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Frisst die Pornografie unsere Kinder?

Das Internet ist immer und überall und mit ihm die Pornografie. Kommen unsere Kinder damit klar? Was tun wir Eltern? Jürgen Steiner über das Leben und die Liebe in einer Welt voller Smartphones.

Close-up Of A Person Hand With Adult Movie On Mobile Phone

Die Pubertät ist eine besondere Zeit für Heranwachsende. Eine Zeit der Ablösung, des Erkundens von Gefahren und der Suche nach dem Dazu-Gehören. Das sind die drei wichtigsten Aspekte auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Eigenleben statt Familienleben, Risikowunsch statt Regeln, als Gruppe gemeinsam statt einsam. Bei diesen drei Grossaufgaben können Sie Ihren Kindern, die jetzt Jugendliche und Fast-Erwachsene sind, nicht helfen. Sie können Sie auch nicht regulieren. Sie müssen loslassen und können höchstens begleiten. Wenn Sie sich mehr in die Rolle des Beobachters begeben, bewerten Sie nicht, und das entstresst alle Beteiligten. Trotz dieser Zurückhaltung können Sie ja nach wie vor Gesprächsbereitschaft signalisieren und Ihre Meinung bekunden.

Definieren Sie Ihre Familie neu

Die Zeiten der engen Bindung und Ihrer Hoheit über das Geschehen sind mit dem Ablauf der Kindheit vorbei. Wenn Sie einen oder mehr Jugendliche zu Hause haben, ist dann Schluss mit Papi und Mami. Definieren Sie Ihre Familie neu. Eher als Wohngemeinschaft. Hier gelten zwar auch Regeln, die werden aber ausgehandelt und nicht per Alleingang eines Einzelnen beziehungsweise der Eltern bestimmt.

Der Übergang vom Kind zum Erwachsenenwerden beginnt mit etwa 12 Jahren. In diesem Alter bekommen die Kinder meist ein Smartphone. Oder leider schon viel früher. Erwachsenwerden heisst, die Selbststeuerung der virtuellen Welt zu verantworten. Keine leichte Verantwortung. Und dazu gibt es keinerlei Anleitung.

Das Handy ist eine Stressmaschine. Laut amerikanischen Untersuchungen bekommen Jugendliche heute bis 3000 Messenges pro Tag. WhatsApp ist der Spitzenreiter, Snapchat, Facebook, Instagram, Pinterest und auffordernde Apps kommen dazu. Die Flutwelle der Reize beginnt vor dem Zähneputzen und macht vor der Nachtruhe nicht Halt. Dadurch ergibt sich eine permanente Unruhe, die reale Welt wird zum Nebenschauplatz bis zum nächsten Impuls aus der virtuellen Welt. Das Gegenteil von Unruhe wäre Sich-Einlassen. Das wird schwieriger.

Kontakte heute primär in virtueller Welt

Kontakt halten mit anderen, Gemocht-Werden, sich selbst definieren, seine Aktionen und Einstellungen bestätigt bekommen, das alles findet heute primär in der virtuellen und nur sekundär in der realen Welt statt. Das reale Gegenüber mit seiner Spontanität, Impulsivität, mit Augenkontakt, mit überraschenden Worten, Gestik und Mimik sowie der Emotionalität, die man nicht vorhersagen kann, ist nicht mehr so wichtig.

Nicht Online-Sein heisst nicht dabei zu sein. Und wer nicht dabei ist, verpasst etwas und fühlt sich ausgeschlossen. Menschen sind online enthemmter, weil die Kontrolle entfällt. Es ist ja alles namen- und gesichtslos. Das ist die Ursache für Kränkungen im Netz.

Online ist man gut in Kontakt, und bleibt dennoch auf Distanz. Ein Klick – und man kann sich verabschieden. Telefonieren ist für Jugendliche oft zu direkt. Man will entscheiden, ob man gleich, später oder gar nicht antwortet und möchte nicht bedrängt werden. Da kann es schwer werden, sich auf jemandem einzulassen.

Verantwortung übernehmen

Verantwortung für die virtuelle Welt übernehmen heisst, dass Jugendliche lernen auszuwählen und zu verzichten. Wenn sie das nicht tun, überflutet sie der Comic-Trash, die öffentliche Häme, der entblössende oder sogar delinquente Sex, der sich jenseits jeder Zärtlichkeit präsentiert. Dasselbe Internet kann die sexuelle Aufklärung auf durchaus seriöse Weise übernehmen. Jugendliche wissen und nutzen das.

