Klartext
Seit 20 Jahren unterrichtet Beatrice Kleeb. In jeder Klasse hat sie ein bis zwei ADHS-Kinder.
Es läutet. Der Pausenplatz leert sich, alles drängt durch die Gänge in Richtung Schulzimmer. Neben der Tür warte ich auf meine Klasse. Jede Schülerin und jeden Schüler begrüsse ich zur ersten Stunde persönlich mit Handschlag. Erst wird begrüsst, dann erzählt. Im Normalfall. Nicht so bei Kindern, die unter einem Aufmerksamkeitsdefi zit/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) leiden. Es sprudelt schon, bevor eine Begrüssung stattgefunden hat. Vor lauter Sprudeln vergisst das ADHS-Kind auch, den Schulsack auszupacken und die Hausaufgaben nach vorne zu bringen. Als Einziges ist es beim zweiten Läuten nicht parat und hält schon in den ersten Minuten den Unterricht auf.
Die Stunde beginnt. Meistens klopft das hyperaktive Kind mit dem Bleistift aufs Pult, wenn ich etwas erkläre. Vielleicht schwatzt es, ohne aufzustrecken. Es sucht ununterbrochen Aufmerksamkeit. Das ist sehr anstrengend. Manchmal setze ich sofort Grenzen. Manchmal ignoriere ich das Kind. Manchmal schliesse ich es aus. Es ist ein ständiges Abwägen. Was ist das Richtige? Ich spüre, dass das Kind es nicht absichtlich macht, sondern dass es einfach geschieht. Und trotzdem kann ich es nicht immer durchgehen lassen, denn nicht nur ich, auch die anderen Kinder in der Klasse werden durch dieses Verhalten abgelenkt und gestört. Wenn es dem Kind bei Leseaufträgen nicht gelingt, leise zu lesen, muss es dann eben im Gang weiterlesen.
Macht das ADHS-Kind eine Arbeit gut und gern, gibt es praktisch keine Probleme. Bei den meisten Lerninhalten kommt es hingegen nicht vom Fleck. Das Arbeitstempo ist schleppend oder praktisch null. Nur unter Druck macht das Kind vorwärts, zum Beispiel, wenn es sonst noch nachsitzen müsste und nicht rechtzeitig mit den anderen Kindern aus dem Schulzimmer darf. Schreiben bereitet den meisten ADHS-Kindern grosse Mühe. Ihre Schrift ist unleserlich und sie sind in der Regel sehr schnell mit ihrem Resultat zufrieden. Da nicht mehr alle Kinder der Klasse gleich weit sind mit dem Schreiblehrgang, gebe ich als Hausaufgabe eine Zeitlimite, zum Beispiel mindestens 15
Minuten Schreiben. Das funktioniert bei einem ADHS-Kind schlecht. Es vertrödelt die Zeit und arbeitet praktisch nichts. Hier muss ich nach Absprache mit den Eltern vorgeben, dass es die angefangene Seite fertig schreiben muss.
Bei Lernkontrollen sehe ich dann, dass das Kind oft Rechnungen, Teile von Aufgaben oder ganze «Biegeli» vergessen hat. Es liest die Aufgabe nur oberfl ächlich, vergisst häufig die Hausaufgaben komplett. Oder es lässt das Material, das es für die Hausaufgaben braucht, in der Schule liegen.
Wenn ich mit einer Kollegin Pausenaufsicht habe, beobachte ich, wie das ADHSKind alleine spielt. Und zwar so, als ob es bei einem Fangis mitmachen würde. Doch bei näherem Hinsehen erkenne ich, dass es nur spielt, es würde mitmachen. Anderes Beispiel: Wenn wir die Sitzordnung in der Klasse neu defi nieren und ich frage, wer wo sitzen möchte, sagen die Kinder, sie würden es nicht schaffen, neben ihrem ADHS-Kollegen am gleichen Tisch zu sitzen. Auch bei Partnerarbeiten gibt es Probleme, weil das Kind etwas anderes macht, als es sollte, oder weil es die anderen provoziert. Es ist sehr anstrengend, ein ADHS-Kind in einer Klasse zu haben und es zehrt enorm an der Substanz!
Auf der anderen Seite verblüffen mich ADHS-Kinder immer wieder mit ihrer Originalität und ihrem Witz! Es sind sehr liebenswürdige Menschen, welche vielleicht einfach nur nicht in unser System passen. Ich frage mich: Wie müsste unsere Gesellschaft sein, damit diese Kinder besser integriert werden können?
Die Schule hat versucht, den neuen Gesellschaftsformen Rechnung zu tragen. Bewegter Unterricht ist vor allem in der Unterstufe ein grosses Thema. Die Kinder müssen kaum länger als eine Viertelstunde am Stück sitzen. Sie dürfen trinken gehen, wenn sie Durst haben. Wenn sie Bewegungsdrang verspüren, können sie sich selbständig bewegen. Das ist möglich, weil die Kinder mit Arbeitsplänen arbeiten. An der Wandtafel oder auf Blättern stehen Aufträge, die – weil sie aufbauend sind – der Reihe nach zu erledigen sind. Im Werkstattunterricht kann das Kind die Reihenfolge der Arbeiten mit einem Arbeitspass selber bestimmen. Im Schreiblehrgang und in der freien Lesezeit arbeitet das Kind in seinem eigenen Tempo.
