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Das ABC gegen Schulstress

Der grösste Stressfaktor für Jugendliche ist die Schule.

Es hat wieder begonnen: Das Wettrennen um einen guten Schulabschluss und eine Chance auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Selbst Kinder im Vorschulalter haben inzwischen verinnerlicht, dass man sich im Leben nur mit einer Topausbildung und –leistung durchsetzen kann. Die Rahmenbedingungen sind leider oft nicht sehr förderlich. Grosse Klassen mit vielen Unruhefaktoren, langweilige Einrichtungen und Lernmaterial, ein 45-Minuten-Takt, welcher den natürlichen menschlichen Rhythmen kaum oder überhaupt nicht entspricht. Kommt dazu, dass im digitalen Zeitalter der Lernstoff ständig grösser wird und in allen möglichen Fächern nach wie vor so viel auswendig gelernt werden muss, als sei noch nicht einmal das Buch erfunden.

In einer schwierigen Lebensphase, in der die Identität erst noch entwickelt werden muss, wird von einem jungen Menschen erwartet, dass er immer für Leistungskontrollen bereit ist, fast stündlich Red und Antwort steht, sich den Regeln der Schule und der Lehrer unterordnet, die Erwartungen der Eltern erfüllt, sich in der Gruppe behauptet und …. Eine grosse Zahl von Schülern wird damit nicht fertig. Die Umfragen zeigen denn auch übereinstimmend: Am meisten Stress verursacht die Schule mit ihren permanenten Mehrfachbelastungen. Erst dann kommen Berufswahl, Familie und Kollegen. Stress ist Motivationskiller, lässt die schulischen Leistungen einbrechen und macht krank, und zwar Seele und Körper. Stress macht nervös und aggressiv, raubt Schlaf und Appetit, verursacht Kopfschmerzen und Bauchweh. Gerade der Bauch ist ein sehr sensibler Indikator für Stress, der beobachtet und ernst genommen werden will.

Damit das laufende Schuljahr ein klein wenig stressfreier wird, sei hier der Versuch gemacht, ein Anti-Stress-Alphabet zu skizzieren, ganz aus dem Bauch heraus, beruhend auf eigenen Erfahrungen mit sechs Kindern. Ein Alphabet zum dran arbeiten, durchstreichen und ergänzen.

A wie aktivieren. Aus der Neuropsychologie wissen wir, dass für eine effektive uns effiziente Leistung die entsprechenden Hirnregionen zuerst aktiviert werden müssen. Niemand schafft es in ein paar Sekunden von 0 auf 100. In Fahrt kommt man am besten, indem man an frühere Erfahrungen und bereits vorhandenes Wissen anknüpft. Abholen lautet die Devise für Lehrer und Schüler. Das Lernen fällt auch umso leichter, je mehr Sinne aktiviert werden. Augen auf, mit Bildern arbeiten, Geschichten erzählen!

B wie Bewegung. Begreifen braucht Bewegung. Dem Schulstress davon laufen. Aber bitte wörtlich! Sport und Bewegung sind mit Abstand die besten Stresskiller. Stresshormone werden abgebaut, die Hirnareale besser vernetzt, das Lernen fällt leichter. Studien zeigen, dass Kinder mit drei Schulstunden Sport pro Woche Mathematikaufgaben rascher und besser lösen als solche mit nur zwei. In den Stundenplan gehört deshalb viel Sport, in den Alltag Bewegung.

B wie Beziehungen. Sie bilden das Netzwerk, das in guten wie in schlechten Zeiten trägt. Beziehungspflege innerhalb der Familie und mit Freunden ist die Investition schlechthin und gehört zu jedem Antistressmanagement. Sie schaffen die Vertrauens- und Rückzugsbasis, ohne die kein Mensch leben kann.

B wie Bilderflut. Noch nie zuvor sah sich eine Schülergeneration mit so vielen schnellen, stressigen Bildern konfrontiert, die permanent auf das Gehirn einprasseln. Sie führen zu Überreizung und Abstumpfung. Computer, Spielkonsolen, Handys etc. deshalb gezielt einsetzen und stattdessen Dinge wieder real erleben.

