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Es ist fast wie ein Wunder

Hundertausende leiden an Herzinsuffizienz. Viele, ohne es zu wissen. Andere, ohne richtige Behandlung. Die Geschichte von Anton Sutter aus Embrach ist ein medizinisches Lehrstück.

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Angefangen hat es wie oft bei Herzinsuffizienz mit einer leichten Atemnot bei körperlicher Anstrengung und mit einer unerklärlichen Gewichtszunahme. Und wie so oft nehmen die Patienten die ersten Symptome nicht richtig ernst. Das war auch bei Anton Sutter, einem 68-jährigen ehemaligen Metzger, so. Er erzählte es zwar seinem Hausarzt, doch dieser tippte auf Belastungsasthma. In der Folge wurde es immer schlimmer. «Es kam der Moment, als ich nicht einmal mehr die paar Treppenstufen vom Keller ins Parterre schaffte, ohne völlig ausser Atem zu kommen. Ich dachte zwar, das kann doch nicht wahr sein, schob aber meine Symptome immer noch zur Seite», erzählt der Inhaber eines eigenen Partyservice in Embrach.

Als Anton Sutter einmal auf dem Sofa sass, um am Fernseher mitzufiebern, wie die Schweizer Abfahrer in Kitzbühl die halsbrecherische Piste hinunterrasten, hatte er schon im Sitzen so massive Atemprobleme, dass es ihm nun dämmerte. «Das kann unmöglich Anstrengungsasthma sein. Die einzigen, die sich anstrengen, sind die Fahrer aber doch nicht ich!» Er telefonierte dem Hausarzt, und der bestellte ihn gleich ein. Von da an ging alles schnell. Die Ambulanz wurde aufgeboten. Mit Blaulicht ging’s ins Stadtspital Triemli in Zürich. Dort wurde Anton Sutter nach einer gründlichen Untersuchung eröffnet, er leide an Herzmuskelschwäche. Das, was die Mediziner Herzinsuffizienz nennen. «Man sagte mir, mein Herz arbeite nicht mehr richtig, und ich hätte deswegen schon sechs Liter Wasser im Körper.»

Herzleistung von 18 auf 40 Prozent gestiegen

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Anton Schaller schafft die Treppen wieder ohne Probleme.

Die Ärzte starteten eine Behandlung, um sein Herz zu entlasten, die Pumpfunktion zu verbessern und das angestaute Wasser wieder auszuscheiden. Danach gelangte eine spezifische Herzinsuffizienztherapie zum Einsatz. «Es sei eine neue, sehr wirksame Tablette herausgekommen. Ob ich die probieren wolle. Natürlich habe ich sofort eingewilligt.» Die Behandlung schlug ein. «Ich mache heute wieder den Haushalt, koche, putze, wasche, fahre 50 Kilometer mit dem Velo am Stück um den Flughafen, gehe auf über 2000 Meter Skifahren und mache mit meiner Frau unseren Partyservice. Es ist kaum zu glauben, aber all die Atemprobleme, die mich vorher gelähmt hatten, sind weg. Es ist fast wie ein Wunder. Auch die Ärzte im Triemli haben grosse Freude an mir und sagen, meine Herzleistung sei von 18 auf 40 Prozent angestiegen.»

Auf Symptome achten

Den Ärzten und dem gesamten Personal im Triemli, angefangen von der Notfallstation bis zum Pflegedienst, möchte er ein grosses Dankeschön für die super Betreuung ausrichten. Und uns allen ins Gewissen reden, auf Symptome der Herzinsuffizienz zu achten und sie nicht zu bagatellisieren, sondern rechtzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen. «Im ersten Moment dachte ich damals auf dem Sofa, ob es das nach 40 Jahren Krampferei schon gewesen sei. Und heute? Heute packe ich jeden neuen Tag mit grossem Elan an und staune nur noch, wie gut es mir geht.»

 

PD Dr. Alain Bernheim

Herzinsuffizienz beginnt oft schleichend

Zehn Prozent der über 70-jährigen leiden an Herzschwäche. PD Dr. Alain Bernheim über Vorbeugung, Früherkennung und neue Therapien.

Was genau ist Herzinsuffizienz?

