Startseite » Themen » Fast in 100 Prozent Heilung

Fast in 100 Prozent Heilung

Unwissen und Vorurteile gegenüber Menschen mit Hepatitis C sind ­allgegenwärtig. Anders ist nicht zu erklären, dass den meisten Betroffenen hochwirksame Therapien vorenthalten werden.

Hepatitis_Aufmacher

Hepatitis C ist kein Problem von gesellschaftlichen Randgruppen. Und schon gar nicht ist Hepatitis C ein Grund, jemanden zu stigmatisieren. Hepatitis C ist eine weltumspannende Virus-Epidemie. Ihr Höhepunkt ist immer noch nicht abzusehen. Weil die Krankheit lange unterschätzt wurde, weil gut die Hälfte der Betroffenen nichts von ihrer Ansteckung weiss und weil den meisten Patienten die Behandlung mit wirkungsvollen Medikamenten aus Kostengründen verwehrt bleibt. Obwohl heute Heilung fast in 100 Prozent der Fälle möglich ist. Selbst bei Menschen mit schweren Leberschäden, die schon eine unwirksame Behandlung hatten. Und das schnell, das heisst innert weniger Wochen, unabhängig vom Krankheitsstadium und Virustyp und ohne gravierende Nebenwirkungen.

Zugang zu hochwirksamen Behandlungen verwehrt

Die neue Hepatitis-C-Therapie ist eine der grössten Erfolgsgeschichten der Medizin und trotzdem ein Skandal ohnegleichen, weil die Politik und die Krankenkassen es bisher nicht fertiggebracht haben, den Betroffenen den Zugang zu den hochwirksamen Behandlungen von den ersten Symptomen an zu ermöglichen, geschweige denn taugliche Testprogramme anzubieten.

Allein in der Schweiz gibt es rund 40 000 mit Hepatitis C infizierte Menschen. Es sterben fünfmal mehr Menschen daran als an Aids. Die chronische Hepatitis ist die häufigste Ursache für Leberkrebs und Lebertransplantationen. Oft bricht die Krankheit erst Jahrzehnte nach der Ansteckung aus. Und längst nicht immer ist die Leber betroffen. Dass eine virale Hepatitis sehr verschieden verlaufen kann, macht die Diagnose schwierig. Bei einem Drittel der Infizierten kommt es zu einer Leberzirrhose. Zunehmend zeigt sich jedoch, dass die Krankheit den ganzen Körper in Mitleidenschaft zieht und somit nicht nur zu leberbedingten Todesfällen, sondern zu einer Erhöhung der Gesamtsterblichkeit führt. So sind mit einer Hepatitis auch Diabetes, Arteriosklerose, Nierenleiden oder Lymphome vergesellschaftet. Abgesehen von Symptomen der geschädigten Leber sind Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und Gelenkschmerzen die häufigsten Beschwerden, welche ein normales Leben verunmöglichen.

Leberschäden zeigen sich erst viele Jahre nach Ansteckung

Die meisten Ansteckungen gehen auf die Zeit zurück, als es noch keine Tests gab. Rund zwei Drittel der Menschen mit Hepatitis C in der Schweiz haben sich über den Gebrauch von Spritzen oder Bluttransfusio­nen angesteckt, der Rest über unsachgemässes Stechen von Tattoos und Piercings oder über Geschlechtsverkehr. Bei vielen Betroffenen ist der Ansteckungsweg jedoch unklar und es sind keine Risiken bekannt. Weil die Hepatitis C sehr langsam verläuft, zeigen sich die Leberschäden erst viele Jahre nach der Ansteckung. In den nächsten Jahren ist deshalb mit einer Welle von schweren Lebererkrankungen zu rechnen.

Daniel Horowitz, 60, aus Zürich, infizierte sich 1981 mit dem Hepatitis-C-Virus, als er sich nach einem Unfall in Guatemala unter katastrophalen hygienischen Bedingungen einer Notoperation unterziehen musste. 1991 wurde eine aktive Hepatitis C diagnostiziert. Die damalige Therapie mit Interferon ging mit fatalen Nebenwirkungen einher. Zudem blieb die Wirkung aus. Die Viruslast vervielfachte sich.

