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Lernen in Bewegung

Stillsitzen und sich langweilen war gestern. Jetzt kommt die Schule, die endlich Spass macht.

Sie klopfen sich auf den Kopf und auf die Wangen. Sie laufen auf einem sechs Meter langen Balken, balancieren auf Rollen, jonglieren mit Tüchern und Bällen, während sie Texte lesen und kopfrechnen. Andere üben draussen auf Pedalos und Einrädern Französischvokabeln. Für die Schülerinnen und Schüler der 6. Primarklasse in Biberist ist das nicht Ausnahmezustand, sondern Schulalltag. «Lernen in Bewegung» heisst dieses Konzept, das ihr Lehrer Eduard Buser seit Jahren mit grossem Erfolg praktiziert. Erst dieses Jahr wurde der Vater zweier erwachsener Kinder mit einem bedeutenden Bildungspreis ausgezeichnet. «Lernen in Bewegung ist spannend, abwechslungsreich, sehr effizient und erst noch gesund, die Lernbereitschaft der Schülerinnen und Schüler hoch, die Leistungsbereitschaft stark.»

Die Verbindung von Lernen und Bewegung wird hier förmlich inszeniert. Der Bewegungsdrang der Kinder wird nicht mehr als lästig und störend empfunden, sondern als Quelle der Kraft und der Individualität. Lernen in Bewegung ist Lernen mit allen Sinnen. Die Schule wird zum Erlebnis. Überall sind Zahlen und Texte aufgehängt, einige sind sogar verkehrt herum geschrieben, damit die Konzentration beim Lesen grösser wird. Die Kinder tragen keine Schuhe oder Finken, sondern Socken mit einem Schutz gegen das Rutschen. Einige liegen am Boden auf einer speziellen Unterlage und korrigieren gegenseitig die Matheaufgaben. Trotz unzähliger Schauplätze herrscht kein Chaos. Im Gegenteil: Alle arbeiten hoch konzentriert, disziplinarische Massnahmen sind nicht ansatzweise nötig. Man spürt die Begeisterung förmlich.

«Ich habe mit den eigenen Kindern erlebt, dass die Schule oft einfach nur langweilig ist. Das Treten an Ort wollte ich nicht länger einfach nur als gegeben hinnehmen. Deshalb suchte ich Unterrichtsformen, die variantenreicher und individueller gestaltet werden können», erklärt Eduard Buser. «Seither erlebe ich ständig, wie die Kinder durch die Bewegung aufblühen und an Selbstwert gewinnen. Beim Memorisieren ist die Bewegung sehr hilfreich. Der gesamte Körper wird aktiviert, das Gehirn aufnahmebereiter. Die Schüler sind viel motivierter und können ihren Körper aus der Sitzposition befreien. Normalerweise sitzen Schüler bis zu 12 Stunden am Tag. Es ist völlig falsch zu glauben, man könne nur konzentriert lernen, wenn man stillsitzt. Wandelhallen und Promenaden in den Klöstern und Kirchen der Antike beweisen, dass dies ein grosser Irrtum ist.»

An Gruppentischen wird in der Klasse dynamisches Sitzen praktiziert. Neben der korrekt eingestellten Höhe von Stühlen und Tischen stehen schräge Stehpulte, Sitzbälle und Sitzkeile zur Verfügung. Ein Viertel des Schulzimmers wird als Bewegungsraum ausgegrenzt und während des Schuljahres mit Hilfsmitteln eingerichtet. Ein sechs Meter langer, selbstklebender Antirutschstreifen trennt den Bewegungsraum von den Schulpulten ab. Er dient den Schülerinnen und Schülern als Laufhilfe. Später kommt ein gleich langer, verleimter Balken dazu. In der ersten Phase dient die breitere Seite als Laufunterlage. Später wird er zur Steigerung gedreht. Die Schülerinnen und Schüler laufen vorwärts oder rückwärts auf der Linie mit oder ohne schulischen Auftrag.

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Das Jonglieren mit den Tüchern oder später mit den Bällen kann von allen gelernt werden. Egal, ob motorisch geschickt oder eher ungeschickt, mit ein wenig Übung und Fleiss ist das Jonglieren für alle machbar. Einmal gelernt, kann man es nicht mehr verlernen. Es ist deshalb eine Fähigkeit fürs Leben und kann überall auch zur Meditation eingesetzt werden. Eduard Buser: «Verbindet man das Jonglieren mit dem Gleichgewichtssinn, ist der ganze Körper gefordert. Werden mit diesen Bewegungsformen auch noch schulische Aufgaben verbunden, ist die mehrfache Belastung des Gehirns garantiert. Jonglierend auf der Wippe stehen und noch mathematische Aufgaben lösen oder Texte lesen, ist eine grosse Herausforderung. Seit Kurzem weiss man, dass sich täglich Nervenzellverbindungen und auch ganze Gehirnregionen ein Leben lang erneuern können. Diese Erkenntnis hat die Gehirnforschung revolutioniert. Jetzt muss sie auch Eingang in den Schulalltag fi nden.»

Mehrkanaliges Lernen – motorisch, emotional und kognitiv – führt zu besseren Lernleistungen. Lerninhalte werden nachhaltig in den Gehirnarealen abgespeichert und sind schneller, vor allem sicherer wiederzufinden. Neuronale Faktoren regen das
Wachstum von Nervenzellen an. Die Anzahl der neuronalen Verbindungen vermehrt sich. Motorische, koordinative Fähigkeiten steigern die Konzentrationsfähigkeit. Die Gedächtnisentwicklung braucht einen Nervenwachstumsfaktor, dessen Bildung durch Bewegung auffällig erhöht wird. Solche neurotrope Faktoren bewirken eine stärkere Vernetzung der Nervenzellen im Gehirn.

