aber lange wartet, geht es.

Der Mai ist der Wonnemonat für Farben und Düfte: Feiern Sie die Lebendigkeit Ihrer langen Beziehung, gehen Sie auf Menschen zu, beginnen Sie wieder neu. Beginnen Sie neu mit einem unbekannten Menschen oder beginnen Sie neu mit dem Menschen, der Sie schon lange begleitet. «Im Frühling spüren wir, dass wir noch in der Kennenlernphase sind». Wenn Sie das nach zehn Jahren Ehe sagen können, ist das wunderbar. Es zeigt, dass das Neue, das Überraschende nicht als Schicksal von aussen, sondern vom Inneren der Zweierbeziehung kommt.

Frühling und Vielfalt überall. Schauen Sie sich einfach um. Es ist die Jahreszeit der Gedichte und schönen Bilder. Endlich ist die dunkle Jahreszeit vorbei –, und nun spüren wir die Kraft. Wir brauchen uns nur in den Strom der Kraft zu begeben. Das ist ganz einfach und geschieht von selbst, wenn Sie mit allen Sinnen durchs Freie gehen. Und, wenn es mal einen regnerischen Tag gibt, dann leihen Sie sich für Ihre vier Wände den Film Bambi von Walt Disney aus. Der ist immerhin über siebzig Jahre alt. Frisch ist er aber immer noch: Schauen Sie sich die Szene an, in der wieder Frühling wird und die Blumen und die Tiere ihre Freude ausdrücken. Alle singen und springen und freuen sich miteinander. Die gute Laune wird Sie anstecken. Und: Machen Sie einfach mit; springen Sie, jauchzen Sie und singen Sie «tirili» – das machen Sie natürlich leise und als symbolische Handlung.

Oben war als Ziel die Diamantene Hochzeit genannt. Aber diese Auszeichnung ist ja erst einmal die Medaille für eine lange Zeit. Was sind über die Zeitspanne hinaus die Inhalte für «lange gemeinsam lebendig»? Für die Antwort passt das Wort ebenbürtig sehr gut. Wenn sich zwei selbstbewusste, sich selbst sinngebende Erwachsene treffen, kann es eigentlich nicht durchgängig harmonisch sein. Sich selbst Sinn geben ist ja gleichbedeutend mit eigensinnig. In einer ebenbürtigen, erwachsenen Beziehung zweier Menschen, die für ihr Selbst sorgen, sind Spannungen nicht nur normal, sondern auch erwünscht. Klar ist Harmonie wunderbar. Aber wohlwollende Konfrontation, sich mitteilen und öffnen in schwierigen Situationen, das Entwickeln einer Streitkultur sind Dinge, die jeden Einzelnen und die beiden als Paar weiterbringen. Dabei spielen aufrichtige Gefühle eine wesentliche Rolle. Und Gefühle in einer Liebe sind nicht immer zwingend positiv.

Wenn es auch erlaubt ist, negative Gefühle zu zeigen oder impulsiv über das Ziel hinauszuschiessen, dann kann man sich selbst als ungeschminkte Person zeigen. Gefühle sind der Antrieb für jede Freundschaft und auch für die lange lebende Beziehung. Es darf ruhig mal krachen – der Partner ist ja nicht dafür da, unsere Sehnsucht nach Harmonie zu befriedigen. Also: Wenn Sie Harmonie miteinander haben, dann geniessen und feiern Sie diese. Und wenn es dysharmonisch ist, ist das Teil der Lebendigkeit. Es kann ein Aufruf sein zum Innehalten und zum Nachdenken. Nachdenken über sich, über den Partner oder über die Beziehung. Dysharmonisch grenzt sich aber klar von destruktiv ab. Destruktivität zeigt sich in Abwertungen, in Abschottung, in Flucht, und in vielen anderen Facetten.

Negative Gefühle sind hoffentlich nicht die Dauerbegleiter im Alltag Ihrer Beziehung. Natürlich dürfen diese manchmal auftauchen und Impulse geben. Negativität darf aber nicht zum Grundgefühl der Beziehung werden. Ebenso verhält es sich mit Kritik: Kritik darf nicht zur Hauptkommunikationsform werden.