Sex ist toll. Faszinierend und stark. Sex ist noch stärker, wenn er mit der Liebe und einer Partnerschaft verbunden ist. Dann ist Sex Ausdruck von Verbundenheit, Nähe, Kontakt, Energie, Vitalität, Intimität und Lebendigkeit. Das ist eine andere Welt als Leistung und Zur-Schau-Stellung im Rampenlicht. Körper sind mehr durch Sensualität als durch Sexualität miteinander verbunden. Leidenschaft statt Performance. Kommunikation statt Sensation: Ich mag Dich richtig. Ich meine Dich.

Der erste erotische Kontakt mit dem anderen Geschlecht ist für Jungs heute aber nicht mehr Komplimente machen, Händchenhalten, ins Kino gehen und Küssen, um dann erste Erkundungen des schönen weiblichen Körpers unter der Kleidung zu unternehmen. Erstkontakte sind heute oft die Mausklicks in die Pornowelt.

Mädchen weniger anfällig

Mädchen sind nicht so anfällig für den pornografischen Sog. Wenn sie Pornos schauen, dann eher um zu sehen, was Jungs so gefällt. Und deshalb konsumieren Jungs und Mädel aus komplett  unterschiedlichen Motiven Pornografie. Oder Mädchen meiden die Pornografie so gut es geht. Jungs aber kaum.

Und was sehen die Jugendlichen in der Pornowelt? Wer sexuelle Darstellungen im Netz konsumiert, konzentriert sich auf die Aktionen anderer. Auf Aktionen, die Massstäbe setzen. Masstäbe bezüglich Praktiken, Extrovertiertheit, körperliche Ausstattung und Standhaftigkeit. Im Einzelnen heisst das:

  • Die Praktiken sind frei von Zärtlichkeit. Frei von Worten, Blicken, Küssen, Streicheln.
  • Als Resultat der Extrovertiertheit sieht man intime Körperzonen in einer Übergrösse, die man bei tatsächlichen Aktionen so nicht sieht.
  • Die körperliche Ausstattung des männlichen Genitales und der Brustumfang der Frauen sind sehr prominent.
  • Die Standhaftigkeit der Männer ist sehr ausgeprägt.

Insgesamt wird nicht die reguläre körperliche Liebe gezeigt. Erwachsene wissen das und können dies relativieren, Jugendliche nicht. Besonders problematisch ist die Unart der Pornografie, dass spezielle Praktiken zum MUSS-Programm der Show gehören wie Analverkehr, Aktionen mit mehreren Männern, zum Beispiel doppelte Penetration. Pardon, lesen Sie bitte weiter, das haben die meisten Jugendlichen mehrfach gesehen. Jedes Paar mag seinen Weg für aufregenden, gefühlvollen, befriedigenden Sex finden, es mag auch entscheiden, ob das Ejakulat des Mannes wirklich in den Mund einer Frau gehört. In der Pornografie ist das in der Regel die einzige Option, den Orgasmus des Mannes zu zeigen.

Sensation fehlt

Wer Pornografie konsumiert, dem kann es passieren, dass Körper und Aktionen in der realen Welt an Attraktivität verlieren oder zumindest heftig verunsichert werden. Es sei denn, man hat viel Selbstvertrauen – dies ist aber nicht die Regel in der Pubertät. Im schlimmsten Falle erteilt man realen Körpern und realen Aktivitäten der Erotik die Note „ungenügend“. Die Sensation fehlt. Und der Leistungsumfang. Unvermögen und Rückzug sind die Resultate. Wenn die eigene Erfahrung fehlt, ist es fast unmöglich, die Porno-Bilder zu relativieren.

Was lässt sich raten? In der Box finden Sie Hinweise für Jugendliche und Hinweise für Eltern. Als Zusammenfassung kann man sagen:

  • Wir ignorieren die Porno-Welt nicht und sehnen nicht eine Heidi-Welt herbei.
  • Wir verurteilen unsere Jugendlichen nicht.
  • Wir sind vorsichtig mit Kontrolle, Vertrauen ist besser.
  • Wir bleiben im Gespräch.

Wir befinden uns in einem Gross-Experiment der Evolution. Das Experiment heisst: Auswirkungen eines unlimitierten, unzensierten, omnipräsenten Informationszugangs zu den intimsten Lebensbereichen. Behalten Sie die Nerven. Schlüpfen Sie mit Ihrer Person in die Rolle des Vorbildes, indem Sie verzichten, indem Sie denken, kommunizieren und sich tatsächlich in der realen Welt aufhalten. Wie sagt Simon Chen, Satiriker aus Zürich: „Wer im World Wide Web nirgends erscheint, existiert nur in Wirklichkeit.“

 