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E wie Ernährung. Unausgewogenes und falsches Essen bedeutet für Gehirn und Körper Stress. Kein Frühstück, kein warmes Mittagessen, dafür eine Portion Fastfood verursachen nicht nur Übergewicht, sondern auch Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit und Leistungsschwäche. Kein Vitaminpräparat kann eine ausgewogene Ernährung ersetzen. Falsch ist auch die Meinung, Vitamine würden die schulischen Leistungen verbessern. Nachgewiesen ist das nur für Omega-3-Fettsäuren. Weil die wenigsten Kinder und Jugendlichen mehrmals pro Woche Fisch essen, empfiehlt sich ein hochwertiges Präparat mit den beiden Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA im richtigen Verhältnis, welche für die Entwicklung und Funktionsfähigkeit des Gehirns unverzichtbar sind.

F wie fördern. Die Schule ist darauf ausgerichtet, Leistungsdefizite und unerwünschtes Verhalten aufzudecken und zu sanktionieren statt Potentiale und hilfreiches Verhalten zu fördern. Alles wird durchleuchtet und benotet. Vom ersten Schuljahr an gleichen die Zeugnisse Anklageschriften. So formt man keine Menschen, sondern nur willige Arbeitstiere und gierige Konsummonster, welche den Bezug zu sich selber und den anderen Menschen verlieren und früher oder später versagen.

F wie fragen. Ungewohnte Aufgaben und Fragestellungen verursachen Stress. Deshalb ist es wichtig zu kommunizieren. Verständnisschwierigkeiten und Konfliktsituationen unbedingt frühzeitig thematisieren, über Stress reden, gemeinsam Lösungen suchen.

F wie Freiräume. Sich eigene Freiräume gönnen, aber auch die Freiräume der anderen respektieren. Freiheit und Verantwortung gehören zusammen.

I wie individualisieren. Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche diejenigen Schulen besuchen, deren Leistungsanforderungen sie gewachsen sind bzw. deren Lehrpersonen den Unterricht individualisieren. Die Normierung und Gleichschaltung der Schüler hat ein enormes Stress- und Vernichtungspotential.

I wie Informationen. Die Menge an verfügbaren Informationen überfordert jedes Gehirn. Wichtiges und Unwichtiges kann kaum noch unterschieden werden. Was muss man lernen und was nicht? Deshalb vor allem Kompetenzen erlernen, die der Computer nicht übernehmen kann.

K wie Klassenrat. Nicht der Stärkste oder Fleissigste setzt sich durch, sondern es entsteht ein Austausch der verschiedenen Ansichten und Wirklichkeiten. Die Regeln werden diskutiert, ausgetauscht und gemeinsam festgelegt und beachtet. Traktanden auf eine Pinwand schreiben und diese laufend aktualisieren.

M wie Machtspiele. Kaum ein Mensch hat mehr Macht über andere als Lehrer. Unbewusster Machtmissbrauch gegenüber Schülern und Eltern gehört leider zum Schulalltag und wird kaum je thematisiert. Abhilfe schaffen der Klassenrat, der Schulpsychologe, sofern er den Lehrern nicht hörig ist, und wenn nötig externe Supervision.

M wie Matur. Wer sie schafft, hat ein Ticket für die Uni, aber noch keinen Beruf und schon gar keine Berufung. Wer sie nicht schafft, kann sich trösten. Es gibt heute tausend andere Möglichkeiten für ein erfülltes Berufsleben.

P wie paradox. Schülerverhalten – Lehrerreaktion – Schülererhalten – Eskalation. Wer stoppt dieses ewig gleiche Laufrad? Wer hat den Mut auszuscheren und auch einmal paradox zu reagieren, auf eine unerwartete, befreiende Art und Weise? Druck mit Gegendruck beantworten ist kräftezehrend. Sanktionen müssen ständig überprüft werden und erzeugen bei allen Beteiligten Megastress. Paradox reagieren erfordert Fantasie, die Bereitschaft, sich selber zurückzunehmen, lohnt sich aber in fast allen Fällen. Am besten: einfach ausprobieren!

P wie Problemfächer. Überforderte Schüler verlieren mehr und mehr die Lust und lernen in ihren Problem-Fächern irgendwann überhaupt nichts mehr und verlieren so komplett den Anschluss. Deshalb früh Problemgebiete identifizieren und Gegenstrategien entwickeln. Das kann auch einmal eine kalkulierte 3 sein.