Vielleicht ist es etwas gewagt, aber die Erfahrung zeigt, dass Kritik eine gern verwendete weibliche Form der Kommunikation in einer Beziehung ist. Da sollten wir wachsam sein. Im Wort Ratschläge versteckt sich nicht umsonst das Wort Schläge. Bevor Sie etwas raten, sollten Sie anfragen, ob Ihr Gegenüber einen Rat wünscht. Und wenn ja, dann schlagen Sie ihn nicht mit dem Rat. Warum tendieren wir dazu, etwas zu kritisieren? Kritik hat ja eigentlich einen guten Ruf. Kritik ist eine Säule der Demokratie. Und in der Beziehung zeigt man schliesslich damit Interesse an. Interesse am anderen, Interesse am Gemeinsamen, Interesse daran, dass alles besser werden soll. Auch in der Arbeitswelt ist Kritik wichtig: Am Arbeitsplatz würden wir sagen, dass Qualität einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess voraussetzt. Wir überlegen mit unserem Vorgesetzten, was besser werden könnte. Was folgern wir aus all dem? Eine Beziehung funktioniert anders als eine Demokratie und anders als die Arbeitswelt. Was dort richtig ist, muss hier mit Vorsicht angegangen werden.

Kritik ist jedoch auch in der Beziehung natürlich nicht ganz falsch. Sie muss aber gut dosiert werden. Gut ist, wenn sie erwünscht und freundlich formuliert ist. Nein, Sie sollen nicht alles «durch die Blume sagen». Direktsein ist erlaubt. Beginnen Sie so, dass Sie fragen: «Darf ich dir hierzu etwas sagen?» Und dann werden Ihre Ausführungen davon geleitet, dass Ihr Gegenüber sein Gesicht wahren kann. Das können sehr konkrete Sätze sein. Aber eben unter Wahrung der Höflichkeit. Mit Abwertungen, die gerne über die Form Anspielung und Humor transportiert werden, geht es nicht. Und wenn sich per Tonfall oder Wortwahl Beleidigungen untermischen, geht es überhaupt nicht. Also: Vorsicht, ruhig angehen lassen und geduldig sein. Geduld und Grosszügigkeit in Sachen Beziehungskritik braucht es auf beiden Seiten: Männer wollen Dinge richtig machen und haben nicht gerne Misserfolge. Und: Männer sind nach der Ablösung von ihrer Mami einfach oft allergisch gegenüber jeglichen Erziehungsmassnahmen.

Ihr Partner will es recht machen, und Sie stellen sich das Ganze anders vor? Bleiben Sie einfach nett und suchen Sie nette Formen der Kritik-Mitteilung. Wenn Ehrlichkeit verletzt, handelt es sich eben nicht um Ehrlichkeit, sondern um Taktlosigkeit. Vielleicht hilft eine Gedächtnisstütze: Verhalten Sie sich so, wie Sie sich Ihrer besten Freundin gegenüber verhalten, oder so, wie Sie es sich von ihr wünschten. Die Freundin wollen Sie doch sicher behalten, oder? Und deshalb lassen Sie Vorsicht, Geduld und Grosszügigkeit walten. Ist der nachfolgende Beispielsatz nett? Prüfen Sie bitte mal: «Also wirklich, dieses doofe Sport-T-Shirt gehörte schon lange in den Müll – ist doch gut, wenn ich das gestern für dich schon gemacht habe.» Das würden Sie in einer vergleichbaren Situation Ihrer Freundin so sicher nicht sagen. Warum sollte das dann in einer Partnerschaft erlaubt sein? Weibliches Fazit: Verbieten Sie sich destruktives Nörgeln. Sollten Sie ein männlicher Nörgler sein, gilt natürlich das Gleiche.

