FamilieErziehung

Schwierige Kinder – oder Zeiten?

Mobilität statt Verwurzelung, Kontakte statt Beziehungen.

Dr. Rainer Funk, Psychoanalytiker und Nachlassverwalter von Erich Fromm, über Verlockungen und Gefahren für Ich-orientierte junge Menschen.

Pünktlich zur Wandersaison hat sich die Werbung mit verlockenden Produkten in unsere Wohnzimmer eingeschlichen – mit Erfolg. Auf den Wanderpfaden sind die modischen Bergausrüstungen nicht mehr zu übersehen, die mit Sicherheit eine gute Figur machen, für die man aber tief ins Portemonnaie greifen musste. Das ist nur eines von vielen Beispielen, wie die Konsumgüterindustrie nicht nur Bedürfnisse befriedigt, sondern selber Bedürfnisse erzeugt, einen neuen Lifestyle schafft und Erlebniswelten herstellt. An ihren Emotionen darf jeder teilhaben. Jeder darf dazugehören. Jeder darf von sich das Bild eines erfahrenen Alpinisten abgeben, sei es nur, um einen halbstündigen Weg zum nächstliegenden Picknick-Platz in Angriff zu nehmen. Was zählt, ist das Gefühl, sich einen Lebensstil angeeignet zu haben.

Noch offensichtlicher zeigt sich die Sehnsucht dazuzugehören bei den technischen Innovationen der letzten Jahre. Der Mensch im Zeitalter der Kommunikation ist vernetzt. Die elektronischen Medien haben es möglich gemacht, den Reiz der Entgrenzung von Raum und Zeit zu erleben. Vor allem Jugendliche werden davon angesprochen. Via Facebook und SMS pflegen sie Kontakte weit über die Grenzen ihres unmittelbaren Bekanntschaftskreises hinaus. Der Mensch von heute ist mobil. Er sprengt die Grenzen des vertrauten Lebensraumes zwischen Elternhaus und Schule und steht vor einer ihm offenen Welt. Unterwegssein wird zum neuen Zuhause. Die Freizeit bietet Möglichkeiten, neue Grenzerlebnisse auszuprobieren, nach dem Motto «nach uns die Sintflut». Alles, was möglich ist, ist o.k. Die Nacht wird zum Tag und der Tag zur Nacht. «Selbstbestimmung» wird zum Leitbegriff. Die modernen Formen von Kommunikation ermöglichen es einem heranwachsenden Menschen, die eigene Lebenswelt nach eigenen Vorstellungen zu schaffen. Das gilt für die Freizeit und den Alltag wie auch für die Lebensführung insgesamt. Die Vielfalt an möglichen Bildungswegen und die Ausdifferenzierung der Berufswelt stellen Jugendliche schon früh vor wichtige Weichenstellungen. Lebensläufe werden nicht mehr vorgegeben, sondern werden selbst bestimmt. Dabei soll, ja muss das eigene Leben als Erfolgsstory inszeniert werden. Brüche und Scheitern sind darin nicht vorgesehen.

