Neue Therapie gegen Blutschwämme
Die Resultate mit einem Betablocker sind sensationell.
Zehn Prozent der Kinder haben im ersten Lebensjahr ein Hämangiom, das heisst einen Blutschwamm. Hämangiome sind damit nicht nur die häufigsten Gefässtumoren, sondern die häufigsten Geschwülste beim Kind überhaupt. Ihr Wachstumsverhalten ist typisch. Bei der Geburt sind sie entweder nicht oder nur als Vorläuferläsion vorhanden. Ab der zweiten Woche werden sie rasch grösser, bleiben eine Zeit lang stabil, um sich dann ab dem zweiten Lebensjahr allmählich zurückzubilden. Trotz diesem selbstlimitierenden Verlauf können einige kindliche Hämangiome zu schwerwiegenden Problemen führen, vor allem, was das Aussehen betrifft. Die Behandlungsmöglichkeiten solcher Problemfälle waren bisher sehr eingeschränkt. Cortison, Interferon, Tumormittel, aber auch Laser, Kälteverödung sowie die Operation zeigten nur selten wirklich befriedigende Resultate.
In einem Artikel im Schweizerischen Medizin-Forum, dem offiziellen Fortbildungsorgan der Verbindung der Schweizer Ärzte FMH, überschlagen sich nun die begeisternden Kommentare über eine neue Therapie, die rein zufällig entdeckt wurde. Die Autorin Dr. med. Lisa Weibel vom Kinderspital Zürich und der Dermatologischen Klinik des Zürcher Universitätsspital schreibt von „sensationellen Therapieresultaten, die weltweit grosses Aufsehen erregten“. Was ist der Grund für eine Wortwahl, die man sonst in wissenschaftlichen Publikationen nur selten antrifft?
Am 12. Juni 2008 publizierten Französische Kinderärzte erstmals ihre Erfahrungen mit Propranolol, einem gewöhnlichen Betablocker, für die Behandlung problematischer Hämangiome bei elf Säuglingen. Ein Zufall hatte sie auf die Spur geführt. Innerhalb von wenigen Tagen kam es zu einem raschen Abblassen und zur Rückbildung eines nasalen Hämangioms. Im Alter von 14 Monaten war der Blutschwamm praktisch vollständig verschwunden. Auch bei einem zweiten Kind beobachteten die Forscher dasselbe Phänomen. Danach behandelten sie neun weitere Kinder mit Propranolol. In allen Fällen konnten bereits innerhalb von 24 Stunden ein deutliches Abblassen und innert weniger Monate eine rasche Rückbildung beobachtet werden.
Der Wirkmechanismus von Propranolol bei kindlichen Hämangiomen ist bisher nicht bekannt. Mögliche Erklärung ist ihre Gefäss verengende Wirkung, die Hemmung von Wachstumsfaktoren sowie die Zerstörung von kapillären Gefässzellen.
Auf der ganzen Welt begannen nun Kiniken, ihre Problemfälle mit Propranolol zu therapieren, auch in der Schweiz. Die Erfahrungen waren überall dieselben. Vielerorts wird Propranolol inzwischen bereits als Therapie erster Wahl für komplexe kindliche Hämangiome eingesetzt. Dr. Lisa Weibel spricht von bisher 21 erfolgreichen Fällen. „Die Behandlung ist sicher und die Nebenwirkungen sind sehr mild. In keinem einzigen Fall erzwangen sie einen Therapieabbruch“, erklärt die Kinderärztin. „Wichtig ist, dass die Therapie nur in spezialisierten Zentren vorgenommen wird, um eine sorgfältige Diagnosestellung und einen sicheren Einsatz gewährleisten zu können. Der Einsatz von Propranolol soll nicht zu einer Ausweitung der Indikation für eine Hämangiomtherapie führen. Die meisten infantilen Hämangiome sind problemlos. Nur bei circa zehn Prozent – vor allem im Kopfbereich – ist eine spezifische Therapie notwendig.“
In ihrem Artikel stellt die Kinderärztin deshalb klare Richtlinien auf:
- Zur Indikation zählen grosse Hämangiome im Gesicht, Hämangiome mit problematischer Lokalisation (Augen, Nase, Lippen, Ohren, Genitalbereich), grosse segmentale Hämangiome am Stamm und an Extremitäten.
- Zeitpunkt des Therapiebeginns so früh wie möglich während der Wachstumsphase.
- Kontraindikationen sind Frühgeborene vor Erreichen des errechneten Geburtstermins, Neugeborene in den ersten beiden Lebenswochen, angeborene Herzfehler mit Gegenanzeigen zu einer Betablockertherapie, Säuglinge mit Episoden obstruktiver Bronchitis, Erkrankungen des zentralen Nervensystems und eingeschränkte Nierenfunktion.
- Stationäre Überwachung zur Therapieeinleitung während 48 Stunden.
- Behandlungsdauer zwischen vier und acht Monate.
Quelle: Schweizerisches Medizin-Forum 2009;9 (33): 573








