Wie mit leerem Tank
Frauen sollten nicht mit leeren Eisentanks durch die Schwangerschaft gehen.
Kein verantwortungsvoller Autofahrer macht sich auf die Fahrt durch den Gotthardtunnel, wenn der Tank fast leer ist. Wem inmitten der Tunnelröhre der Treibstoff ausgeht, handelt unverantwortlich und bringt auch andere in Gefahr.
Was für das Auto der Treibstoff im Gotthard, ist für die Frau das Eisen in der Schwangerschaft. Eisen braucht es für die Blutbildung, den Sauerstofftransport, die Sauerstoffaufnahme, die Zellfunktionen und den gesamten Energiestoffwechsel der Zelle. Während der Schwangerschaft umso mehr, da die werdende Mutter auch ihr heranwachsendes Kind versorgen muss. Das flüssige Blutvolumen erhöht sich im zweiten Drittel der Schwangerschaft, doch die Bildung der roten Blutkörperchen – welche das Hämoglobin enthalten – hält nicht Schritt. Ist zu wenig Hämoglobin vorhanden, fühlt sich die Mutter schwach, und das Kind kann unter Umständen nicht richtig wachsen. Damit dies nicht passiert, werden der Hämoglobin- und der Eisengehalt erstmals in der zwölften Schwangerschaftswoche kontrolliert. Mindestens 110 Gramm Hämoglobin sollten zu diesem Zeitpunkt in einem Liter Blut vorhanden sein. Erste Anzeichen für einen Eisenmangel in der Schwangerschaft sind Müdigkeit, Leistungsabfall, Blässe, Herzklopfen, Atemnot und Konzentrationsstörungen.
Jeder Mensch verliert durch Schwitzen und abgeriebene Hautzellen täglich Eisen. Manche Menschen auch durch chronische Entzündungen. Frauen zusätzlich und teils intensiv während der Menstruation. Dieser Eisenverlust wird normalerweise durch eine ausgewogene Ernährung ausgeglichen, wobei der Körper nur rund zehn Prozent des zugeführten Eisens überhaupt im Darm aufnehmen kann. In der Schwangerschaft ist der Eisenbedarf doppelt so hoch wie sonst. Vielen Frauen werden Präparate verabreicht, um der Blutarmut vorzubeugen. Diese Praxis hat sich bewährt. «Im Normalfall genügen Eisentabletten», sagt Dr. Monya Todesco Bernasconi, Leitende Ärztin der Frauenklinik am Kantonsspital Aarau. «Die intravenöse Gabe von Eisen ist nur nötig, wenn die Anzahl der roten Blutkörperchen unter einen gewissen Wert fällt, wenn eine Tablettenunverträglichkeit besteht oder die Schwangere auf die Gabe von Tabletten nicht reagiert. Auf keinen Fall aber in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten.»
Kontrollmessungen zeigen an, wie gut die Therapie anschlägt. Auf nüchternen Magen kann der Körper das Eisen der Tabletten besser aufnehmen. Die gleichzeitige Zufuhr von Vitamin-C-haltigen Nahrungsmitteln wie Orangensaft oder Multivitamin- Präparaten erhöht die Aufnahmefähigkeit des Eisens durch den Körper.
Einige Frauen beginnen ihre Schwangerschaft bereits mit leeren Eisenspeichern. Wer ist gefährdet? Dr. Monya Todesco Bernasconi: «Frauen mit einem erhöhten Eisenverlust wegen starker Menstruation, Frauen beim Ausdauersport und Frauen mit einer eisenarmen Ernährung wie Ovo-Lakto- Vegetarierinnen sollten wachsam sein.» Sollen diese Frauen von sich aus vorher Eisenpräparate zu sich nehmen? Dr. Todesco Bernasconi: «Eisenpräparate sind ausschliesslich nach einer Arztabklärung indiziert. Es ist wichtig, eine genaue Untersuchung der Ursache einer Blutarmut durchzuführen, bevor die Eisentabletten eingenommen werden. Eisen kann in überdosierter Dosis giftig sein und ist bei gewissen Formen der Blutarmut die falsche Therapie.»
Beim natürlichen Gebären verlieren die Frauen bis fünf Deziliter Blut, etwas mehr beim Kaiserschnitt. Wer mit gefüllten Eisenspeichern entbindet, ist weniger auf Bluttransfusionen angewiesen. Was aber ist von der Eisengabe nach der Geburt zu halten? Viele Frauen fühlen sich niedergeschlagen und leiden an einer sogenannten postpartalen Depression. Kann Eisen da helfen? Dr. Todesco Bernasconi: «Nicht alles lässt sich mit Eisenmangel erklären. Nach der Geburt versiegt die Hormonquelle der Plazenta auf einen Schlag. Das spüren die meisten Frauen. Zusätzlich sehen sie sich einer neuen familiären Situation gegenüber. Das braucht Anpassung, und je nach Schwangerschafts- und Geburtsverlauf kann die junge Mutter besser oder weniger gut damit umgehen. Das Trauma einer schweren Geburt muss seelisch erst einmal verdaut werden.» Ein erhöhter Eisenbedarf nach der Geburt hänge demgegenüber auch mehr mit dem Stillen des Kindes zusammen. «Der Eisenbedarf ist wie in der Schwangerschaft auch in der Stillzeit erhöht. Die Muttermilch ist die einzige Eisenquelle für das Baby. Deshalb sollten bei Eisenmangel im Wochenbett Eisenpräparate bis zur Einführung der Breikost eingenommen werden.»
- Gute Eisenlieferanten sind Blutwurst, Kalbsleber, Tofu, Rindfleisch, Spinat, Fenchel, Kirchererbsen, Rüebli, Erbsen, Linsen, Broccoli, Haferflocken, Kürbiskerne, Dörraprikosen.
- Resorptionsfördernd wirkt die gleichzeitige Einnahme von Säure wie Vitamin C, das in Zitrusfrüchten, Sauerkraut und Peperoni enthalten ist.
- Resorptionshemmend wirken Tee, Kaffee und Wein (also nicht zusammen mit Eisen einnehmen).
- Mit der oralen Eisentherapie möglichst früh beginnen, bevor die Eisenspeicher leer sind (bekanntestes Mittel ist Gyno-Tardyferon, die Kombination von Eisen mit Folsäure).
- Intravenöse Therapie nur dann, wenn die orale Therapie nicht genügt.