Die Herren seien aber auch speziell angesprochen. Sie sollten beachten, dass Gespräche der entscheidende Angelpunkt in jeder Beziehung sind. Es ist das, was Paare zusammenhält. Wenn das so wichtig ist, sollten wir Gesprächen Zeit und Raum geben. Und wir sollten auch psychisch tatsächlich anwesend sein: Während des Telefonats mit der Dame des Herzens orgeln wir nicht gleichzeitig auf unserem Computer rum oder bearbeiten noch gerade ein paar Mails. Und beim Tischgespräch googeln wir bestimmt nicht nebenbei schnell die Tramverbindung. Bei einem Konfliktgespräch entspannen wir uns und schalten auf Empfang. Schluss mit Ablenkung. Seien Sie präsent, hören Sie zu. Gehen Sie darauf ein, was Sie von Ihrem weiblichen Gegenüber hören, greifen Sie Dinge auf, fragen Sie nach. Wiederholen Sie, nehmen Sie Anteil. Männliches Fazit: Verbieten Sie sich einen multitaskingüberlagerten Talk und üben Sie sich in ungeteilter Aufmerksamkeit. «Du bist jetzt in diesem Gespräch der wichtigste Mensch für mich» – bringen Sie das Ihrer Dame jeden Tag mindestens einmal rüber. Sie werden sicher belohnt. Der Auftrag für die Männer ist für diesen Abschnitt in der Menge an Worten etwas kürzer ausgefallen. Aber: Nörgeln und Nicht-anwesend-Sein sind gleichberechtigte Zerstörer der Liebe. Sollten Sie eine weibliche Multitaskerin sein, gelten natürlich die gleichen Hinweise. Geben Sie Ihrer Beziehung oder Ihrer Ehe einfach das Motto «we are best friends». Dann brauchen Sie nicht weiter zu grüblen. Echte Freundinnen und echte Freunde nörgeln nicht und sind für Sie gedanklich da.

Männer und Frauen sind tatsächlich verschieden. Fragen Sie Ihren Partner, was er glaubt, was ein typischer Männerfilm ist. Ein Film, den er besonders schätzt und von dem er schwärmt. Und umgekehrt: Fragen Sie Ihre Partnerin nach ihren Lieblingsfilmen. Vielleicht gibt es ja Überschneidungen? Belassen Sie es nicht beim Erzählen der Story. Schauen Sie sich die Streifen gemeinsam an. Besuchen Sie die Welt von Helden im Boxring, versuchen Sie mitzufiebern. Verbrauchen Sie Papiertaschentücher, wenn sich die Liebenden finden, oder wenn Sie sich eben nicht finden. Und nach dem Film machen Sie eine Art Nachbesprechung. Werden Sie zum begeisterten Filmkritiker für den Lieblingsfilm Ihres geliebten Menschen.

Unterschiedliche Vorlieben für Filme sind nur ein Sinnbild dafür, dass Männer und Frauen ihre Sinne anders einsetzen. Sie sehen und hören anders. Männer und Frauen sprechen auch anders. Steigen Sie in die Welt des anderen ein. In Sachen Filme ist das vielleicht nicht ganz so wichtig, für die Kommunikation aber schon. Denn: Für Glück und Zufriedenheit in der Partnerschaft ist das Zwiegespräch unbedingt der Schlüssel. Die Kirche unterstützt Kurse in Paarkommunikation (EPL, www.epl-kek.de). Einige wichtige Punkte für Gespräche sind:

  • Wenn ich spreche, spreche ich von mir und konkret («Letzten Montag zum Beispiel, als …»).
  • Ich bleibe beim Thema, zeige Gefühle und spreche meine Wünsche an («Mein Wunsch an dich ist …»).
  • Wenn ich zuhöre, gebe ich aktiv Signale des Interesses und fasse teilweise das Gehörte ohne Interpretationen zusammen (Ich höre von dir …»).
  • Ich knüpfe mit offenen Fragen an und lobe den Gesprächspartner, wenn er mir gute, aber auch ungute Gefühle mitteilt («Das ist wichtig für mich zu wissen …»).
  • Ich sage, was die mitgeteilten Gefühle bei mir auslösen («Wenn ich das von dir höre, dann …»).

Diese Regeln muss man nicht ständig praktizieren, in Konfliktgesprächen ist es aber gut, sie zu beachten.

