Paare, wollt ihr ewig streiten?
Denkanstösse für ein friedlicheres Miteinander.
Warum streiten sich liebende Paare? Es mag ein kleiner Trost sein, zu wissen, dass wir absolut normal sind, wenn wir als Liebende unterschiedliche Meinungen und Bedürfnisse haben. Und wenn halt ab und zu zwei Interessen aufeinanderprallen, kann es leicht zu Streit kommen.
Streitereien in der Partnerschaft haben auch positive Aspekte. Sie können Veränderungen und Verbesserungen einleiten. Und was noch interessanter ist: Streitende Paare bleiben in der Regel sogar länger zusammen! Vielleicht, weil sie mit Herzblut immer wieder lautstark ihre eigene Liebe durchbluten sowie einander wach und lebendig behalten.
Natürlich ist es durchaus berechtigt, bei Dauerstreitereien zu fragen, welchen Zweck diese Wiederholungstragödien haben. Könnte es sein, dass einzelne Partner davon gar Nutzen haben? So quasi lieber einen schönen Ehestreit als öde Langeweile? Streiten erzeugt auch Intimität.
Oder denkt man sich, lieber streiten und sich damit den aufdringlichen Partner etwas vom Leibe halten? Vielleicht hat die Unzufriedenheit des Einzelnen externe Ursachen, zum Beispiel Ärger, Frust und Ohnmacht im Job. Weil die Probleme dort nicht ausgetragen werden können, da der Chef immer recht hat, werden sie nach Hause verlagert und umso leidenschaftlicher ausgelebt.
Viele Menschen haben kluges und faires Streiten nie gelernt. Entweder kommen sie aus Familien, die konfliktscheu waren und Auseinandersetzungen stets vermieden haben, und hatten so keine Vorbilder und keine Übungsfelder. Oder sie sind geprägt von schlechter Streitkultur, von Macht- und Liebesmissbrauch und geben das Gelernte kräftig weiter.
In vielen Partnerschaften gibt es Probleme, die sich wunderbar zum Streiten eignen und daher zu den Favoriten zählen. Zu den häufigsten gehören Streiten um die Macht, die Lastenverteilung, Kinder und Erziehung, das liebe Geld, Essen und Gesundheit und die verflixte Sexualität.
Ungünstige Einflüsse von aussen
Viele Streitereien haben aber auch Ursachen, die ausserhalb der Paarbeziehung liegen. Einige sind gravierend und nicht zu unterschätzen. Die gegenwärtige wirtschaftliche Situation macht viel Druck auf junge und alte Paare und Familien. Immer mehr zwingt sie wieder die klassischen Rollenverteilungen auf: Die Männer buddeln bis zum Umfallen an ihren externen Arbeitsplätzen und kommen erschöpft und mit wenig Energie für ein aufmerksames Liebesleben nach Hause. Die Frauen müssen wieder mehrheitlich die Erziehung der Kinder und den Haushalt alleine bewältigen. Wen wundert’s, dass diesen Einzelkämpferinnen in der grossen Einseitigkeit und Einsamkeit immer wieder die Decke auf den Kopf fällt. Viele sehnen sich nach Abwechslung und Anregung durch ihre Männer, doch wenn diese ebenfalls Übermüdeten nichts spenden können, kommt es zu Unzufriedenheit und Enttäuschung und meistens langwierigen Streitereien.
Eine gefährliche Bedrohung für Paare sind schlimme Unfälle und langdauernde Erkrankungen in der Familie. Die zusätzlichen Belastungen können die gesunden Kräfte eines Paares mit Leichtigkeit überfordern und enorme Unzufriedenheiten und Streitereien auslösen. Auch Schicksalsschläge wie Tod in der Familie oder Behinderungen eines Partners oder eines Kindes führen leicht zu chronischen Überforderungen und zu dauernden Auseinandersetzungen. Aber auch Arbeitslosigkeit und deren Folgen können die Streitbereitschaft von Paaren aktivieren.
Enge Ehen – bis zum Ersticken
Glück zuweit – Glück allein! Viele Liebende glauben, einander alle Bedürfnisse abdecken zu können. Die Türen werden verriegelt, und einige mauern sich fast ein. Beide geben acht, dass der andere sich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnt, ja oft werden sie zu Gefängniswärtern und Gefangenen zugleich. Die Paare erstarren, und in vielen Ehen schwindet das tägliche Partnerschaftsgespräch auf weniger als sieben Minuten pro Tag. Es gibt nichts mehr zu erzählen und zu sagen. Das ist zu wenig, um Seelen warmzuhalten. Liebe braucht Worte und Taten.