Eine Herzinsuffizienz liegt vor, wenn ein erkranktes Herz nicht mehr in der Lage ist, den Körper ausreichend mit Blut zu versorgen. Die Organe erfahren dadurch einen Mangel an Sauerstoff und an Nährstoffen. Auch kommt es zu einem Rückstau von Blut vor den Herzkammern. Der ganze Körper wird in Mitleidenschaft gezogen.

Was sind die typischen Symptome, auf die man achten sollte?

Patienten mit Herzinsuffizienz leiden an Kurzatmigkeit und fühlen sich schneller als früher körperlich erschöpft. Die Symptome können schleichend beginnen und zunächst wenig alarmierend sein. Mit dem Fortschreiten der Erkrankung nehmen auch die Beschwerden zu. Anfangs werden Atemnot und körperliche Schwäche häufig erst bei grösseren Anstrengungen bemerkt. Im fortgeschrittenen Stadium der Herzinsuffizienz treten die Symptome bereits bei geringer körperlicher Anstrengung und schliesslich auch in Ruhe auf.

Für Atemnot in Ruhe ist es typisch, dass sie sich im Liegen verschlimmert und durch eine aufrechte Haltung des Oberkörpers lindern lässt. Atemnot im Liegen wird nicht selten von Reizhusten begleitet. Dazu kommt übermässig häufiges nächtliches Wasserlassen. Patienten mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz klagen über generelle Müdigkeit und Abgeschlagenheit. In den Füssen, an den Knöcheln und am Schienbein können Wassereinlagerungen, sogenannte Ödeme, auftreten. Die Flüssigkeitseinlagerung kann auch zu einer Gewichtszunahme führen.

Wie kommt es zur Herz­insuffizienz?

Häufigste Ursachen sind die koronare Herzkrankheit und Bluthochdruck. Sie sind für etwa drei Viertel der Fälle von Herzinsuffizienz verantwortlich. Andere Erkrankungen, welche zu einer Herzschwäche führen können, sind defekte Herzklappen, Entzündungen des Herzmuskels, Herzmuskel­erkrankungen, sogenannte Kardiomyopathien, Herzrhythmusstörungen oder eine Schwächung des Herzmuskels durch Zellgifte, beispielsweise durch gewisse Chemotherapeutika.

Wer ist davon betroffen?

Herzinsuffizienz ist ein häufiges Gesundheitsproblem. Rund ein bis zwei Prozent der Erwachsenen sind davon betroffen. Herzinsuffizienz kann sich grundsätzlich in jedem Alter entwickeln, kommt aber mit zunehmendem Alter immer häufiger vor. Von den über 70-Jährigen leiden etwa zehn Prozent an Herzinsuffizienz. Rund 80 Prozent der herzinsuffizienten Patienten sind älter als 65 Jahre. In der Schweiz sterben jährlich circa 18 000 Patienten an den Folgen einer Herzinsuffizienz.

Wie behandelt man Herzinsuffizienz?

Bei der Therapie geht es darum, die Lebensqualität zu verbessern und das Leben des am Herzen erkrankten Patienten zu verlängern. Grundlage für eine optimale Behandlung ist eine möglichst umfassende Information des Patienten über seine Erkrankung. Er muss instruiert werden, auf übermässige Flüssigkeits- und Salzzufuhr zu verzichten, da sich sonst Wasser im Körper einlagern kann. Auch sollte der Patient zu regelmässigen Gewichtskontrollen angehalten werden, damit auf eine rasche Gewichtszunahme, welche auf eine Flüssigkeitseinlagerung hindeutet, ohne Verzug reagiert werden kann. Ferner ist es wichtig, den Patienten zu regelmässigen vernünftigen Ausdaueraktivitäten wie Spazierengehen, Wandern oder Fahrradfahren zu motivieren.

Die Information des herzinsuffizienten Patienten bedeutet auch, ihm die notwendigen Medikamente und deren Wirkung zu erklären, denn die medikamentöse Therapie ist für eine erfolgreiche Behandlung unerlässlich.