Tattoos sind in Mode. Und sicher nicht von ungefähr. Wer ein Tattoo hat, den begleiten Symbole auf seinem Weg. Oder er zeigt sie. Tattoos sagen etwas über eine Person. Ob mit oder ohne Tattoo: Es ist nicht verkehrt, die für mich wichtigen Symbole oder Werte zu kennen. Dann ist es vielleicht sogar einfacher, auf einen anderen Menschen zuzugehen. Welche drei Worte oder Werte wären Ihnen so wichtig, dass Sie sich diese mit etwas Verzierung auf die Haut brennen liessen? Wie wäre es mit Glaube, Liebe, Hoffnung? Diese Dreiheit aus Korinth ist immerhin schon ordentlich alt und hat jede Menge Seefahrer begleitet. Oder gäbe es ein Symbol, das Ihnen wichtig wäre? Eine Rose vielleicht? Die weisse Rose steht für Romantik und Reinheit. Die Dornen sind ein Teil ihrer Wehrhaftigkeit, an denen man sich verletzen kann. Sollte dies geschehen, wären ein paar Bluttropfen die Folge. Und Blut wiederum steht in einigen Kulturen für die universelle Lebenskraft. Die Worte aus dem Korintherbrief und die weisse Rose waren nur Beispiele. Interessieren Sie sich für Symbole. Und für sich selbst. Lassen Sie sich Zeit. Und: Laufen Sie bitte nicht gleich ins Tattoo-Studio. Die weisse Rose könnten Sie aber noch heute im Blumenladen erwerben, und dann an jemanden verschenken.

Eine Beziehung ist eine Reise zu mir selbst. Und zwar mit einem Partner, der mir ebenbürtig ist, der mir neben Schutz und Geborgenheit auch echtes Interesse und Impulse gibt. Er darf und soll dabei durchaus auch unbequem sein. Ich werde inspiriert und aktiviert. Unbequem aufrichtig heisst aber auch, dass Reibungen vorprogrammiert sind. Deshalb braucht es neben einer Streitkultur auch eine Verzeihenskultur. Merken Sie sich dabei bitte: Zum Streiten gehören zwei, zum Kränken nur einer oder eine. Seien Sie sehr vorsichtig mit Herabsetzungen jeder Art, die gerne auch als «Schein-Humor» versteckt werden. Wie viel Reiberei soll man denn aushalten? Stellen Sie sich die Kernfrage der Beziehung: «Kann ich mich mit ihm/mit ihr an meiner Seite entwickeln, und ist etwas von körperlicher Anziehung zu spüren?» Ist die Antwort ein Ja, dann gibt es keine Frage, was zu tun ist: Einfach weitermachen. Wenn Sie sicher sind, dass Ihr Gegenüber Sie nicht absichtlich kränken wollte und Sie sich aufregen, ist das ein wunderbarer Ausgangspunkt, sich selbst zu hinterfragen: «Wenn mein Partner mich nicht ärgern wollte, warum ärgert mich mein Ich?» In dieser Frage sind Sie selbst der Akteur, der den Ärger bringt. Wenn es wirklich schwierig wird, suchen Sie Rat beim Profi. Schauen Sie in den ersten Beratungsstunden, ob er wirklich auf das Weitermachen in der Beziehung zentriert ist. Wenn Sie das Gefühl haben, seine Interventionen gehen in Richtung Trennungsberatung, können Sie überlegen, ob Sie am richtigen Ort sind.

Als Tätigkeitswort ist «lieben» etwas vom Herzen, etwas Geistiges und gleichzeitig etwas Sinnliches, Körperliches. Das ist schön. Problematisch ist es, wenn die körperliche Liebe zur Pflicht wird. Wenn sie eingefordert wird, oder als Druckmittel und als Belohnung eingesetzt wird. Würde ein König um Liebe betteln? Würde die Königin ihren König nur lieben aus Pflicht, oder weil dies als Belohnung versprochen war? Sie wissen die Antwort.

Bisher war von langlebigen Beziehungen die Rede; das Wort Ehe ist auch schon gefallen. Vielleicht gehören Sie zu den Menschen, die im Moment unfreiwillig keinen Partner haben. Falls Sie jemanden suchen, könnten Sie inserieren. Freuen Sie sich auf die Zuschriften. Die Treue könnte nach der Durchsicht der Antwortbriefe beginnen. Erteilen Sie einer Gleichzeitigkeit eine Absage: Bitte kein Multitasking per Internetportale, per SMS oder in Live-Treffen. Befristen Sie die Phase der Treffen mit mehreren Menschen. Ein «Konferenz-Dating» tut nicht gut. Gehen Sie zum Date mit dem Wunsch, den Menschen ein kleines Stück weit wirklich kennenzulernen. «Ich meine Dich» – das sollte der Tenor eines Treffens sein, unabhängig davon, ob man die Begegnung frühzeitig beendet, oder ob man merkt, dass man sich mag.

