FamilieADHS

Zählen Sie lieber auf drei

ADHS-Kinder brauchen viel mehr als nur Medikamente: Ein Fünf-Punkte-Plan.

Besteht bei einem Kind Verdacht auf ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom – braucht es in jedem Fall eine sorgfältige und umfassende Abklärung. Die Diagnose sollte nur von erfahrenen Kinderärzten und Kinderpsychiatern gestellt werden. Wird eine ADHS-Problematik nicht erkannt und das Kind weder verstanden noch unterstützt, wird das Selbstvertrauen massiv angegriffen, und es besteht die Gefahr einer späteren seelischen und körperlichen Erkrankung bis weit ins Erwachsenenalter hinein. Je früher eine ADHS-Problematik diagnostiziert wird, desto grösser sind die Chancen, eine Negativspirale zu verhindern, wie sie für die betroffenen Kinder und ihr privates sowie schulisches Umfeld typisch ist. Mit einer einzigen Massnahme allein wird das niegelingen. Was es in jedem Fall braucht, ist ein ganzes Massnahmenbündel.

1. Struktur und Freiraum

Am wichtigsten für die meist hochsensiblen Kinder und Jugendlichen sind Bezugspersonen, welche den jungen Menschen mit all seinen Schwierigkeiten und Stärken respektieren. Viel Verständnis, ein klares, gut strukturiertes Umfeld, aber auch viel Motivation und Freiraum helfen, die Probleme auf ein Minimum zu reduzieren.

2. Bewegung und Sport

Es gibt klare wissenschaftliche Beweise, dass Bewegungsarmut bei Kindern das Auftreten einer ADHS-Problematik begünstigt. Aktive Kinder sind bessere Schüler: So lautet die vereinfachte Kurzformel. Kinder, die drei Stunden Sport pro Woche auf dem Lehrplan haben, lösen schneller eine Mathematikaufgabe als solche mit nur zweiwöchentlichen Turnlektionen. Am besten geeignet sind Sportarten, welche die Koordination und das Sozialverhalten von alleine fördern.

3. Ernährung

Die Hinweise mehren sich, dass ein Mangel oder Ungleichgewicht von mehrfach ungesättigten Fettsäuren für die Zunahme von Lern- und Verhaltensschwierigkeiten wesentlich mitverantwortlich ist. Omega-3-Fettsäuren sind für die normale Gehirnentwicklung und -funktion essentiell, das heisst, sie müssen durch die Nahrung aufgenommen werden. Im angelsächsischen Raum ist die Nahrungsergänzung mit Omega-3-Fettsäuren längst eine anerkannte Behandlung, nachdem die «Oxford-Durham Study», die erste aussagekräftige wissenschaftliche Studie zu diesem Thema, klar gezeigt hatte, dass eine Nahrungsergänzung mit ungesättigten Fettsäuren im richtigen Verhältnis eine wirksame und sichere Behandlung für Kinder mit schulischen und pädagogischen Schwierigkeiten ist.

4. Medikamente

In der Hand von erfahrenen Ärzten haben Psychostimulantien und seine Abkömmlinge ihren Platz. Die Standardtherapie mit stimulierenden Medikamenten ist eine bewährte Methode – und oft die erste Wahl bei schweren Formen von ADHS. Gewarnt werden muss hingegen vor einer leichtfertigen Verschreibung ohne umfassendes Therapiekonzept.

5. Unorthodoxe Wege

Die Schulzeit ist die grosse Herausforderung für Kinder mit ADHS. Ihre niedrige Frustrationstoleranz und fehlenden Konfliktstrategien machen ihnen oft das Leben schwer und übertragen sich leicht auf Eltern und Lehrer, ohne dass die involvierten Bezugspersonen dies realisieren. Wichtig ist, dass alle beteiligten Bezugspersonen den verhängnisvollen Teufelskreis von Reaktion und Gegenreaktion – von Druck und Gegendruck – erkennen und den Befreiungsschlag wagen. Das kann einmal heissen, warten und auf drei zählen, schweigen anstatt schimpfen, eine beruhigende körperliche Geste, anstatt zurückzuschlagen, ein paar Schulstunden pro Woche weniger als im normalen Stundenplan vorgesehen, ein Haustier statt die neuste Spielkonsole oder sogar die Versetzung in ein besseres, verständnisvolleres schulisches Umfeld.

Drucken14.06.2009