R wie Rauchen. Zigaretten, Kiffen und Alkohol sind fast immer ein Ausdruck von Stress in irgendeiner Form. Passive Stressbewältigung geht irgendwann nicht mehr auf. Viel besser sind aktive Formen wie Sport, Bewegung, Thematisierung und so weiter.

R wie Repetieren. Schlechte Noten und eine Nicht-Versetzung sind noch lange keine Katastrophe und schon gar nicht der Weltuntergang. Selbst berühmte Persönlichkeiten hatten Schwierigkeiten in der Schule. Der Schriftsteller Thomas Mann musste eine Stufe wiederholen. Albert Einstein war zwar ein recht guter Schüler, hatte aber so große Probleme mit strengen Lehrern, dass er die Schule im Alter von 15 Jahren ohne Abschluss verließ. Erst Jahre später setzte er seine Schullaufbahn in der Schweiz fort und bestand die Matura-Prüfung.

R wie Rhythmus. Rhythmuswechsel reduzieren Stress und erhöhen die Aufnahme- und Lernfähigkeit. Abwechslung im Unterricht und zu Hause, Wechsel zwischen aktiven und passiven Tätigkeiten, Konzentrations- und Entspannungsphasen einbauen.

R wie Ritual. Geregelte Abläufe und Rituale gehören zu jeder Kultur und Lebensphase und haben ein grosses Antistresspotential. Das können fixe gemeinsame Essenszeiten sein, Rituale zur Konzentration und Entspannung, Rituale beim Sport und so weiter.

S wie Schlafen. Wenn etwas im stressigen Schülerleben zuerst zu kurz kommt, ist es der Schlaf. Schlafhygiene: für die meisten ein Fremdwort. Dabei gehört ausreichend Schlafen zu den wichtigsten Massnahmen, um effizient und stressfrei den Schulalltag bewältigen zu können.

S wie Sinn. Wer in seinen Tätigkeiten einen Sinn sieht, ist motiviert, Leistungen zu erbringen. Umgekehrt gibt es nichts Schlimmeres, als keinen Sinn in einer Aufgabe zu erkennen. Definiere bei allem, was Du machst, einen Sinn, sei es einen direkten oder indirekten.

S wie Strafen. Wenn es in der Schule nicht gut geht, sollten die Kinder nicht auch noch von den Eltern unter Druck gesetzt und bestraft werden. Motivation und Selbstvertrauen leiden dann nur noch mehr. Viel besser sind wohlwollende, entspannte Begleitung und Hilfestellungen.

T wie Timeout. Kein Mensch kann dauernd Höchstleistungen erbringen. Es braucht akzeptierte Formen, sich auch einmal für ein paar Minuten oder wenn nötig sogar Stunden abzumelden. Lehrer und Schüler müssen lernen, Unbewältigtes auszuhalten, und akzeptieren, dass es nicht für alles eine Antwort oder Lösung gibt.

V wie Verstehen. Jeder einzelne Schüler muss in sich und in innerhalb der Dynamik einer Klasse verstanden werden. Wieso erwartet der Schüler X nichts mehr von seiner Zukunft? Warum darf sich der Schüler Y während des Unterrichts gar nicht konform verhalten? Wir sollten die Handlung eines Schülers wenigstens ansatzweise verstehen. Das schwächt den Druck bei allen Beteiligten augenblicklich ab, entlastet unmittelbar und tiefgreifend. Verstehen heisst aber nicht, einfach alles gut heissen zu müssen.

Z wie Zeit. Sie rennt niemandem davon. Also stress Dich nicht, Deine Ausbildung in möglichst kurzer Zeit zu durchlaufen. Lern Deine Wünsche kennen, mach mal irgendwo ein Schnupperjahr oder fang etwas Aussergewöhnliches an. Auch nicht-lineare Schulkarrieren und Lebensläufe führen zum Ziel. Heute sind auch wieder mehr Allrounder gefragt. Denk daran: Du hast alle Zeit der Welt. Bist Du pensioniert wirst, liegt das Rentenalter ohnehin bei 70. Bleib deshalb cool!

Drucken06.08.2009