Gestern bin ich im Bahnhof Schaffhausen umgestiegen. Manchmal nutze ich die Zeit des Umsteigens für einen Espresso. Den nehme ich an der Bar in der Halle – Coffee to stay statt Coffee to go, kleine Tasse statt Pappbecher. Der Preis ist derselbe und die Zeit, die man hat, auch. Eine Frau gegenüber bestellt gerade einen Kaffe Crème. Die Dame hat den Mut für pechschwarze Haare im Pagenschnitt. Sie trägt einen einfarbigen Schal aus Seide, der eine Art Blazer oder leichte Jacke mit anthrazitfarbigen grossen Knöpfen auf beigem Untergrund unterstreicht. Das sieht gut aus. Die Dame bewegt sich sicher und aufrecht, und ich würde wetten, dass sie mal Ballett oder Modern Jazz getanzt hat oder dies immer noch tut. Ohne sie abschätzen zu wollen, nehme ich an, dass sie gut über 60 Jahre alt ist. Ich schaue zu der Goodlooking-Lady hinüber, es ergibt sich ein ganz kurzer Blick, den ich als «okay – hab dich schon gesehen, mein Lieber» deute. Mein Appell: Männer, macht einfach die Augen auf! Wache Ladies, die sich, in welcher Weise auch immer, ihren Style überlegen, stolze Damen, lesende und dabei versonnene oder schmunzelnde Frauen – all diese verdienen eine männliche Würdigung. Selbstverständlich völlig unabhängig vom Alter. Und die gute Form der Würdigung ist ein Lächeln.

Heinrich Böll, ein deutscher Nobelpreisträger, hat in einem seiner Romane das höchste Mass der Untreue sinngemäss so definiert. Es sei unerträglich, dass ein anderer Mann seiner Frau morgens beim Zähneputzen zuschauen darf. Ein durchaus nachvollziehbarer Anlass für Untreue. Aber was ist Treue? Treue ist auf jeden Fall etwas, was sich sehr viele Menschen wünschen. Oder auch erwarten. Wie viel Flirten ist erlaubt? Was ist Flirten? Der zufällige Blick oder der gesuchte Blick? Können Männer und Frauen nur Freunde sein? Darf man sich emotional ernsthaft mit einem Menschen des anderen Geschlechts einlassen, sofern man körperlich Distanz wahrt? Oder darf man sich genau umgekehrt körperlich bis zu einem gewissen Grad mit einem Menschen des anderen Geschlechts einlassen, sofern man seelische Distanz wahrt? Was ist, wenn das Seelische in einer Ehe stimmt und Zärtlichkeit und Sex dauerhaft verhungern? Verändert sich dann die Abmachung zur Treue? Das sind keine einfachen Fragen.

Allgemein sagen Ratgeber für die Beziehung, es sei gut, über Treue miteinander zu reden. Versuchen Sie es zunächst einmal so: Werden Sie erst einmal für sich selbst eindeutig, was für Sie persönlich Treue ist, leben Sie danach und sondieren Sie, ob das ein entscheidendes Thema in Ihrer Beziehung ist. Wenn Sie ähnliche Vorstellungen über Treue haben, ist es natürlich wunderbar, das zum Thema zu machen. Was aber, wenn ein grosser Graben zwischen Ihren und den Werten des Partners/der Partnerin klafft oder sich später auftut? Als genereller Treuetipp kann gelten: Schlafen Sie als Frau viel mit Ihrem Mann. Ihr Mann liebt Sie dafür. Und als Mann: Sie sind ja zum Glück nicht hilflos allen Reizen ausgeliefert. Bevor Sie handeln, können Sie ausatmen und nachdenken. Und dann stellen Sie sich vor, wie Sie sich nachher fühlen, wenn Sie so handeln würden, wie der Impuls von aussen Ihnen gerade nahezuliegen scheint.

Lebenserfahrung erzeugt Tiefe und Breite. Bringen Sie das in die Welt ein. Es gibt keinen Zweifel, dass Liebe und Lust Lebensbegleiter bis zum letzten Atemzug sind. Alt werden ist der Königsweg im Leben, wann immer «alt werden» beginnt. Pflegen Sie Körperliches, so gut es geht. Krafttraining, Walking, Schwimmen, Radfahren, Tischtennis, Tanzen sind nur Beispiele für sportliche Aktivitäten im Prozess des Alterns. Wenn Sie Hilfe brauchen, warten Sie nicht, sondern fragen Sie die Menschen.

