FamilieSchwangerschaft

Invitro-Fertilisation

Wenn es auf natürliche Art und Weise einfach nicht «einschlägt», kann die Invitro-Fertilisation helfen.

Der Fahrplan war klar: zusammenziehen, heiraten, für ein Eigenheim sparen und dann das Baby. So hatten es sich Natasha und Basil vorgestellt. Die Hochzeit war prächtig, und auch das Haus steht auf einem schönen Fleckchen Erde. Bereits seit fünf Jahren wohnen die beiden in ihrem Wunschdomizil, doch leider immer noch zu zweit. Das mit dem Baby wollte bisher einfach nicht klappen. Letzte Woche feierte Natasha ihren 36. Geburtstag. Da wurde es so richtig laut im Garten, denn viele Gratulantinnen brachten ihre Babys mit. Am Abend war das Geburtstagskind psychisch ziemlich fertig. Bei Natasha und Basil dreht es sich immer ums Gleiche: das fehlende Baby. «Deine Samen sind zu lahm», brachte sie ihn auf die Palme. «Deine Eileiter leiten nicht richtig», konterte er. Und am Ende lagen sich beide weinend in den Armen, nicht zum ersten Mal. Der Stress, endlich eine richtige Familie sein zu dürfen, wird von Monat zu Monat unerträglicher. Eltern, Schwiegereltern und Geschwister wagen längst nicht mehr, das Tabu-Thema anzusprechen. Doch es liegt in der Luft, lastet wie eine Hypothek auf dem Paar. Jeder Eisprung wird zum Pflichttermin. Spass und Lust weichen Verkrampfung und Frust.

Eine typische Situation?

Dr. Peter Fehr: 10 bis 15 Prozent aller Paare sind ungewollt kinderlos. Es sind also viele betroffen. Insbesondere auch deshalb, weil viele Frauen den Kinderwunsch und die Familienplanung auf einen Zeitpunkt verschieben, wo die Natur die Fortpflanzung schwierig macht. Die Aufklärung zu diesem Thema ist leider mangelhaft. Die Paare rechnen damit, dass es eben schon «irgendwie klappt». Für die meisten stimmt das auch. Aber nicht für alle. Bevor sich ein Paar gegenseitig Vorwürfe macht, sollte es fachärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Wie lange soll man «probieren», bevor man sich an einen Spezialisten wie Sie wendet?

Man sollte nicht warten bis Matthäi am Letzten. Nach einem Jahr ungeschützten Geschlechtsverkehrs würde ich der Ursache auf den Grund gehen. Frauen über 35 sollten schon nach sechs Monaten unerfüllter Schwangerschaft mit den Abklärungen beginnen, denn auch die aufwändigste Behandlung muss nicht zwingend und sofort einschlagen.

Wo liegen denn die Ursachen, dass es auf natürlichem Weg nicht klappt?

Etwa in der Hälfte der Fälle sind es die Spermien des Mannes, die allein oder in Kombination mit anderen Befunden für die Kinderlosigkeit verantwortlich sind. Bei der Frau stehen hormonelle Störungen im Vordergrund. Dazu gehören im weitesten Sinne auch die hormonellen Veränderungen, welche durch das Alter mit beeinflusst werden. Eileiterverschlüsse oder Eileiterverwachsungen nach Infekten sowie Endometriose sind ebenfalls nicht selten. Sehr wichtig ist das Körpergewicht der Frau. Sowohl Unter- als auch Übergewicht kann sich sehr negativ auf die Befruchtungswahrscheinlichkeit von Eizellen auswirken.

Womit beginnt eine Befruchtung «im Glas»?

Wenn eine Invitro-Fertilisation (IVF) nötig ist, braucht es umfangreiche Voruntersuchungen und Vorbereitungen. Die Eierstöcke der Frau werden mit Hormonen stimuliert, also zur Reifung von Eizellen angeregt. Heute ist diese Massnahme sehr einfach durchzuführen. Die Injektionen erfolgen mit einem Pen-ähnlichen Gerät und können von der Frau zu Hause selbst gemacht werden.

Einige Hormone werden aus Urin von Frauen in der Menopause gewonnen, was zu grossen Diskussionen geführt hat. Wie sieht das heute aus?