Doch wie geht ein ADHS-Kind mit diesem Angebot um? Einem Angebot, das Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit sowie Selbständigkeit voraussetzt? Durch die Bewegungsfreiheit während schriftlicher Phasen zum Beispiel herrscht im Schulzimmer reges Treiben. Für viele Kinder ist das kein Problem und sie arbeiten fleissig und motiviert. Nicht so ADHSKinder: Sie sind abgelenkt durch die herumlaufenden Klassenkameraden, können nicht an ihrer Arbeit bleiben. Wenn sie selber trinken gehen, sehen sie auf dem Weg viel anderes, verzetteln sich und brauchen sehr lange, bis sie wieder an ihrem Platz sitzen. Danach haben sie Mühe, sich erneut auf ihre Arbeit einzulassen. Auch bekunden sie mit dem Arbeitsplan an der Wandtafel Mühe. Anstatt wie gefordert der Reihe nach zu gehen, suchen sie sich die erstbeste Arbeit aus. Manchmal merke ich das erst zu spät. Doch auch die anderen 22 Kinder wollen etwas von mir. In Teamteaching-Lektionen, wo zwei Lehrkräfte anwesend sind, kann man besser auf das ADHS-Kind eingehen. Aber aufgepasst: Gerade solche Situationen können von ADHS-Kindern ausgenützt werden. Sie verwickeln die Lehrperson bewusst in ein spannendes Gespräch, welches von der eigentlichen Aufgabe ablenken soll.
Ein ähnliches Bild zeigt sich im Werkstattunterricht. Die Auswahl der verschiedenen Posten verwirrt das Kind mit der Aufmerksamkeitsschwäche derart, dass es lange braucht, sich für einen Posten zu entscheiden und endlich mit der Arbeit zu beginnen. Wenn Kinder zu zweit arbeiten, ist der Lärmpegel höher, und das ADHSKind lässt sich von der eigentlichen Aufgabe dauernd ablenken. Nur wenn es sehr motiviert ist, geht es vorwärts. Auch hier findet das Kind mit ADHS für die Teamarbeit nur schwer einen Partner, weil die meisten Kinder nicht freiwillig mit einem provozierenden und nervösen Klassenkameraden arbeiten möchten.
Früher hatten wir ein Ziel pro Lektion, welches gemeinsam zu erreichen war. Heute arbeitet jedes Kind in seinem individuellen Tempo. Ich glaube, dass das für ein ADHS-Kind viel zu anspruchsvoll ist. Der genaue Ablauf und das Ziel der Lektion sind nicht mehr so klar, was es dem Kind erschwert, seinen Auftrag zu erledigen. Ich bin auch überzeugt, dass ADHS-Kinder viel mehr Führung und klare Aufträge brauchten. Sie müssen Grenzen spüren. In der heutigen Gesellschaft ist aber Selbständigkeit und Konzentrationsfähigkeit unter erschwerten Bedingungen sehr erwünscht. Ich denke nur an die vielen Grossraumbüros. Daraus ergeben sich für mich viele Fragen.
Wo findet ein ADHS-Kind im späteren Berufsleben seinen Platz? Kann man Kinder mit so einer Arbeitshaltung später irgendwo einsetzen? Wer hat Geduld für diese zerstreuten Menschen? Wer will seine Freizeit mit ihnen verbringen? Ihre Sozialund Frustrationstoleranz ist in der Regel sehr niedrig. Sie ecken überall an. Meistens schleppen wir die Kinder in der Unterstufe noch irgendwie durch. Bis zur Mittelstufe lenken einige Eltern zu einer medikamentösen Therapie ein, aber meist erst nach einer langen Leidenszeit. Ich hatte einen Knaben in meiner Klasse, der überall aneckte. Jeden Tag gab es grosse Probleme mit ihm. Vor dem Übertritt in die dritte Klasse begann der Bub eine Ritalin-Therapie. Die Leistungsdefi zite sind geblieben. Aber seither sind alle Konfl ikte wie weggeblasen. Das Kind ist anders als vorher, aber vielleicht ist das jetzige ja sein wahres Gesicht? Ich bin überzeugt, dass ADHS-Kinder glücklicher sind, wenn sie nicht dauernd Kritik ausgesetzt sind, wenn ihre Leistungen besser sind und wenn sie Freundschaften aufbauen können. Für mich ist nämlich das Aussenseitertum der heikelste Aspekt. Die Kinder wirken deswegen auf mich nicht glücklich, meist sind sie traurig, denn sie möchten ja gar nicht so sein, möchten nicht anecken und provozieren. Es passiert einfach, und zwar auch ausserhalb der Schule.
Bei einer Freundin wurde das ADHS erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Der Psychiater verschrieb ihr neben Ritalin auch ein Antidepressivum. Anscheinend bekommen die meisten Erwachsenen nach der Diagnose eine Depression, da sie erst dann merken, was in ihrem Leben alles hätte leichter laufen können. Dieses Bild habe ich immer vor Augen, wenn ich ein Kind mit ADHS in der Klasse habe. Mir sind die Hände gebunden. Ich mache, was ich kann, aber es ist zu wenig.