In der verliebten Zeit, wenn die Menschen krank vor Liebe sind, mag es reichen, einfach da zu sein und sich zu freuen, dass es den anderen gibt. Später reicht das leider nicht mehr. Das Spielfeld ist zu klein geworden.
Nach und nach wird immer mehr Unterhaltungselektronik nach Hause geschleppt, um das kleiner werdende seelische Alltagsleben mit der grossen Konsumwelt zu kompensieren – und im Eheleben wird es immer armseliger. Da sitzen sie nun, gucken fern und essen Nüssli. Es scheint, als lebten sie bald nur noch als Zuschauer. Die Ehen können nur vom Zuschauen nicht überleben, sie müssen selbst gelebt werden.
Die Liebe braucht Luft, Fantasie, Bewegung und vor allem Neues. Wenn den Liebesfeuerchen nicht immer wieder Holz in Form von Liebeszeichen und Abwechslung nachgestossen wird, erlöschen sie bald. Warum werden Ehe-Menschen so träge, faul und langweilig? Nicht selten wird die Unzufriedenheit beider Seelen mit gehässigen Gifteleien bis hin zu endlosen Kampf-Streitereien kompensiert.
In zu vielen engen Ehen werden die lebendigen und lauten Auseinandersetzungen vermieden. Die Tragödie wird passiv ausgetragen. Mit Verweigern, Verstummen und Ersticken. Leider zerbrechen auch in unserem Lande mehr Ehen an Enge und Langeweile als an Toleranz und Experimentierfreudigkeit.
Unterschiedliche Kulturen und Altlasten
Die alte Volksweisheit «Gegensätze ziehen sich an» ist heute noch gültig. Wie faszinierend und aufregend ist es doch, jemandem mit anderer Hautfarbe, anderer Muttersprache, anderer Kultur zu begegnen. In der verliebten Zeit kann man sich gegenseitig königlich unterhalten. Viele Partner schmücken sich gar mit einem exotischen Partner. Leider kann das Fremde nach und nach zum Ärgernis und zur Bedrohung werden. Es nervt: «Du mit deinen unmöglichen Ansichten und Standpunkten!» Zudem hat in Partnerschaften derjenige Partner, der hier schon aufgewachsen ist, einen enormen Heimvorteil. Er wird in der subtilen Machtdynamik stärker und stärker, wegen seiner guten Kenntnisse der bestehenden gesellschaftlichen Normen. Dadurch wird der fremde Partner schwächer. Mit Leichtigkeit wird er bei Streitereien an die Wand gespielt, wird ohnmächtiger und verstummt, oder er verbündet sich extern. Partnerschaften mit grossen Kulturunterschieden sind nicht einfach zu leben, wenn man eine faire Ausgeglichenheit anstrebt. Das Unterschiedliche führt zu Unverständnis und zu Gifteleien, bis hin zu groben Streitereien und verbitterten Kulturkämpfen.
Es ist gut zu wissen, dass zwei Menschen, die einander begegnen und eine nagelneue Beziehung aufbauen wollen, nicht jungfräulich rein und frisch sind. Alte Muster, Verletzungen, winzig kleine Saumödeli und sonstige ärgerliche Angewohnheiten werden mitgebracht und prägen das neue Werk wacker mit.
Grundsätzliches für ein friedlicheres Miteinander
Bevor ich Sie mit ganz konkreten und ernsthaften Denkanstössen für ein friedlicheres Zusammenleben beglücke, erlaube ich mir, ein paar grundsätzliche Gedanken zum Unternehmen Ehe und Partnerschaften – mit einem Augenzwinkern – anzubringen.
Schon bei der Wahl mogeln beide Geschlechter drauflos, dass die Balken krachen. Frauen wie Männer. Frauen duften anfangs wie die Veilchen, schmücken sich wie Christbäume und geben sich wie Schneewittchen sanft und weich. Männer trainieren ihre Muskeln, pflegen ihre Körper, üben gar Tanzschritte ein, geben sich neugierig und stellen sogar Fragen. Oft stählen sie ihre Bodys, als wäre die Liebe ein Muskelspiel. Viel Schein und wenig Sein!
Treten dann später die ersten Unvollkommenheiten, Schatten und Saumödeli in Erscheinung, gibt es ein fürchterliches Geschrei und viel Streit. Dabei war alles schon von Anfang an da und ein Scheitern vorprogrammiert: Wer abends mit einem Frosch ins Bett geht, müsste eigentlich am nächsten Morgen kaum erstaunt sein, nicht neben einem Prinzen zu erwachen.
