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Entscheidend ist der Leidensdruck

Kein Patient mit Psoriasis soll unter dieser Krankheit leiden müssen. Dr. med. Philipp Fritsche begegnet Vorurteilen und erklärt die neusten Therapien.

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Was sagen Sie heute einem Patienten, wenn Sie ihm die Diagnose Psoriasis eröffnen müssen?

Psoriasis ist eine Hauterkrankung mit vielen Gesichtern und den unterschiedlichsten Ausprägungen – in Bezug auf Erscheinungsbild, Ausprägung und Leidensdruck. Ebenso unterschiedlich erlebe ich die Reaktionen, wenn ich meinen Patienten die Diagnose Psoriasis eröffne. Eine gründliche Aufklärung über die Erkrankung, ihren Ursprung und die Prognose stehen am Anfang der Arzt-Patient-Beziehung. Ganz zentral für das weitere Vorgehen und besonders für die Wahl der Therapie ist der Leidensdruck, den die Schuppenflechte in jedem Einzelfall verursacht.

Ich muss dem Patienten erklären, dass es sich bei der Psoriasis immer noch um eine chronische Erkrankung handelt, mit der man sich meistens ein ganzes Leben lang arrangieren muss. Gleichzeitig betone ich aber immer auch, dass es heute eine grosse Vielfalt von hervorragenden Therapiemöglichkeiten gibt. Kein Psoriatiker sollte unter der Krankheit leiden. Wenn der Patient die Praxis verlässt, muss er die Botschaft verstanden haben: Bei der Psoriasis gibt es bis heute zwar keine Heilung, aber sie kann gut behandelt und unter Kontrolle gebracht werden.

Und wie war das noch vor zehn, zwanzig Jahren?

Bei der Therapie der leichten Psoriasis hat sich nicht viel verändert. Die kleinen Plaques werden mit Creme und Salbe entschuppt und dann antientzündlich mit Kortison-Salbe – eventuell unter Zugabe von Vitamin D – behandelt. Leichte bis mittelschwere Formen werden auch heute noch erfolgreich mit Schmalband-UVB-Therapie angegangen.

Der grosse Wandel hat in den letzten zehn Jahren bei der mittelschweren bis schweren Psoriasis stattgefunden. Die häufigen, teils wochenlangen Klinikaufenthalte, die aufwendigen und oft belastenden Lokaltherapien gehören definitiv der Vergangenheit an. Heute kann man den schweren Psoriatikern gleich von Beginn weg Mut machen, weil sich die Krankheit mittlerweile ausgezeichnet unter Kontrolle bringen lässt. Mit den modernen Medikamenten lässt sich gleichzeitig auch eine Psoriasis-Arthritis gut behandeln.

Was ist am schlimmsten? Die Symptome auf der Haut, in den Haaren oder an den Nägeln?

Die Symptome werden je nach Lokalisation sehr unterschiedlich wahrgenommen. Sehr viele Psoriasis-Patienten leiden unter massivem Juckreiz, welcher den Schlaf und die Befindlichkeit massiv einschränken kann. Juckreiz wird deswegen nicht selten als das schlimmste Symptom bezeichnet. Ein anderes Problem: Die Psoriasis-Plaques schuppen mitunter stark und hinterlassen eine Spur von weissen Schuppen auf Sesseln, auf dem Fussboden und im Bett. Den Patienten ist dies häufig extrem unangenehm.

Am wichtigsten ist, wie die Patienten von ihrer Umgebung wahrgenommen werden. Auch heute noch werden leider viele Betroffene stigmatisiert. Viele finden die Hautveränderungen ansteckend, ‹grusig› oder schmutzig – natürlich völlig zu Unrecht. Aus diesem Grund wird man einen schweren Psoriatiker nie in einer Badeanstalt antreffen. Für einen Verkäufer oder eine öffentliche Person kann eine Psoriasis an den Nägeln genauso störend sein wie für jemand anderen ein ausgeprägter Hautbefall. Juckreiz und Schuppenbildung der Kopfhaut können ebenfalls zu massiven Befindlichkeitsstörungen führen.

Gehen die Betroffenen überhaupt zum Arzt oder haben viele resigniert, weil das Salben eben doch nicht richtig hilft?

Ich sehe immer wieder Patienten, die Jahre nach dem letzten Arztbesuch einen neuen Anlauf nehmen. Viele erzählen von ihrer Ärzteodyssee und den vielen erfolglosen Behandlungen, vor allem Salbentherapien. Der heutige Patient ist zum Glück besser informiert als noch vor zehn oder zwanzig Jahren – Internet und Fernsehen sei Dank. So gibt es inzwischen Patienten, die den Dermatologen aufsuchen und direkt nach den modernen Behandlungen fragen.

Welches sind die wirksamsten und verträglichsten Therapien?

Die biologischen Therapien mit Antikörpern und die kleinmolekularen Therapien zur Behandlung der mittelschweren bis schweren Psoriasis sind nicht mehr wegzudenken. Die unter die Haut gespritzten Antikörper greifen immer gezielter in den Entzündungsmechanismus der Psoriasis ein. Das Verständnis über diesen Entzündungsprozess hat den modernen Therapien zum Durchbruch verholfen. Da dieser Prozess nun spezifisch unterbrochen werden kann, sind auch die Nebenwirkungen im Verhältnis zur guten Wirksamkeit gering. Die Patienten sind zwar etwas infektanfälliger, und Infektionen können schwerer verlaufen. Schwerwiegende Komplikationen sind aber erstaunlich selten.

Wie bewähren sich die neuen, kleinmolekularen Wirkstoffe, die als Tabletten eingenommen werden können?

Es gibt in der Schweiz ein zugelassenes kleinmolekulares Medikament zur Behandlung der Psoriasis. Es hat einige Vorteile. Es kann oral eingenommen werden. Die Verträglichkeit ist sehr gut, und die Patienten schätzen es, dass keine Laborkontrollen notwendig sind. 15 bis 20 Prozent der Patienten haben anfänglich leichte Magen-Darm-Symptome. In der Regel klingen sie aber nach wenigen Tagen bis Wochen von selbst wieder ab. Das neue Medikament hat eine hohe Akzeptanz unter den Dermatologen. Auch die Psoriasis-Arthritis und die Nagel-Psoriasis lassen sich damit wirksam behandeln. Alles in allem handelt es sich um eine wichtige Substanz, um die Therapie der mittelschweren bis schweren Psoriasis weiter zu verbessern.

«Gib nicht auf – bekämpfe Psoriasis»

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Dr. med. Philipp Fritsche