FamilieErziehung

Löcher im Käse

Man darf nicht auf den Schwächen herumreiten, so wenig man die Löcher im Käse essen kann.

Das Buch wog bloss 538 Gramm. Aber es schlug ein. «Dummheit ist lernbar – Erfahrungen mit Schulversagern». Das Werk, das Jürg Jegge 1976 bekannt gemach hat. 200 000 Exemplare sind bis heute verkauft worden. Ein flammendes Pladoyer eines unermüdlichen Pädagogen. Heute ist Jürg Jegge Leiter der Stiftung Märtplatz in Teufen, die sich um junge Menschen mit «Startschwierigkeiten» kümmert. Sein neustes Werk, «die Krümmung der Gurke», geht der Frage nach, ob sich in den 30 Jahren seit dem Erscheinen von «Dummheit ist lernbar» in der Schule etwas verändert. Jegge’s ernüchternde Fazit: Dummheit ist immer noch lernbar.

Hat Ihr Erstling irgendetwas an Aktualität verloren?

Leider nein. Es ist immer noch so, dass Kinder mit Angst zur Schule gehen und dort nicht auf ihre Rechnung kommen.

Deformiert die heutige Schule die Jugendlichen immer noch?

Ja, sicher. Es gibt bestimmt viele LehrerInnen, die versuchen, eine Schule zu machen, welche die jungen Menschen nicht verbiegt. Aber die stehen selber ebenfalls unter Druck. Nicht zuletzt auch unter dem Druck vieler Eltern, die, aus lauter Angst vor Misserfolg im Leben, schon heute lieber ein erfolgreiches als ein fröhliches Kind haben.

Wie stark ist heute der Druck auf Jugendliche, möglichst rasch möglichst normal zu funktionieren? Und woher kommt dieser Druck?

Dieser Druck hat in den letzten Jahren noch zugenommen. Die Schulen werden umgebaut zu Fitness-Centern zur Anpassung an die Arbeitwelt des Neoliberalismus. Und der liegt im Augenblick «in der Luft». Die Kinder sollen werden wie die Alten sein sollten: Effizient und trotzdem zuverlässig, angepasst und trotzdem individuell, wettbewerbstauglich und trotzdem kooperativ. Kleine, gasförmige Wirbeltierchen. Eigentliche Schuldige für diese Entwicklung sind schwer auszumachen, man trifft aber auf sehr viele Mitläufer.

Welche Rolle spielt bei diesem Normalitätsmanagement die Schulpsychologie? Ist sie der Steigbügelhalter der Gesellschaft, die eine möglichst rasche Normierung verlangt?

Da gibt es solche und andere. Ich erlebe solche, die sich auf die Seite der Kinder stellen – wenige, zugegeben, aber es gibt sie. Und es gibt andere, die diesen Druck fröhlich verstärken.

Was sind die Folgen dieses Normalitätsmanagements?

Offenbar kommt – nach einer Untersuchung aus dem Kanton Zürich – knapp die Hälfte damit zurande, während 57 Prozent eine therapeutische oder sonstige Unterstützung brauchen. Man stelle sich das einmal bei einer Beiz vor: 57 Prozent müssen nachher zum Doktor. Wie läng wäre diese Beiz wohl offen?

Könnte es sein, dass der so genannte Wertezerfall an den Schulen und unter den Jugendlichen etwas mit diesem unheimlichen Normierungsdruck zu tun hat?

Der «Wertezerfall» kommt mir vor wie Vogelgrippe: Es wird etwas beklagt, das noch gar nicht eigetroffen ist.

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    Jürg Jegge in der Höhle von Kaltbach, am Rande des idyllischen Wauwiler Mooses im Kanton Luzern. Hier lagert und reift Emmi seine bekannten Kaltbach Spezialitäten. Dank viel Geduld und Liebe entwickeln Emmentaler und Gruyère so richtig ihren Charakter. Ein Rezept, das auch im Umgang mit jungen Menschen erfolgreich ist.

Macht die Schule vielleicht nicht nur dumm, sondern auch krank? Man denke nicht nur an die Bewegungsarmut, sondern an die Verarmung an Emotionen und Erlebnissen in einer technokratisch ausgerichteten Schule.

Lehrerinnen berichten von Kindern, die bis zu vier Therapien gleichzeitig besuchen. Es gibt Gemeinden, da werden bis zu 50 Prozent aller Kinder beim Schulpsychologen angemeldet.

Könnte es sein, dass das hohe Aggressionsniveau, das immer mehr beklagt wird, eine Folge dieser emotionalen Verarmung und Normierung ist?

Zunächst: Auch das ist nach meinen Beobachtungen eher eine Spielart der «pädagogischen Vogelgrippe». Dort, wo Aggression wirklich einmal geballt auftritt, gibt es meist zwei Gründe: Zum einen machen die Kinder einfach das, was sie zuhause und in der Schule erleben, nämlich Wettbewerb, Konkurrenz. Nur tun sie das zur Abwechslung nicht mit Schnellrechnen. Und zum andern schlagen häufig die drein, die später einmal zu den Verlierern in unserer Gesellschaft gehören werden, also Sonderschüler oder Abschlussklässler.

Woher rührt Ihrer Meinung nach die hohe Zahl von Schülern mit Lernschwierigkeiten und Konzentrationsstörungen bis hin zum so genannten Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS?

Je mehr ich kontrolliere, desto mehr Kinder fallen bei meinen Kontrollen auf. Man könnte ja auch helfen, unterstützen, statt zu kontrollieren.

Was sollen ADHS betroffene Schüler und ihre Eltern am besten machen?

Das Problem weder als Krankheit noch als Bosheit ansehen. Wenn überhaupt als Problem, dann am ehesten als Eigenheit.

Und die Lehrer?

Die auch.

Sie blicken auf eine jahrzehntelange Erfahrung als Pädagoge zurück. Was zählt am Schluss im Leben wirklich? Die Noten? Die Hochschulabschlüsse oder etwas anderes?

O Herrje! Da ist natürlich für jeden Menschen etwas anderes wichtig. Aus meiner Sicht: Es geht darum, dass möglichst viele Menschen ein bisschen glücklicher sein können. Auch ich. Möglichst keine allgemeinen Regeln aufstellen, nicht auf den Schwächen der Jungen herumreiten, sondern auf deren Stärken bauen. Oder anders gesagt: Man muss mit dem Käse kochen, nicht mit den Löchern.

Drucken06.08.2009