Man nimmt es dem Primarlehrer aus Biberist ab, wenn er mit Begeisterung erklärt: «Spannen und entspannen, bewegen und ruhen, sich konzentrieren und wieder zerstreuen – das Pendeln zwischen diesen beiden Polen gilt als Schlüssel für Gesundheit und Wohlbefinden – und für schulischen Erfolg. Bewegung im Unterricht ermöglicht ein solches Pendeln. Das Auf- und Abgehen beim Auswendiglernen, die gestische Begleitung beim Erlernen von neuen Vokabeln und Liedern, das Balancieren von Stäben mit Farben auf Französisch, das Üben von Dialogen auf Rollen, das Sprechen von mathematischen Aufgaben auf einem Balken, das Musizieren in Bewegung, das Lesen von Texten mit wechselnden Abständen, die Arbeit mit Tüchern und Jonglierbällen und vieles mehr tragen zu einer mehrfachen Belastung des Gehirns bei. Lerninhalte werden doppelt codiert und im Gehirn besser verankert. Je vielfältiger die Hirnareale angesprochen werden, desto besser ist das Erinnerungsvermögen. Bewegung entscheidet über Intelligenz! Tanzen, Hüpfen und Toben sind nicht Zeitverschwendung, sondern Entwicklungschancen. Bewegtes Lernen ist ein Lebensprinzip von der Geburt bis ins hohe Alter.»

Bewegung liegt in der Luft und ist mit den Händen zu greifen. Den Schülern gefällt das bewegte Lernen. Den Eltern auch. Und auch vielen Lehrerkollegen. Von überall kommen sie her, um diese Schulklasse live zu erleben. «Die Kinder haben Spass und kommen gern in die Schule. Die Lernziele werden erreicht oder sogar übertroffen.»

So viel steht fest: Das ist die Schule von morgen. Das ist die Schule fürs Leben. Sie baut Lernbarrieren und Ängste ab. Sie verbessert das Selbstwertgefühl und die Einstellung zur eigenen Körperlichkeit. Sie ist die beste Prävention gegen Bewegungsmangel, Übergewicht, Drogen-, Alkohol- und Tabakmissbrauch, gegen Konzentrationsschwierigkeiten und ADHS.

Kinder mit einer derart hohen Motivation und exzellenten Feinmotorik findet man nur in einer bewegten Schule. So musikalische übrigens auch. Zum Abschied spielen die Kinder auf ihren Mundharmonikas den Titanic-Titelsong.

Schule und Ernährung

Die Schule ist der Ort, wo Weichen gestellt werden, berufl ich, aber auch hinsichtlich der Gesundheit. Neben Bewegung und Umgang mit Stress gibt es einen dritten Bereich, wo sich jede Investition auszahlt: die Ernährung. Fehler, die dabei in der Schule oder zu Hause gemacht werden, lassen sich häufi g ohne grossen Aufwand vermeiden. Das Resultat sind bessere schulische Leistungsfähigkeit, weniger Übergewicht mit all seinen Folgen und sogar stärkere Knochen.

Kein Frühstück

Wer mit leerem Magen zur Schule geht, bringt den Energie- und Flüssigkeitshaushalt durcheinander. Folge sind schwankende Blutzuckerspiegel, fehlendes Sättigungsgefühl, Hungerattacken, vermehrter Verzehr von Snacks und Softdrinks sowie reduzierte Leistungsfähigkeit. Ein Frühstück sollte heute weit mehr sein als Brot, Butter und Konfi . Flocken und ganze Früchte, Milch in ihren Variationen, eine kleine Portion Käse oder fettarmes Fleisch sind ideale Ergänzungen.

Kein warmes Mittagessen

Wer sich über Mittag nicht zu einer warmen Mahlzeit hinsetzt, läuft Gefahr, sich nur von Fastfood und Snacks zu ernähren. Beide sind im Nu verspiesen und machen kaum satt, obwohl sie den Körper mit Kalorien bombardieren.

Zu wenig Obst, Salat und Gemüse

Viele Fertigprodukte sehen zwar verlockend aus und schmecken auch – aber von der Ernährung her sind sie minderwertig. Klar, bleiben unverarbeitete Lebensmittel wie Obst, Salat und Gemüse meistens auf der Strecke. Auch hier gilt es, Gegensteuer zu geben und diese wertvollen Nahrungsmittel in den Tag einzubauen.

Zu wenig Omega-3-Fettsäuren

Für Entwicklung und Funktionsfähigkeit des Gehirns spielen essentielle Omega-3-Fettsäuren eine Schlüsselrolle. Weil Kinder und Jugendliche generell wenig Fisch essen, ist ein Mangel bei Schulkindern sehr verbreitet. Interventionsstudien konnten mehrfach zeigen, dass ein Nahrungsergänzungsmittel mit den Omega-3- Fettsäuen EPA und DHA Konzentration, Aufmerksamkeit, Textverständnis und sogar das Schriftbild verbessert.

Zu viele Softdrinks

Süssgetränke und Drinks rauben dem Knochen nicht nur das Calcium, sondern machen auch dick. Rechnet man all die leeren Kalorien zusammen, die sich im Verlaufe eines Tages durch den Getränkekonsum ansammeln, kommt man schon auf die Hälfte der Kalorienmenge, die ein Jugendlicher pro Tag benötigt. Eine grosse Studie mit Schülern aus Dortmund hat gezeigt, dass ein einziges Glas Wasser mehr pro Tag hilft, Übergewicht zu vermeiden.

Drucken02.01.2010