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Endlich Hoffnung

Die atopische Dermatitis gehört zu den am meisten unterschätzten Krankheiten, obwohl sie das Leben unzähliger Menschen fast unerträglich macht. Jetzt gibt es einen neuen Behandlungsansatz.

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Dem Stress gibt man die Schuld. Also soll man ihn meiden oder den Umgang mit ihm lernen. Autogenes Training oder Hypnose könnten helfen, Yoga oder Meditation. Die Ernährung müsse umgestellt, nach Auslösern gesucht werden. Die Ratgeber zu Neurodermitis strotzen nur so von Ratlosigkeit, wie dieser verbreiteten chronischen Hautkrankheit zu begegnen sei.

Noch abenteuerlicher wird es, wenn man sich bei Komplementärmedizinern und Naturheilpraktikern umsieht. Alle Hautprobleme hätten ihren Ursprung immer im Darm, wird da behauptet. Eine Darmsanierung sei vonnöten, Bioresonanz, eine Impfausleitung – Neurodermitis trete meist nach der ersten Impfung auf – und eine Mikroimmuntherapie, was immer das auch heissen mag.

Die Hilflosigkeit und die abstrusen Ratschläge sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass viele Betroffene und selbsternannte Experten über die richtige Therapie nur schlecht informiert sind. «Besonders Menschen mit einer schweren chronischen Erkrankung fühlen sich vom Arzt zu wenig ernst genommen. Der Arzt hat für sie kaum Zeit, erklärt ihnen nicht die Behandlung und schult sie auch nicht. Deshalb verwundert es nicht, dass die verzweifelten Patienten bald zum nächsten Arzt gehen und schliesslich in den Händen von Alternativmedizinern oder sogar von Kurpfuschern landen», sagt Dr. Martin Glatz von der Dermatologischen Klinik am UniversitätsSpital Zürich. Er leitet die Spezialsprechstunde für Neurodermitis und weiss, wovon er spricht.

Grundübel trockene Haut

Das Grundübel der Neurodermitis ist die trockene Haut. «Daher ist die absolute Grundlage jeder Behandlung der Neurodermitis die sogenannte Basistherapie, die Rückfettung der ganzen Haut mit einer Bodylotion zweimal am Tag», betont Dr. Glatz. Das klinge banal, sei aber zwingend. Die trockene, rissige, spröde und vor allem stark juckende Haut brauche das unbedingt. Erst wenn das nicht mehr helfe, komme die zweite Stufe der Therapie in Betracht, die Behandlung mit entzündungshemmenden Cremes, sei es mit oder ohne Kortison. Auch das werde meistens nicht genügend konsequent gemacht oder die Behandlung viel zu früh abgebrochen. Grund dafür sei meist eine falsch begründete und auch unter Ärzten weit verbreitete Angst vor Kortison. Dabei sei eine entzündungshemmende Therapie über einen Behandlungszeitraum von mindestens einem halben bis einem ganzen Jahr notwendig, um Rückfälle zu verhindern.

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Dr. med. Martin Glatz

Aufklärungsarbeit wichtig

Überhaupt sind laut Dr. Glatz Aufklärungsarbeit und vor allem Schulung der Betroffenen wichtig: «Ich nehme mir pro Patient bis eine halbe Stunde Zeit, erkläre ihm die Therapien ausführlich und schule ihn in der Anwendung. Das ist bei Menschen mit Neurodermitis genauso wichtig wie bei Diabetikern. Nur wird das leider kaum je gemacht.» Grund dafür sei vor allem unser Gesundheitssystem, in dem es wichtig ist, vor allem möglichst viele Patienten in möglichst kurzer Zeit durchzuschleusen.

Schauen wir uns das schon lange bekannte Krankheitsbild einmal genauer an. Die Bezeichnung Neurodermitis stammt aus dem 19. Jahrhundert. Man dachte damals, die Ursache sei eine Nervenentzündung. Heute ist der Begriff atopische Dermatitis geläufiger. Rote, schuppende, oft auch nässende Ekzeme und vor allem starker Juckreiz sind die wichtigsten Symptome. Die Erkrankung ist grundsätzlich chronisch und verläuft schubweise. Ein Drittel aller Kinder ist betroffen und immerhin noch jeder zehnte Erwachsene. In den letzten drei Jahrzehnten beobachtet man eine deutliche Zunahme des atopischen Ekzems.

Ursachen sind vielfältig

Die Ursachen für die atopische Dermatitis sind vielfältig und multifaktoriell. Es gibt nicht die eine Ursache, sondern viele Faktoren, wie zum Beispiel Vererbung durch die Eltern oder äussere Einflüsse wie Reibung und Schwitzen.

Im Gegensatz zu vielen anderen, weit selteneren Erkrankungen liest und hört man wenig über die Neurodermitis. Das mag auch daran liegen, dass sie nicht lebensbedrohlich ist. Vergessen geht dabei, dass sie das Leben fast unerträglich machen kann. Die empfindliche, verletzte Haut und vor allem der quälende Juckreiz lassen die Betroffenen kaum zur Ruhe kommen, auch nicht nachts. Sie sind übermüdet und gereizt und nur noch begrenzt leistungsfähig. Sie kratzen sich wund und machen damit alles nur noch schlimmer. Die psychische Belastung ist enorm. Sie ziehen sich zurück, meiden Umziehkabinen, Schwimmbäder, die Sauna und grenzen sich mehr und mehr von der Gesellschaft aus oder ziehen sich sogar vom eigenen Partner zurück.

Erst in jüngster Zeit ist es gelungen, Schlüsselmechanismen des körpereigenen Immunsystems und Botenstoffe zu identifizieren, welche die entzündlichen Veränderungen auf der Haut auslösen und aufrechterhalten. Die Medizin hat sich die Erkenntnisse aus der Forschung zunutze gemacht und neue Therapien entwickelt. Studien zeigen, dass es dank dem neuen Behandlungsansatz gelingt, bei schwer betroffenen Patienten das Hautbild zu verbessern, den quälenden Juckreiz zu stillen und das allgemeine Wohlbefinden zu erhöhen. «Aufgrund der Studien dürfen wir erwarten, dass sich die Symptome um 50 oder noch mehr Prozent bessern und es nicht mehr zu Ekzem-Schüben, sondern zu einer Stabilisierung der Krankheit kommt.» Die ersten stark betroffenen Patienten sind bereits bei Dr. Glatz in Behandlung. Auch andere Kliniken in der Schweiz bieten für schwere Fälle Hilfe an. In den nächsten Jahren soll der neue Therapieansatz breiter zugänglich werden.

Eincremen, eincremen, eincremen

Aber auch dann wird der wichtigste Grundsatz in der Therapie des atopischen Ekzems weiterhin heissen: eincremen, eincremen, eincremen. Und ebenso wichtig ist es, Betroffene über ihre Erkrankung aufzuklären und sie in der richtigen Therapie zu schulen.

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