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Ich denke von morgens bis abends ans Essen

Lifestyle Choice

Ich bin sicher, dass mir niemand da raushelfen kann, schreibt eine verzweifelte Leserin. Trotzdem offenbart sie uns ihre tiefsten Geheimnisse.

Seit ich 12 Jahre alt bin finde ich mich zu dick, und seit diesem Alter dreht sich eigentlich alles immer nur um das Thema Essen und Abnehmen. Als Jugendliche war ich vielleicht etwas pummelig. Heute würde niemand sagen, dass ich dick bin, sondern normal. Ich sehe das nicht so.

Es geht gar nicht mal so sehr darum, ob ich nun dem BMI entspreche oder nicht, sondern dass meine Gedanken pausenlos immer nur beim Essen sind. Ich habe wohl einen guten Stoffwechsel, denn wer liebend gerne Vollrahm trinkt, zum Frühstück Kuchen und Schokolade oder Pizza isst und auch spät abends noch und andauernd nascht und nicht übergewichtig ist, hat wohl eine gute Verwertung. Ich habe das Gefühl, ich stehe total alleine da. Ich kenne in meinem ganzen Umfeld niemanden, der so viel vom Essen spricht und daran denkt wie ich. Ich habe pausenlos Appetit. Mir ist nie schlecht oder übel, und die Sättigungsgrenze ist kaum je erreicht. Wenn ich jemandem mein Leid klage und sage, dass ich aus dieser Spirale nicht raus komme, sagen alle: Ja was hast du denn? Du bist ja nicht dick!

Seit dem Teenager-Alter habe ich praktisch alles gemacht: Weight Watchers, Ananas Diät, Entschlacken und gar nichts mehr essen, in einem ominösen Studio viel Geld für Spezial-Diätessen ausgegeben, Kalorien gezählt und abgewogen – immer etwas Neues.

Glauben Sie mir: Ich habe alles über die Aeschbacher Diät gelesen, ich habe den Schrittzähler. Ich habe auch schon eine Phase gehabt und 10‘000 Schritte gemacht pro Tag. Das Springseil habe ich sofort bestellt und ein Trampolin habe ich auch. Ich habe immer diese extremen Sportphasen. Dann mache ich Sport wie eine Verrückte, esse so viel wie immer, nehme sogar ab. Und wenn ich abgenommen habe, dann lasse ich alles sein, esse weiter und dann kommt der nächste Dämpfer. Ich mache nur Sport, wenn ich abnehmen muss.

Der Schrittzähler war so sehr mein Begleiter, dass es keinen Tag gab, an dem ich nach Hause bin ohne die 10‘000 Schritte. Aber diese Phase ist vorbei, und ich komme nicht mehr dahin zurück. Es gibt nur schwarz oder weiss. Sport wie wild oder gar nicht, essen wie wild oder dann so fest verzichten, dass es quasi in die Magersucht geht, alles oder nichts. Den Mittelweg gab und gibt es nicht.

Als mein Vater vor ein paar Jahren völlig unerwartet verstarb, hinterliess er mir seine Firma mit mehr als einem Dutzend Angestellten. Ich habe sie übernommen und trage mit 29 Jahren die Verantwortung für eine unheimliche Last. Essen ist mein einziges Vergnügen, mein Ein und Alles. Hätte ich das nicht mehr, würde ich unheimlich betrübt sein. So denke ich. Ich habe auch gar keine Zeit für Sport, so viel arbeite ich.

Die Gedanken ans Essen sind da. Am Morgen, wenn ich aufwache. Um 8 Uhr denke ich, um 9 Uhr ist Pause und freue mich auf ein Stück Kuchen. Um 11 Uhr denke ich: Warum ist nicht schon 12 Uhr? Und um 15 Uhr wäre Schokolade ganz toll. Dann um 17 Uhr am liebsten was für den kleinen Hunger. Aber das Abendessen juhui kommt ja noch.  Dann um 20 Uhr und dazwischen alle 30 Minuten: Ach wie schön wäre es, jetzt etwas essen zu können.

Ich bin sehr traurig, dass es nichts anderes gibt, was mich so freut wie das Essen. Und jetzt, wo ich das alles aufschreibe, bin ich sicher, dass mir niemand da raus helfen kann – das wird immer so sein!

PS: Eine Stunde, nachdem ich dieses Mail abgeschickt habe, rief mich Dr. Stutz an, gab mir eine Aufgabe, sprach mir Mut zu und sagte mir, er werde sich bald wieder melden. Ich werde Ihnen berichten, wie es bei mir weitergeht.