Heute werden in der Regel sogenannte rekombinante Hormone wie Gonal-F verwendet. Sie sind biotechnologisch hergestellt, wirken sehr gut, und ihre Reaktion ist kalkulierbar. Dadurch vereinfacht sich die Vorbereitung, und die Zeit ist für die Frauen weniger stressvoll.

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Im Gegensatz zur natürlichen Befruchtung macht der Gesetzgeber bei der IVF klare Vorgaben. Worauf müssen Paare speziell achten?

Die IVF-Behandlung ist in der Schweiz im Fortpf lanzungsmedizingesetz geregelt. Neben einer fachgerechten und professionellen Beratung, welche vorgeschrieben ist, sind auch die technischen Aspekte und Laborvorgänge klar festgehalten. Nur Ärzte mit entsprechender Ausbildung dürfen solche Behandlungen anbieten. Die Paare sollten sich aber nicht durch Versprechungen und Erfolgsraten aus dem Internet blenden lassen. Die Behandlung muss gut überlegt und entsprechend geplant sein. Es ist weniger wichtig, ob bereits nächste Woche gestartet werden kann. Wichtiger sind das Vertrauen und die individuelle Betreuung, welche auch zum Erfolg und zur Entspannung der Situation beitragen.

Die Erfolgsquote für eine Schwangerschaft liegt nach einer IVF bei rund 30 Prozent, bis zur tatsächlichen Geburt sinkt sie auf 20 bis 25 Prozent. Eine Erfolgsgarantie kann niemand abgeben. Nach wie vielen Versuchen bekommt ein Paar durchschnittlich sein Kind?

Es gibt Situationen, wo wir die Erfolgsrate sogar noch wesentlich tiefer angeben müssen. Durchschnittszahlen gelten nur als grobe Richtgrösse. Wichtig ist, dass sich der behandelnde Arzt nach zwei Fehlversuchen die Zeit nimmt und mit dem Paar die Situation neu beurteilt: War es nur Pech und der Erfolg wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit einstellen, oder ist die Erfolgsrate weniger hoch als ursprünglich angenommen? Je nachdem ist es angezeigt, nochmals mit einer IVF zu starten oder eben auch nicht.

Das kann also teuer werden.

Ja, leider bezahlt die Krankenkasse die IVF-Therapie nicht. Die Kosten müssen genau budgetiert werden. Für viele Paare ist deshalb auch gelegentlich eine Behandlungspause nötig, selbst wenn aus medizinischen Gründen besser weiterbehandelt werden würde.

Sie behandeln in Ihrer Klinik nur Frauen bis zu einem Alter von maximal 42 Jahren. Aber viele Frauen sind doch noch viel länger fruchtbar, oder?

Es gibt immer Ausnahmen, aber es ist richtig, dass nach 42 Jahren nur noch sehr zurückhaltend behandelt werden soll. Es ist eben ein grosser Unterschied, ob eine Frau mit 44 Jahren noch spontan, also ohne medizinische Hilfe, schwanger wird oder ob grosse Bemühungen nötig sind. Das sind zwei total unterschiedliche Fälle. Heute benutzen jedoch immer mehr Paare die Option der Eizellspende, welche viel weniger vom Alter der Frau abhängt. Diese Behandlungen sind aber in der Schweiz nicht möglich und werden im Ausland organisiert. Wir bevorzugen eine Überweisung nach Spanien und haben nun seit mehreren Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht.

Was geschieht bei der Eizellspende, und warum ist sie hierzulande nicht erlaubt?

Wenn keine oder nur noch wenige Eizellen vorhanden sind, können sie von einer jüngeren Frau übernommen werden. Damit haben auch Frauen über 40 Jahre noch eine Wahrscheinlichkeit von über 50 Prozent, ein Kind zu gebären. Mit eigenen Eizellen ist die Erfolgsrate nur ein kleiner Bruchteil davon. Die historische Entwicklung der Gesetzgebung in den 90er Jahren hat diese Behandlungsform in der Schweiz – im Gegensatz zur weitverbreiteten Spermienspende – nicht zugelassen.

Was ist aus Ihrer Sicht der grösste Fehler, den Paare machen, bevor Sie sich für eine IVF entscheiden?

Es ist ungünstig, wenn bei ausgeprägtem Kinderwunsch zu lange mit einer qualifizierten Abklärung gewartet wird. Der Zeitfaktor wird häufig unterschätzt.

Drucken15.08.2010