Bleiben Sie attraktiv. Laden Sie Ihren jungen Nachbarn, der als Schreiner gerade ein eigenes Geschäft eröffnete und wenig Zeit hat, zum Essen ein – einfach so. Und Mobilität ist wichtig. Wenn der Rollator zu Ihrem Trainingsgerät wird, auch gut. Machen Sie alles langsamer, der Sturz ist eine grosse Gefahr im Alter. Kuscheln Sie mit jemanden, halten Sie den Sex aufrecht, solange es geht. Und: Eine gewisse Altersverschrobenheit ist ein wichtiges Element in unserer sozialen Gemeinschaft – er kann, ähnlich wie Kunst, der Gegenpol zu Langeweile sein. In diesem Sinne machen auch Sie als Teil der «golden age people» mit beim «tirili».

Wenn Treue und Freiheit in einer Beziehung zusammenkommen, haben Sie im Idealfall gleichzeitig ein grosses Netzwerk der Sozialkontakte und eine kleine Insel der Sexklusivität. Machen Sie es den Schwänen gleich: Bleiben Sie einfach treu. Im Tantra, der indischen Kunst vom Lieben und vom Leben, wird unter anderem Sexklusivität empfohlen. Sexklusivität könnte man ins Englische mit «deep diving» übersetzen. Tauchen Sie gemeinsam unter. Das Bett ist übrigens ein wunderschöner Ort des Schutzes und der Geborgenheit. Und des Untertauchens.

Yes, Sex, möchte man raten. Die körperliche Liebe ist Wertschätzung und eine wunderbare komplexe Form der Kommunikation. Für diesen Beitrag mögen Andeutungen reichen. Vergleichen Sie den Akt der körperlichen Liebe mit der Kultur des Essens: Es gibt unzählige Varianten, ein Menü zu zelebrieren oder sich ausgehungert simplem Fast Food hinzugeben. Man könnte ein Buch schreiben über die Kultur der Messer zum Kochen und zur Entwicklung des Essbestecks. Bildbände zum schön gedeckten Tisch gibt es schon. Und Bücher, welche die wunderbare Welt der Gewürze darstellen und in die Geheimnisse der Öle einweihen, sie sind ein Erfolg. Die Liebe ist das zeitlose Verbunden-Sein mit dem Kosmos, der das Ego überwindet. Nehmen Sie sich Zeit für den gedeckten Tisch, würdigen Sie die Speisen.

Und jetzt suchen Sie, gemeinsam mit einem netten, interessierten Menschen, nach Filmen mit echten Helden und mit Frauen, die mit Hingabe im Leben stehen.

 

Kommunikation in ­Erotik und Liebe

Jürgen Steiner nennt Grundregeln für die Kommunikation zwischen Liebenden.