Abgeschlagen und kraftlos

In den folgenden Jahren verschlechterte sich sein Befinden kontinuierlich. Nachts wachte er wegen grippeähnlichen Gliederschmerzen auf. Schmerzen im rechten Oberbauch machten das Essen zur Qual. Dazu kamen eine lähmende Abgeschlagenheit und Kraftlosigkeit. An einen normalen Job war nicht zu denken. Die Lebensenergie schwand mehr und mehr.

Im allerletzten Moment, als die Leber schon massiv geschädigt, aber noch nicht total vernarbt war, erhielt Daniel Horowitz Zugang zu einem neuen Medikament. Die Wirkung glich einem Wunder. Schon nach wenigen Tagen fühlte er sich, als sei die Leberentzündung verschwunden. Die Schmerzen vergingen, die Lebensenergie kehrte zurück. Nach drei Monaten war er komplett virenfrei. Es fühlte sich an, als hätte er ein neues Leben geschenkt bekommen. Heute kämpft Daniel Horowitz an vorderster Front, um allen Hepatitis-C-Infizierten von Anfang an freien Zugang zu den modernen Thera­pien zu ermöglichen.

Von Patienten für Patienten

Patientube.com ist eine Plattform für Patienten und deren Angehörige. Gründerin ist Andrea Rinderknecht. Als junge Frau wurde sie durch eine verschmutzte Spritze eines Homöopathen mit Hepatitis C angesteckt. Sie weiss, was es heisst, veraltete, schlecht verträgliche Therapien zu erhalten und selbst von Bekannten blossgestellt zu werden, weil sie nichts über Hepatitis C wussten und die Infektion einen ähnlich schlechten Ruf hatte wie Aids. Dank ihrem Arzt wurde sie auf ein ein neues, hochwirksames Medikament aufmerksam und geheilt. Jetzt will Andrea Rinderknecht anderen Betroffenen helfen, sich untereinander besser zu vernetzen und über ihre Krankheit zu reden.

www.patientube.com

PD Dr. Dr. David Semela, Leitender Arzt Klinik für Gastroenterologie/Hepatologie, Kantonsspital St. Gallen

Ein Meilenstein der Medizin

Hepatitis C betrifft längst nicht nur die Leber. «Es gibt eine ganze Reihe von schwerwiegenden Folgen für den ganzen Körper», sagt PD Dr. Dr. David Semela, Leitender Arzt Klinik für Gastroenterologie/Hepatologie, Kantonsspital St. Gallen. «Dazu zählen gewisse Erkrankungen der Niere, Lymphome oder Entzündungen der Blutgefässe. Mehr und mehr in das Bewusstsein tritt eine schwere, ausgeprägte Müdigkeit. Oft verbessert sie sich dramatisch, wenn die Hepatitis C mit den hochwirksamen neuen Medikamenten behandelt wird. Auch Diabetes scheint unter den betroffenen Patienten gehäuft aufzutreten.»

Dr. Semela bezeichnet die heute verfügbaren Wirkstoffe gegen Hepatitis C als einen Meilenstein in der Medizin, den man sich immer erhofft, aber lange nicht zu träumen gewagt habe. «Mit einer Kurzzeittherapie, die erst noch gut verträglich ist, sind heute Heilungsraten von fast 100 Prozent möglich. Dabei sprechen wir von einer definitiven Heilung, das heisst einer bleibenden Elimination des Virus, nicht nur von einer Virus-Unterdrückung wie bei anderen chronischen viralen Infektionen.»

Unter der Therapie kann die angegriffene Leber wieder regenerieren. Entsprechend dramatisch sinken die Krankheitshäufigkeit und Sterblichkeit. Und der Fortschritt geht weiter. In Kürze werden neue Kombinationstherapien verfügbar sein, welche die Ansprechraten und Heilungsaussichten nochmals verbessern, und zwar unabhängig vom sogenannten Genotyp. Nach dem Grundsatz: One Size fits all.

Mehr Infos zu empfohlenen Hepatitis-C-Therapien: hcvadvisor.com