Wenn Bauchweh auch Migräne ist
Bauchkrämpfe statt Kopfweh. So kann sich Migräne bei Kindern äussern.
«Du hast dir bestimmt den Magen verdorben», «das Softeis war wohl nicht in Ordnung», «die Magen-Darm-Grippe geht rum». So tönt es, wenn das Kind plötzlich von Bauchkrämpfen geplagt wird oder von einer auf die andere Minute erbrechen muss. Logisch, für den Laien. Aber Achtung: Kinder können im Gegensatz zu Erwachsenen von Varianten der Migräne betroffen sein. Und die machen ganz untypische Symptome.
Drei Krankheitsbilder sind bekannt. Beim zyklischen Erbrechen, das von starker Übelkeit und mindestens viermaligem Erbrechen pro Stunde gekennzeichnet ist, denken Eltern und Ärzte oft an Magen-Darm-Infektionen. Doch obwohl das Kind nicht über Kopfschmerzen klagt, kann es sich um eine Vorstufe der Migräne handeln, vor allem dann, wenn Vorgeschichte und körperliche Untersuchung keine anderen Hinweise ergeben. Erschwerend bei der Diagnose: ein Hirntumor zeigt ähnliche Symptome, löst wegen des gestiegenen Hirndrucks auch plötzliches Erbrechen aus, kommt aber extrem selten vor. Tritt Migräne in der Familie auf, sollte bei der Ursachensuche unbedingt an eine ererbte Migräne gedacht werden.
Eine zweite Erscheinungsform sind plötzlich auftretende Bauchkrämpfe. Naheliegenderweise denkt man auch hier an den Magen-Darm-Trakt. Solche Bauchkrämpfe können aber direkte Folge einer Migräne sein.
Ebenfalls das Resultat einer Migräne ist die dritte Unterform: die episodische Ataxie. Betroffene Kinder fangen ohne Vorwarnung innerhalb von Minuten an, breitbeinig und wie betrunken zu gehen. Ihnen ist schwindelig. Eltern erschrecken und bei der medizinischen Abklärung steht ein Hirntumor oder eine Kleinhirnblutung im Vordergrund. Dass Migräne der Auslöser sein kann, ist Eltern und Ärzten meist nicht bekannt.
«Kindermigräne kann schon im Alter von sechs Monaten auftreten», sagt Dr. Reto Agosti. «Bei vielen Kindern macht sie sich erstmals in der 3. und 4. Primarklasse bemerkbar. Im Kanton Zürich gehäuft in der 5. und 6. Klasse, denn dann steht der Übertritt in die Oberstufe an und das verursacht Stress.» Womit der Grund für Migräne-Attacken offenbar gefunden ist. «Migräne hat mit dem Lebensstress zu tun», sagt Agosti. Sie begleite die Menschen während des Berufslebens und flache nach der Pensionierung deutlich ab. Bis im Alter von 10 Jahren sind Mädchen und Buben gleich stark betroffen, danach verändert sich das Verhältnis auf 3 zu 1 zuungunsten der Mädchen. Grund: Sobald die Mädchen in die Pubertät kommen, spielen die weiblichen Hormone eine Rolle. «Auch die Tage unmittelbar vor und während der Menstruation sind eine problematische Zeit», sagt der Experte.
Viele betroffene Kinder und Jugendliche sind leider nicht richtig diagnostiziert. Ihre Migräne wird leichtfertig als Spannungskopfweh abgetan und falsch oder gar nicht behandelt. Doch Migräne unterscheidet sich deutlich von diesem Kopfweh. Ein elfjähriges Mädchen beschreibt ihren Migräne-Anfall so: «Der Schmerz klopft an die Schläfe und in den Augenwinkeln. Er breitet sich zu einer kleinen Scheibe aus und wandert nach innen. Wenn die Scheibe beim Hirn ankommt, platzt sie und es tut schrecklich weh.» Agosti: «Da muss eigentlich jeder draufkommen: so etwas kann kein Spannungskopfweh sein.»
Eine Faustregel sagt: die Hälfte aller Migräniker erlebt die erste Attacke vor dem 20. Lebensjahr. Ein Zehntel schon vor dem 10. Geburtstag. Bei der anderen Hälfte offenbart sich Migräne im Alter zwischen 20 und 45, nur in Einzelfällen später. «Es braucht eine genetische Veranlagung», sagt Reto Agosti. «Stress und Ehrgeiz lösen die Attacken in bestimmten Lebenssituationen aus.» Die Kinder setzen sich selber unter Druck, möchten den Wünschen der Eltern und den Anforderungen der Lehrpersonen genügen. Erleidet das Kind im Unterricht eine Attacke, soll es nach Hause gehen dürfen. Dort wird es sich schlafenlegen und wenige Stunden danach ist die Attacke vorbei, zumindest im Idealfall. Nicht selten schafft erst die Gabe von Triptanen Abhilfe, einer sehr gut wirksamen Medikamentengruppe mit wenig oder gar keinen Nebenwirkungen. Triptane sind in der Schweiz offi ziell zwar erst ab einem Alter von 18 Jahren zugelassen, können in schweren Fällen und beim Versagen von üblichen Schmerzmitteln aber in sogenannter Off-Label-Anwendung vom Arzt verschrieben werden. Es gibt verschiedene Triptane: u.a. das Zolmi-Triptan, das Ele-Triptan, das Suma-Triptan und das Riza-Triptan. Letzteres eignet sich speziell für Kinder, weil es als dünne Tablette (Maxalt lingual) sehr gut halbiert oder geviertelt werden kann. Das ist ganz wichtig, denn die Tabletten sind für Erwachsene dosiert.