  • Mehr als Worte: Wenn wir uns mitteilen, geschieht dies über Worte (verbal), über unser Stimme (paraverbal) und über Gesichtsausdruck und Körper (nonverbal). Liebe, Zugewandtheit und Begehren zeigen sich über Worte, Stimme und den Körper. Hören Sie zu – drücken Sie sich aus.
  • Kraft des Wortes: «Ich liebe dich» ist ein Satz in dem Ich und Du auf kürzestem Wege eng miteinander verbunden sind. Der Satz ist aber weniger Subjekt-Prädikat-Objekt als vielmehr Melodie und Magie. Benutzen Sie ihn.
  • Shiva und Shakti: Der männliche Part ist Energie, der weibliche Part ist Hingabe – Rollenwechsel sind erwünscht: Seien Sie ein intuitiver, hinhörender, sich öffnender Mann, seien Sie eine energetische Frau.
  • You are so beautiful: Zeigen Sie Ihrer Geliebten, dass Sie sie schön finden. Das ist auch in der tausendsten Wiederholungsschleife überhaupt nicht banal. Und selbstverständlich ist wahre Schönheit Ausstrahlung.
  • Briefmarkensammlung: Machen Sie doch Erotik einfach zu Ihrem Hobby. Wenn Sie das tun, werden Sie nach Fachliteratur, nach Fachhandlungen, nach speziellen Kunstausstellungen, nach Weiterbildungsseminaren und sonstigem Interessanten aktiv und gemeinsam suchen.
  • Poetry: Wenn Sie ein Poet sein wollen, werden Sie es. Lassen Sie sich durch Liedtexte inspirieren. Das ist gar nicht schwer. Zum Beispiel in Anlehnung an Leonard Cohen: «Wenn ich für dich ein Boxer sein soll, bist du die erste, die meinen Kampf schaut; wenn ich für dich ein Heiler sein soll, untersuche ich jeden Zentimeter deiner Haut.»
  • Zeit, Ort und Raum: Erotik braucht Zeit und Raum. Wir alle wünschen uns ungeteilte Aufmerksamkeit ohne Störungen. Verabreden Sie sich zu einem «Date» für die körperliche Liebe. «Spontaneität» und «die richtige Stimmung» sind eher Hemmnisse als Hilfen.
  • Rabattmarken: Sammeln Sie als Mann tagsüber oder über die Woche ohne Ehrgeiz Pluspunkte. Sicher ist Ihre Hilfe im Alltag willkommen, richtig viele Rabattmarken gibt es aber für Zuhören, Nachfragen, Aufmuntern, zum Lachen bringen. Nein, es gibt kein Rabattmarkenheftli für Frauen, sondern nur für Männer.
  • Going crazy: Als Frau können Sie ihn definitiv verrückt machen, wenn Sie ihm untertags ankündigen, was er mit Ihnen heute Abend machen darf, oder was Sie mit ihm machen werden. Wichtig ist dann, dass Sie solche Ankündigungen einhalten.
  • Getting her real mad: Zeigen Sie als Mann beim Lieben sehr direkt Ihre Aufregung in allen Facetten, um danach wieder komplette Kontrolle über Atmung und Rhythmus zu praktizieren.
  • Let’s talk about sex: Wenn Sie als Paar beide locker über Ihre geheimsten Wünsche plaudern können, ist das wunderbar. Sollte das nicht so sein, sind Sie aber sicher nicht alleine. Alternative zum Schweigen: In einer Schatztruhe an einem geheimen Ort hinterlegen Sie Bilder, Gegenstände, Wörter und Sätze, die etwas sagen über Wünsche oder über Wertschätzung. Probieren Sie mal während und nach dem Lieben miteinander zu sprechen; sollte das neu sein, wird es Sie beide aufregen.
  • Zu sich selbst nett sein: Trainieren Sie, entspannen Sie sich, sorgen Sie für Ästhetik, pflegen Sie kleine Stationen am Tag, in denen Sie endlos Zeit haben.
  • Championsleague: Bevor man das Fernsehgerät anschaltet, weiss man, was man wie lange schauen möchte. Der Ausschaltknopf ist wesentlich. Im Schlafzimmer hat das Ding nichts verloren.
  • Klang der Wale: Es gibt wundervolle Musik, die sich dafür eignet, das Fest des Treffpunktes der Körper zu feiern. Es gibt eine Fülle von Titeln, die direkt darauf hinweisen.
  • Ich werde Dich nicht ablehnen: Suchen Sie aktiv Gelegenheit Ihren Geliebten/Ihre Geliebte erotisch anzusprechen, und lassen Sie sich ansprechen.
  • Prävention: Beschützen und trösten Sie sich gegenseitig im Alltag mit Wort und Tat, damit Herzrasen und Aufgeregtheit vorübergehen.

 

Eine gelingende Beziehung ist Kommunikation und Prozess. Versuchen Sie einen Ausgleich zu finden zwischen folgenden Dualitäten:

  • Autonomie (Selbstbestimmung) und Bindung (Zugehörigkeit). Die Partner leben gegenseitig «Wurzeln und Flügel».
  • Geben und Nehmen. Das Beziehungskonto ist möglichst relativ ausgeglichen (ohne ständig nachzurechnen).
  • Macht und Dienst («Machtressourcen» sind dabei unter anderem: Geld, Beziehungen, Zärtlichkeit). Das Paar hat in etwa den gleichen Zugang zu den «Machtressourcen».
  • Verletzungen und Verzeihungen. Innerhalb der Partnerschaft werden Verletzungen ausgesprochen; Verzeihung geht den Weg ansprechen – nachempfinden – anerkennen (dadurch Vermeidung von Opfer- und Täterbeziehung).
  • Ausgesprochene Regeln und implizite Prämissen. Ideale und Werte, die teils für jeden Einzelnen unbewusst sind, sind von Zeit zu Zeit ein Gesprächsthema.
  • Fazit: Ebenbürtigkeit ist nicht eine Tatsache, sondern ein Prozess; es ist ein Prozess des Ausbalancierens durch Kommunikation.

