Das Familien-Vitamin
Vitamin D ist ein wahrer Alleskönner.
Prof. Heike Bischoff-Ferrari über die Rolle der Sonne und die Hilfe für jene Menschen, welche ein Schattendasein fristen.
Erstaunlich, wie stiefmütterlich mit Vitamin D heute noch in vielen Schweizer Arztpraxen umgegangen wird, wenn es um Erwachsene geht. Seit Jahrzehnten ist die Gabe von Vitamin D bei Säuglingen unbestritten. Früher in Form von Lebertran, heute als neutral schmeckende Tröpfchen. Was der Betonhärter fürs Haus, ist Vitamin D für das menschliche Skelett. Es macht die Knochen stark und stabil. Fehlt es, werden sie weich und brüchig. Rachitis nennt man das Krankheitsbild beim Baby und Kleinkind, Osteomalazie beim Erwachsenen.
Prof. Heike Bischoff-Ferrari: «Vitamin D ist ein Doppeltalent in Sachen Knochenbruchprävention. Es stärkt die Muskeln und verbessert die Kalzium-Aufnahme aus dem Darm, was den Knochenaufbau begünstigt. Wir wissen heute, dass Vitamin D in einer ausreichenden Dosierung 20 Prozent aller Stürze und Brüche vermeiden kann, inklusive der schwerwiegenden Hüftbrüche. Bereits damit hat es ein enormes volksgesundheitliches Potential.»
Doch Vitamin D kann noch viel mehr. Fast jedes Jahr werden neue Mechanismen erforscht. Es hilft, den Blutdruck zu senken, es unterstützt das Immunsystem bei seinen Abwehraufgaben, und es schützt vor Krebserkrankungen. Erste Resultate zeigen zudem positive Wirkungen bei Multipler Sklerose, Typ-1-Diabetes und innerhalb des breiten Feldes der Herz-Kreislaufund Gefässerkrankungen.
Die Natur muss von dieser Breitbandwirkung längst gewusst und sie absichtlich in den Organismus eingebaut haben. Wieso sonst greift der menschliche Körper in die Trickkiste, bildet Vitamin D in der Haut gleich selber und sorgt in Eigenregie für all die guten Wirkungen? Einen kleinen Haken hat die Sache allerdings: Ohne die UV-B-Strahlung der Sonne kommt der Schutzmechanismus nicht in Gang. Die Folgen: Mehr als die Hälfte der Menschen in unseren Breitengraden leidet an Vitamin-D-Mangel. ohne es zu wissen. Sie verbringen den Arbeitstag in abgeschirmten Büros, meiden die Sonne auch in der Freizeit oder sitzen zu Hause am liebsten in der Stube vor dem Fernseher oder Computer. Ihre Haut sieht selten direktes Sonnenlicht und wenn, dann wurde sie zuvor mit Sonnencreme eingerieben. Das schützt vor zu viel gefährlicher UV-Strahlung, doch Einreiben mit Sonnenschutzfaktor 8 vermindert die Bildung von Vitamin D in der Haut bereits deutlich.
Grundsätzlich würden im Sommer 10 Minuten Sonne pro Tag auf nicht geschützte Arme, Beine und das Gesicht genügen, um den Tagesbedarf zu decken. Prof. Bischoff-Ferrari: «Die Sonne ist leider keine verlässliche Vitamin-D-Quelle und auch nicht ohne Risiken. Von November bis Mai reicht ihre Intensität in ganz Europa für die Vitamin- D-Bildung in unserer Haut nicht aus. Bei älteren Menschen kommt hinzu, dass die Haut viermal weniger Vitamin D bildet als bei jüngeren Menschen. Die Risiken sind Hautalterung und Hautkrebs. Sicherer und verlässlicher ist die Einnahme von Vitamin D als Tropfen oder Tabletten, denn auch die gesündeste Ernährung kann nicht genug Vitamin D liefern. In grösseren Mengen kommt es nur in fettem Fisch wie Lachs und Makrele vor. Davon müsste man aber täglich zwei Portionen essen – also auch keine ideale Strategie.»
Ein schwerer Vitamin-D-Mangel kann sich durch Muskelschmerzen, Muskelschwäche, Gangunsicherheit und Knochenbrüche bemerkbar machen. Experten befürchten zudem, dass der verbreitete Vitamin-D-Mangel schwere Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Immunerkrankungen wie Diabetes und Multiple Sklerose, aber auch Krebserkrankungen begünstigt. Warum wird also der Vitamin-D-Spiegel beim Hausarzt nicht konsequent gemessen? Prof. Heike Bischoff-Ferrari: «Heute empfehlen wir, den Vitamin-D-Spiegel bei jedem Risikopatienten zu messen. Dazu gehören Personen, die einen Sturz oder einen Knochenbruch erlitten haben, solche, die an entzündlichen Darmerkrankungen leiden, Übergewichtige, weil sie wegen der grösseren Körpermasse mehr Vitamin D brauchen, Menschen mit einem dunkeln Hauttyp, weil dunklere Haut länger braucht, um Vitamin D zu bilden, und Personen mit Erkrankungen, die einen konsequenten Sonnenschutz erfordern. Weil ältere Menschen ohnehin mit Vitamin D unterversorgt sind, sollten sie meiner Meinung nach auf jeden Fall 800 bis 1000 Einheiten Vitamin D pro Tag nehmen.»