All das führt zur Bildung einer neuen Charakterorientierung des Menschen. Ich verwende dazu den Begriff des «Ich-orientierten Menschen». Er kennt grundsätzlich nur eine Antriebskraft für sein Handeln: das entgrenzte Ich. Alte Massstäbe und Werte, welche der Generation unserer Eltern noch Orientierung gaben, werden aufgebrochen. Der Ich-orientierte Mensch lebt in einer dauernden Aufbruchstimmung. Die eigene Lebenswelt soll immer aufs Neue gestaltet, der Moment des Augenblickes mit Erlebnissen und starken Emotionen gefüllt werden. Dieses Gefühl der Entgrenzung will natürlich geteilt werden. Das ist ein genauso wichtiger Aspekt: Spontan und grenzen-los sein, aber nur im Verbund. Ein Wir-Gefühl soll entstehen. Alleine ist es uninteressant. Also gibt man die eigenen Befindlichkeiten auf der Pinnwand von Facebook preis und veröffentlicht Bilder – als Beweis des gemeinsamen Spasses beim letzten Ausgang. Im Grunde genommen macht der Ich-orientierte Mensch aus der Not eine Tugend: Die Orientierungslosigkeit und Anonymisierung, die mit der Globalisierung und Technisierung unseres Alltags gekommen ist, wird attraktiv. In einer Welt, in der Flexibilität als oberstes Gebot gilt, sind einschränkende Bindungen kontraproduktiv. Kollegialität statt Freundschaft, Kontakt statt Beziehung scheint die Einstellung zu sein, die unter solchen Bedingungen «nützlich» ist. Das Attribut «nützlich» will ich bewusst verwenden. Kontaktfreude ist letztlich zweckgebunden. Man pflegt Bekanntschaften für den Spass auf der Partymeile, fürs Bett, oft um einfach nicht allein zu sein. Beziehung im Sinne von Verbindlichkeit und Uneigennützigkeit scheint dagegen altmodisch zu tönen. Treue, Verpflichtung, Rücksichtnahme und Langatmigkeit schrecken ab. Nicht von ungefähr können Ich-orientierte Menschen das Auseinandergehen von Beziehungen in der Regel gut verkraften, schnell können sie es akzeptieren, den Kontakt auch als «Freunde» aufrechtzuerhalten, wenn dies in Aussicht steht. Der Gedanke, sich lebenslänglich an einer Person zu binden und sich ihr zu fügen, wird mit grosser Mühe und mit Verlegenheit erwogen. Stattdessen kann man beim Ichorientierten Menschen oft einen Zynismus beobachten, mit dem er über alles Gegebene und Überlieferte hinwegsehen und es sogar der Lächerlichkeit preisgeben kann.

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Das Streben nach Ich-Orientierung gibt es meiner Ansicht nach in zwei Varianten: einer aktiven und einer passiven. Der aktive Ich-Orientierte will aus Eigeninitiative einen neuen Lebensstil schaffen. Der passive Ich- Orientierte wählt sich einen Lifestyle, den Musikstil oder die Events, die zu ihm passen. Besonders für den passiven Ich-Orientierten ist es wichtig, im Verbund sein zu können, denn nur im Wir-Gefühl spürt er sich selber. Gemeinsam sind den beiden die bisher beschriebenen Charakterzüge, die je nachdem anders akzentuiert sind. Ich-orientierte Menschen sind Macher-Typen, sie sind besonders gut als Manager oder Gruppenleader geeignet. Was anders gemacht werden kann, ist attraktiver als Anspassung an die Gegebenheiten. Nichts ist für ihn so abschreckend wie Monotonie und Langeweile.

Auch im Gefühlsleben lassen sich typische Züge ablesen. Sie konsumieren Gefühle, diejenigen, die von den medialisierten Lovestorys inszeniert werden. Man schwelgt in Sentimentalitäten. Grosse Emotionen zum Mit-Fühlen bietet die bunte Presse schliesslich in grosser Menge. Vergessen gehen dabei die ureigensten Gefühle. Dies gilt besonders für negative Selbstgefühle. Die Mentalität des Macher-Typs lässt es nicht zu, sich Schwachheit einzugestehen. Das Gefühl von Passivität und Ohnmacht wird durch ständige Ablenkung unterdrückt. Das Schicksal als Instanz des Unvorsehbaren und des Ungewissen wird als Existenzbedrohung wahrgenommen. Der Ich-orientierte Mensch fühlt sich hingegen dazu gezwungen, gegen jegliche Art von Einschränkung rebellieren zu müssen, um ein Bild eines souveränen Menschen von sich geben zu können. Auch hier erweisen sich das Handy oder der Zugriff aufs Internet als einfache Mittel zur Unterdrückung der Erfahrung von Endlichkeit: Um das Gefühl von Trennung, Trauer oder einfach des Alleinseins zu vermeiden, verspricht man sich, über die vielen Kontakte die nötige Aufmerksamkeit und Liebeszuwendung zu finden.