Das Wunder der Ehe

Neun Gründe, trotz allem zusammenzubleiben:

  • Liebe. Definieren Sie für sich das Wort «Liebe»; ­suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Gegenüber.
  • Resignative Reife. Dauerhafte Beziehungen haben immer dauerhafte Probleme. Befreien Sie sich von dem Gedanken, Sie könnten alle Probleme lösen. Das ist nicht sinnvoll. Es geht darum, Widrigkeiten, für uns zunächst unverständliche Verschiedenheiten mit Respekt und Humor zu begegnen; in einer Ehe geht es nicht nur um vertragen, sondern auch um ertragen.
  • Keine Rabattmarkenkontrolle. In der Ehe gibt es keine regelmässigen «Kontoauszüge» von Geben und Nehmen. Wir verzichten einfach auf die Erwartung einer Gegenleistung.
  • Positives Denken und Erinnern. «Mein Gewicht hat immer mal gewechselt. Als ich zugenommen hatte, sagte mein Mann, er mag dicke Frauen, als ich wieder abgenommen hatte, sagte er, er mag dünne Frauen – da habe ich begriffen, dass er mich liebt.»
  • Selbstverantwortlich sein. Ihr Partner ist nicht verantwortlich dafür, dass Sie glücklich werden. Er/sie ist ebenso wenig für den Kampf gegen Langeweile zuständig. Wir halten zueinander, wenn es schwierig ist – glückliche Momente erleben wir bewusst.
  • Freundschaft. Definieren Sie für sich das Wort «Freundschaft»; Prüfen Sie, was sich zu Verlässlichkeit, Wohlwollen, echtem Interesse und zur liebevollen Konfrontation noch hinzugesellen müsste.
  • Konservative Rebellion. Heute verlassen viele das, was keinen Lustgewinn verspricht – viele Psychotherapien sind Therapien zur Individualisierung und sind manchmal nur Trennungsberatungen. Wir sind stolz darauf, die letzten Mohikaner zu sein, die sich am vertraglich vereinbarten «Bis der Tod euch scheidet» halten. Es hiess ja nicht: «Solange befriedigende Ergebnisse zu erwarten sind».
  • Freud und Leid teilen. Wenn Sie nach der Idee sich zu trennen merken, wie sehr es Ihren Partner schmerzt und wie Sie aus diesem Grund mitleiden, wäre eine mögliche Konsequenz: Wieder zurückkommen zu ihm/zu ihr bzw. beieinander zu bleiben.
  • Zeugenschaft: Eine gemeinsame Geschichte ist doch schön – wunderbar, wenn man von einem gemeinsamen Früher erzählen kann.

Über die körperliche Liebe

  • Resonanz. Die Sprache der Liebe ist die von Klang und Resonanz; Saite und Klangboden.
  • Dialog. Sehen Sie die körperliche Liebe als Dialog an: Hören Sie zu, stellen Sie höflich Fragen, geben Sie mutige Impulse, greifen Sie das Thema auf, fragen Sie nach.
  • Verwandtschaft. Liebe hat viele kleine Gesandte; Vertrauen, Verantwortung, Freiheit und andere mehr. Liebe will über die Sinne erhalten werden.
  • Fest. Der Raum der Nacht kann manchmal geschmückt sein. Rosen, Sandel, Zeder oder Moschus und Musik unterstützen eine sinnliche Stimmung.
  • Hierarchie. Die Lust ist der Liebe untergeordnet – manchmal ist es aber auch umgekehrt. Seien Sie tagsüber offen und bereit oder verabreden Sie sich.

Reden ist Gold

Besser kommunizieren im Alltag, in der Partnerschaft, mit Kindern und Jugendlichen und mit betagten Menschen, Hilfen bei Sprachproblemen durch Logopädie – eine Serie mit Prof. Jürgen Steiner.

www.doktorstutz.ch

 

Jürgen Steiner HfH MitarbeiterInnen 2013