Diuretika kommen zum Einsatz, um die Harnausscheidung in den Nieren zu steigern und so die Entwässerung des Körpers zu fördern. Vor allem zu Beginn der Behandlung sind Diuretika häufig unerlässlich, um die Symptome des Patienten zu mindern; allerdings wird das Überleben dadurch nicht verlängert. ACE-Hemmer und Angiotensin-Rezeptor-Blocker wirken gefässerweiternd, senken den Blutdruck und entlasten das erkrankte Herz. Zudem werden ungünstige Umbauprozesse am Herzmuskel vermindert. Betablocker hemmen die Wirkung von Stresshormonen. Das Herz schlägt unter Einfluss der Betablocker langsamer und effizienter. Mineralcorticoid-Rezeptor-Blocker führen zu einer leichten Wasserausscheidung und verhindern gleichzeitig einen Kalium-Mangel durch ihren kaliumsparenden Effekt. Auch diese Medikamentengruppe vermindert schadhafte Umbauprozesse im Herz. ACE-Hemmer, Angiotensin-Rezeptor-Blocker, Betablocker und Mineralcorticoid-Rezeptor-Blocker bewirken nicht nur eine Symptomverbesserung; diese Medikamente haben auch einen positiven Einfluss auf das Überleben und gehören zur Standardtherapie. Seit etwa eineinhalb Jahren ist in der Schweiz zusätzlich ein neues Herzinsuffizienz-Medikament erhältlich, das vielversprechende Resultate gezeigt hat.

Was ist das für ein neues Medikament?

Es handelt sich um ein Kombinationspräparat, das aus einem Angiotensin-Rezeptor-Blocker, welcher in der Behandlung der Herzinsuffizienz gut erprobt ist, und einer neuen Substanz besteht. Sie hemmt die Wirkung eines bestimmten Enzyms, was dazu führt, dass der Abbau der natriuretischen Peptide gebremst wird. Die natriure­tischen Peptide sind körpereigene Hormone, welche den Herzmuskel entlasten, indem sie gefässerweiternd und blutdrucksenkend wirken und die Wasserausscheidung in den Nieren fördern.

Eine grosse, weltweit durchgeführte Studie untersuchte den Effekt des neuen Kombipräparates bei herzinsuffi­zienten Patienten, welche trotz medikamentöser Therapie nicht frei von Symptomen waren. Dabei erhielt die Hälfte der 8442 Patienten das neue Medikament und die andere Hälfte eine Standardtherapie. Das neue Kombipräparat verbesserte die Leistungsfähigkeit, reduzierte die Anzahl der Spitalaufenthalte infolge Herzinsuffizienz und erhöhte die Überlebensrate der Patienten. Aufgrund dieser Studie empfehlen die europäischen Richtlinien den Einsatz bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz, die trotz optimaler medikamentöser Standardtherapie noch Symptome haben.

Welche Behandlungen gibt es abgesehen von Medikamenten?

Bei fortgeschrittener Herzinsuffizienz muss man prüfen, ob ein Schrittmacher zur Synchronisierung der Herzmuskelarbeit und/oder ein Defibrillator zum Schutz vor lebensgefährlichen Herzrhythmusstörungen eingebaut werden soll. Bei einem Linksschenkelblock, einer Störung der Reizleitung im Herzen, zieht sich der Herzmuskel nicht mehr synchron zusammen, was dazu führt, dass das Herz unkoordiniert arbeitet. Dem soll der Resynchronisationsschrittmacher entgegenwirken und das geschwächte Herz leistungsfähiger machen. Aufgabe des Defibrillators ist es, den Herzrhythmus zu überwachen und im Falle einer lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörung aktiv zu werden. Dadurch kann das Risiko eines plötzlichen Herztodes reduziert werden.

Wie lässt sich Herzinsuffizienz vorbeugen?

Da die koronare Herzkrankheit und hoher Blutdruck die häufigsten Ursachen der Herzinsuffizienz sind, ist das der wichtigste Ansatzpunkt bei der Prävention. Dazu gehört ein möglichst gesunder Lebensstil. Rauchen ist zu vermeiden, eine gesunde Ernährung mit viel Früchten und Gemüse ist hilfreich, übermässiger Konsum von zuckerhaltigen Nahrungsmitteln und von Alkohol sollte gemieden und auf ein gesundes Körpergewicht geachtet werden. Wichtig ist auch regelmässige körperliche Bewegung. Tritt trotzdem hoher Blutdruck auf, muss dieser mit Medikamenten gut behandelt werden, bevor es zu Folgeschäden wie der Herzinsuffizienz kommt. Das Gleiche gilt auch für andere Risikofaktoren wie Diabetes und Hypercholesterinämie.