Tipps Für Jugendliche

  1. Der Sex in Pornos ist eine künstliche Leistungsschau ohne Zärtlichkeit.
  2. Sprich mit Deinem Partner oder Deiner Partnerin, was ihr mögt, ehe ihr etwas tut.
  3. Sensation ist wesentlich bei Pornos, deshalb weicht das, was gezeigt wird, immer mehr vom Normalen ab.
  4. Das Normale ist aufregend genug.
  5. Keine Sex-Posts in Netzwerken.
  6. Komplimente machen, Händchenhalten, zusammen ins Kino gehen, miteinander reden und küssen sind schöne Klassiker, die zeigen, dass man sich mag.
  7. Der siebte Tipp ist nur für Jungs. Es gibt sehr gute Filme ab 18, die zeigen, wie Menschen auf erotische Weise zärtlich miteinander sind. Schaut mal hier rein: Ava’s How to Please a Woman.

Tipps Für Eltern

  1. Trauen Sie Ihrem Kind zu, dass es sinnvolle und relevante Informationen aus dem Netz zu Sex ziehen kann. Aufklärung durch die Eltern ist heute eher als Ausnahme gefragt. Recherchieren Sie selbst zum Thema: Was gibt es Gutes im Netz?
  2. Zeigen Sie, was Liebe und Partnerschaft in der realen Welt bedeuten: Fernseher aus und Musik hören, Laptop zuklappen und in den Ausgang gehen, klingelndes Handy verbannen und interessiert das Gespräch weiterverfolgen, umarmen und küssen zur Begrüssung, hilfsbereit sein und zuhören.
  3. Bleiben Sie im Gespräch mit Ihrem Jungen / Ihrem Mädchen und zeigen Sie positive Gefühle, loben Sie, leben Sie echtes Interesse.
  4. Trotz aller Toleranz geben Sie die Position des Hausherrn nicht auf. Drogensucht tolerieren Sie in Ihrem Haus nicht, Mediensucht ebenso wenig. Beim Essen kein Handy. Im Notfall ist Konfiszieren ein legitimes Mittel.
  5. Bekunden Sie mit und ohne Worte, dass Sie jederzeit da sind als Helfer, als Ratgeber, als Begleiter.
  6. In der Pubertät gibt es elterliche Zuständigkeiten: Ein Vater ist für die Töchter da, etwas mehr noch für die Söhne; eine Mutter ist für Ihre Söhne da, mehr noch für ihre Töchter.
  7. Suchen Sie im Zweifel professionellen Rat, wenn es Ihnen nicht gut geht oder Ihrem Sohn / Ihrer Tochter. Warnsignale sind Ess- und Schlafstörungen sowie Schwermut.

 

Beziehung_Buch SteinerDer Buchtipp

Gratwanderung – Notizen einer Ehe

Erzählt wird die Geschichte von zwei Paaren. Er versucht sich als Schreiber und hofft, sein Buch «Anleitung für den intuitiv-klugen Mann» fertigzustellen. Sie hat auf ihre Uni-Karriere verzichtet und sehnt sich sowohl nach Meerestiefe wie auch nach der Hitze der Wüste. Claude und Sandrine sind auch ein Paar. Zunächst nur für spezielle und gelegentliche Treffs, bei denen die Spielregeln der Frau gelten. Sandrine bearbeitet den «Attraktivitätsabsturz der Frau ab 50» auf ihre Weise. Er, der grosse Souverän, hat ein klares Programm, das Schreiben gehört dazu. Am Ende muss er Federn lassen. Die Reise unserer Sie spielt weiter eine Rolle und hat mit einem kleinen Showdown zu tun, in dem alle vier Hauptfiguren eingebunden sind. Claude trifft seine grandiose Amazone, die seiner Lust dient, aber ihn auf ihre Weise benutzt. Nur: Claude ist etwas zu intelligent, etwas zu devot und gleichzeitig etwas zu männlich. Da muss die Amazone in sich gehen und sich fragen, ob sie die seelische Distanz nicht aufgeben und ihrem Herz folgen muss. Es ist eine Love-Story – ein ordentliches Happy-End ist versprochen.

Direktbestellung beim Verlag: Verlag Ralf Liebe, Kölner Straße 58, D-53919 Weilerswist www.verlag-ralf-liebe.de, info@verlag-ralf-liebe.de, 220 Seiten, Klappenbroschur, ISBN 978-3-944566-49-8, Fr. 22.–

 

www.reginajaeger.ch

Zum Autor

Jürgen Steiner, geboren 1957 in Köln, lebt mit seiner Familie am Bodensee. Studium in Köln (Promotion in Patholinguistik) und Dortmund (Habilitation in Rehabilitationswissenschaften). Arbeit als Sprach­therapeut im Raum Köln und im Schwarzwald. Seit 2005 Professor im Studiengang Logo­pädie in Zürich.