Es gibt auch durchaus sublimere Abwehrmechanismen im Verhalten eines Ich-orientierten Menschen. Auf Affekte von Angst oder Schuld reagiert er mit kontraphobischem Verhalten. So verkehrt er Schamgefühle ins Gegenteil. Er gibt sich schamlos und inszeniert nach aussen Selbstbewusstsein und Erhabenheit. Dieses Verhalten lässt sich ins Unendliche steigern. Je grösser die Grenzerfahrungen, die einem das Leben zumutet, desto verstörter scheinen die Abwehrmechanismen zu sein. Am heutigen Umgang mit dem Älterwerden und mit dem Tod lässt sich das einfach einsehen. Der Tod wird entweder verdrängt oder von der Filmbranche banalisiert. Ja, schliesslich ist schon als solches das Streben nach Entgrenzung und nach Dominanz ein Kompensationsmechanismus für den Mangel an Beziehungen und Orientierung. Das eigentliche Problem liegt aber tiefer, vor allem beim fehlenden Bewusstsein solcher Ich-Schwächen. Auch die Abhängigkeit von den technischen Mitteln zur Entgrenzung von Raum und Zeit bleibt unbewusst. Umso bedrohlicher erlebt man einen Ausfall des Handys oder des iPods auf offener Strasse. Das Gefühl der Orientierungslosigkeit und des Aufgeschmissenseins wird kaum stärker empfunden als in solchen Momenten.

Es ist die Unfähigkeit, mit Begrenzungen umzugehen. Schliesslich ist es das Leben selber, welches ein Prozess von Wachstum und Verfall ist und uns dazu auffordert, diese Spannung auszuhalten. So gehören Abschiednehmen und Abgrenzung genauso zu einer gesunden Entwicklung der menschlichen Psyche wie Identifi kation und Bindung. Oft gehen sie sogar Hand in Hand. Das müssen Menschen von Kindheit an lernen. Wenn Eltern zu Partnern, Interessenvertretern in der Schule oder zur Wunschkiste des Kindes werden, wird ein Kind kaum lernen, mit Aggressionen und Konfl ikten umzugehen. Ein Kind, das zwischen Mein und Dein unterscheiden und zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem unterscheiden kann, hat oft Erfahrungen von Widerstand und Ungehorsam durchmachen müssen. Wenn es hingegen nie mit Grenzen umgehen musste, wird sich dies in seiner Lebenseinstellung einprägen. Ähnliches gilt auch für die Jugend. In allen Lebensbereichen machen wir diese Erfahrung: Wer sich bindet, nimmt gleichzeitig von dem Abschied, was ihn bisher prägte oder ihm noch als mögliche Option zur Wahl offenstand. Man entscheidet sich für einen ganz bestimmten Beruf, für eine ganz bestimmte Person. Reifen und neue Ressourcen entdecken kann man nicht, wenn man noch alle Lebensoptionen vor sich offen hat, sondern wenn man einen bestimmten Weg eingeschlagen hat.

Der Aufruf zu einem begrenzten Leben wird oft als reaktionär missverstanden. Grenzen machen schliesslich Angst, sie drohen die uns so liebe Autonomie und Entscheidungsfreiheit zunichtezumachen. Wer so denkt, muss sich aber fragen: Ist ein ich-orientiertes Leben in der Lage, einen Umgang mit den Zweideutigkeiten des Lebens zu ermöglichen? Unweigerlich zeigen sich Ambivalenzen im Leben, darum ist es mit reinen Ablenkungsmanövern nicht getan. Freiheit ereignet sich nicht jenseits der Grenzerfahrungen, sondern im Umgang mit diesen. Freiheit muss eingeübt und erlernt werden.

Drucken17.10.2010