Aber auch das Heiraten selbst wird zum grossen Bluff und leider in seiner Konsequenz zu wenig ernst genommen. Wer interessiert sich schon ernsthaft für dieses grossartige, aber komplizierte Unternehmen Ehe? Ärgerlich ist auch, dass man heute in wenigen Minuten gesetzlich heiraten kann, ohne richtige Aufklärung und Folgenschreibungen. Bei der Auflösung und Scheidung hingegen, ist der Staat mit einem imposanten Aufgebot und viel Präsenz zur Stelle. Welch ein offizieller Wahnsinn.
Heiraten müsste teurer sein
Gegenwärtig kostet die staatliche Dienstleistung für diese wichtigste Sache im Leben in unserem Lande etwa hundert Schweizer Franken. Ist das nicht lächerlich? Fast schon eine Beleidigung für dieses einschneidende, romantische Langzeitunternehmen. Kein Wunder, werden die billig erworbenen Ehen so leicht zurückgegeben. Jede andere Firmengründung kostet bedeutend mehr.
Müssten die Liebenden diesen grossen Schritt nicht vielmehr miteinander ersparen? Und die reichen Onkel und Göttis könnten, wenn sie der Wahl zustimmen, noch etwas behilflich sein. Sogar die Eltern könnten mit finanziellen Mitteln zum Ehe-Unternehmen ihrer Kinder je nach Schwiegertochter oder Schwiegersohn – etwas beisteuern oder eben auch nicht.
Mein Vorschlag: Heiraten kostet ab sofort mindestens 20000 Schweizer Franken. Einzuzahlen an die «Schweizerische Heirats- und Scheidungskasse.» Wenn Paare dann nach tapferen 20 Jahren Ehe noch immer unter einem Dach leben, die Kinder grossgezogen und keine Scheidungs- und Fürsorgekosten dem lieben Staat überlassen haben, bekommen sie zu den anfangs eingezahlten 20 000 Franken als Anerkennung für diese grossartige Langzeit-Durchhalteleistung nochmals 20 000 Franken plus Zinsen vom Staat dazu. Beide erhalten zusätzlich einen wunderschönen goldigen Ehe-Orden – aus den eidgenössischen Goldreserven kunstvoll gegossen.
Natürlich könnte man das Verheiratetsein grundsätzlich auch ein bisschen positiver sehen: Wer sonst hat schon jederzeit einen Streitpartner an seiner Seite, mit dem man so herrlich auf allen Ebenen unterhaltsame, zärtliche Hänseleien, bis hin zum handfesten Hosenlupf ausführen kann? Und sich dann später, erschöpft und glücklich, wieder zu versöhnen: Ja, eine Ehe bietet viel.
Streiten belebt das Miteinander
Ein schöner Ehekrach will gelernt sein! Es gibt Paare, die jederzeit Seminare und Kurse über vielseitige Methoden und sonstige streitfördernde Auftritte bieten könnten. Rasch sind sie im Element. Ein paar saftige Reizwörter, eine provozierende Mimik, und schon donnern sie los. Welch ein Zeitvertreib, sich liebenswürdige Gemeinheiten um die Ohren zu schlagen, alte Sünden und Verfehlungen genussvoll aufzulisten und strategisch geschickt neue Bösartigkeiten zu kultivieren, um die Schlacht stundenlang auszukosten, bis beide dann irgendwann erschöpft, aber glücklich einschlafen.
Ich erlaube mir, zu behaupten, dass Streiten auch die Sinne schärfen kann und gar die Reaktionen beschleunigt, das Denken und Handeln maximal koordiniert, die Gefühle wachrüttelt und den Überlebenstrieb bei guter Laune halten kann. Kurz: Streiten ist das Salz auf der Partnerschaftshaut.
Es geht deshalb nicht darum, um jeden Preis Streit verhindern zu wollen, sondern zu lernen, fair und kultiviert zu streiten. Dinge vermeiden wie: Haarbüschel ausreissen, Zuschauer und Verbündete zu Ehe-Streitereien einladen, feste Gegenstände einander um die Ohren hauen, mit Kanonen auf Spatzen zielen, wo Blasrohre auch genügen würden.
Dazu braucht es ein paar dem Paar angepasste Spielregeln und ernsthafte Denkanstösse, die ich Ihnen mit sieben Tipps gerne auf die lange Reise mitgeben möchte.
Und vergessen Sie nicht, um es mit Nietzsche zu sagen: «Einer hat immer unrecht: Aber mit zweien beginnt die Wahrheit.»
Sieben Denkanstösse für ein friedlicheres Miteinander
- Kluges Streiten – positives Verhandeln
- Gemeinsam faire Kompromisse suchen
- Veränderungen müssen sich lohnen, einander belohnen
- Sein eigenes Glück schmieden
- Einander Wertschätzung und Akzeptanz schenken
- Zärtlichkeiten und Sex als Friedensspender
- Verzeihen und Weglegen ist dringend notwendig








