Die Pille
Es war eine Sensation, als vor 50 Jahren die Pille in den USA das Licht der Welt erblickte.
Von den einen herbeigesehnt und als Geschenk des Himmels gelobt, von den anderen kategorisch abgelehnt und als Teufelszeug verschrien: Die Meinungen über das neue orale Verhütungsmittel «Pille» waren in seiner Geburtsstunde geteilt. Angst vor Verrohung der Sitten und Hoffnung auf eine entspannte Sexualität der Frau standen sich diametral gegenüber.
Schon vor über 2000 Jahren versuchten Frauen, sich mit bestimmten Pflanzenextrakten vor einer unerwünschten Schwangerschaft zu schützen. Die Ägypter verwendeten die Samen des Granatapfels, die viel Phyto-Östrogen enthalten, als Verhütungsmittel. Die Chinesinnen schwörten auf hochgiftiges Quecksilber. Rund 1500 vor Christus wurde im Medizinbuch «Papyrus Petri» ein Tampon aus Gummi arabicum und Datteln beschrieben, der die Befruchtung für drei Jahre verhindern sollte. Der Gummi zersetzte sich und gab Milchsäure frei, die tatsächlich Spermien abtötete.
Trotz aller Bemühungen: Erst die gezielte hormonelle Steuerung des weiblichen Menstruationszyklus durch die Pille führte ab 9. Mai 1960 zu einer Revolution in der Empfängnisverhütung. Zum ersten Mal stand ein wirksamer Schutz zur Verfügung, der von den Frauen in Eigenregie angewendet werden konnte. Heute vertrauen überall auf der Welt rund 80 Millionen Frauen der Pille. Orale Verhütungsmittel gehören zu den umsatzstärksten Produkten in der Pharmabranche.
Gesellschaftsfähig wurde die Pille allerdings erst über Umwege. Wegen juristischer Hürden und anderer Widerstände wurde sie als Mittel gegen menstruelle Beschwerden und zur Förderung einer regelmässigen Blutung lanciert. Die Verhütung war als Nebenwirkung deklariert. Und weil Sex vor der Ehe tabu war, durfte die Pille ausschliesslich an verheiratete Frauen mit mehreren Kindern verschrieben werden – selbst der Ehemann musste zustimmen. 140 deutsche Ärzte und 45 Universitätsprofessoren verurteilten die Pille 1964 im Ulmer Manifest, und der Papst verbot im Jahr 1968 in seiner Enzyklika «Humanae vitae» jede Art von künstlicher Schwangerschaftsverhütung.
Keine dieser Aktivitäten vermochte die Verbreitung der Pille zu bremsen. Die durchschnittliche Kinderzahl einer verheirateten Frau sank von 6 Mitte des 19. Jahrhunderts auf aktuell 1,6 in den Industriestaaten.
Während die amerikanische Ur-Pille mit 150 Mikrogramm Östrogen dosiert war, enthielt die erste europäische Pille ein Jahr später nur noch 50 Mikrogramm. Heutige moderne Pillen gibt es in den unterschiedlichsten Variationen, mit nur noch 15 bis 35 Mikrogramm Östrogen, als Kombi-Variante zusätzlich etwas Gestagen. Ihre Anwendung erfolgt immer mehr multiphasisch, was bedeutet, dass man die Dosis je nach Zyklusphase variiert. Ganz neue Produkte verwenden ein Hormon, das dem natürlichen Östrogen der Frau sehr nahe kommen soll.
Wie jedes Medikament kann auch die Pille Nebenwirkungen haben. Sehr erwünscht ist die Heilung von Akne. Unerwünscht sind Kopfweh, Müdigkeit, Lustlosigkeit, Ziehen in der Brust oder die Erhöhung des Thrombose-Risikos, wobei bei letzterem speziell junge Raucherinnen gefährdet sind. Auch während Schwangerschaft und Geburt können Thrombosen auftreten – übrigens mit noch höherem Risiko. Auf jeden Fall gehört vor eine Pillenverordnung ein sorgfältiger ärztlicher Risikocheck.








