Startseite » Themen » Ich gehe durch die Hölle

Ich gehe durch die Hölle

Sad lonely male

Schlafmittelkonsum, ein schwerer Motorradunfall, fürchterliche Entzugssymptome. Der verzweifelte Hilferuf eines Lesers und die Antwort einer versierten Fachärztin.

Ich bin nach jahrelangem Konsum von Schlaf- und Beruhigungsmitteln durch einen schweren Motorradunfall mit der Problematik der Benzodiazepine und deren Folgen konfrontiert worden. Dazu kam ein Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik, wo ein Benzo-Entzug beschlossen wurde. Ich gehe jetzt nach sieben Monaten immer noch durch die Hölle und niemand glaubt mir.

Mir wurden Benzos von verschiedenen Ärzten verschrieben; keiner hat nur die Andeutung von der Problematik der Abhängigkeit gemacht. Die vom Strassenverkehrsamt sehen das anders. Sie werfen mir vor, eine schwere Straftat begangen zu haben, obwohl ich noch nie vorher einen Unfall verursachte, sowohl als Lenker eines PW als auch eines schweren Motorrades.

Ich leide seit anfangs der Neunzigerjahre an immer wiederkehrenden Depressionen, habe Suizidversuche und Klinikaufenthalte hinter mir, kann nicht mehr schlafen, da ich auch unter dem Restless Legs Syndrom leide. Dann folgte ein jahrelanger Spiessrutenlauf, gedemütigt von Ärzten, die meine Fibromyalgie nicht erkannt hatten – oder noch schlimmer – meine Schmerzen als alleinige Ursache meinem psychischen Zustand zuordneten. Jetzt weiss ich nicht mehr, wie es weitergehen soll, da mir meine behandelnden Ärzte kein Alternativpräparat anbieten können, das den Entzug erträglicher machen könnte.

Das sagt Prof. Dr. med. Katja Cattapan, stellvertretende Ärztliche Direktorin des Sanatorium Kilchberg:

Ihr Leidensdruck ist sehr hoch, und ihre Probleme sind komplex, aber behandelbar. Therapie bedeutet dabei wahrscheinlich nicht, dass sie in kurzer Zeit symptomfrei werden, aber, dass sie von Woche zu Woche weniger leiden und mehr Lebensqualität zurückbekommen, wieder Hoffnung und Lebensmut haben. Wichtig ist, dass die Behandlung ganzheitlich ausgerichtet ist, sich nicht nur einem Leiden widmet, sondern alle Aspekte umfasst, im Sinne einer psycho-somatischen Herangehensweise. Die Therapie wird einige Zeit brauchen; die Behandlung umfasst eine medikamentöse Therapie, sollte aber auch psychotherapeutische, sowie auch Aspekte der Lebensführung, zum Beispiel körperliche Aktivität und Massnahmen zur Schlafhygiene beinhalten. Ich möchte Ihnen Mut machen, neue therapeutische Schritte zu gehen!

Sie haben einige Diagnosen genannt: rezidivierende Depressionen mit Suizidalität; Fibromyalgie; Restless Legs Syndrom, das heisst unruhige Beine beim Einschlafen; Fibromyalgie, also chronische, diffuse Muskelschmerzen; frühere Benzodiazepinabhängigkeit. Sie sind gut informiert über Ihre Krankheit und wurden auch diagnostisch abgeklärt. Nun ist Ihre Frage, wie Sie aus dem Leiden herauskommen. Fibryomyalgie, Schlafstörungen und Depression sind eng miteinander verknüpft, überschneiden sich in vielen Symptomen. Die Diagnosen beeinflussen sich gegenseitig – es ist ein Teufelskreis. Schmerzen und Erschöpfung durch die Fibromyalgie führen dazu, dass sie weniger aktiv sein können, wahrscheinlich auch weniger Kontakt mit anderen Menschen haben, seltener Positives erleben, was sich negativ auf die Stimmung auswirkt, also die Depression verschlechtert. In der Depression ist die Schmerzempfindlichkeit noch einmal stärker, auch der Schlaf ist meistens gestört. Und so weiter.

Es ist gut, wenn Sie keine Benzodiazepine mehr nehmen. Sie wirken sich langfristig sehr schlecht auf den Krankheitsverlauf aus. Auch haben sie einen negativen Einfluss auf die Schlafphasen. Benzodiazepine können in der Psychiatrie nützlich sein für akute Krisen, sind aus der Notfallpsychiatrie nicht wegzudenken; sie sollten aber nach kurzer Zeit wieder abgesetzt werden. Langfristige Benzodiazepineinnahme bei psychischen Leiden ist nicht sinnvoll. Was ein Benzodiazepinentzug bedeutet, haben Sie mitgemacht; viele Menschen berichten, „durch die Hölle zu gehen“. Auch kann es im abrupten Entzug zu körperlichen Problemen kommen, zum Beispiel zu epileptischen Anfällen. Benzodiazepinentzüge sollten unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden, mit schrittweiser Reduktion, häufig ist ein stationärer Aufenthalt notwendig.

Neue Studien haben zeigen können, was man schon lange vermutete: Langfristiger Konsum von Benzodiazepinen erhöht das Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Es ist verboten, unter Benzodiazepinen ein Fahrzeug zu lenken. Auch wenn jemand zur Nacht ein Benzodiazepin eingenommen hat, darf er am nächsten Tag nicht Auto fahren oder Maschinen bedienen. Die Substanz lässt sich noch einige Zeit im Blut nachweisen. Ich bin selbst immer überrascht, wie viele Patienten Benzodiazepine einnehmen und nicht über die Fahrunfähigkeit aufgeklärt wurden. Das wäre die Aufgabe des Arztes, der die Substanz verschreibt. Wenn Sie mehrere Jahre keine Benzodiazepine mehr genommen haben, ist der akute Entzug vorbei. Mit den Benzodiazepinen haben Sie Symptome überdeckt, die jetzt sichtbar werden; bei diesen Symptomen kann ihr „Suchtgedächtnis“ immer wieder aktiviert werden, also der Wunsch, durch eine sofort wirksame Substanz Linderung zu erhalten. Das ist das, was Sie wahrscheinlich spüren und als „Entzug“ beschreiben. Der Abbau der Benzodiazepine ist nur ein Teil; zur Entwöhnung ist es wichtig, die Grundkrankheit zu behandeln und neue Strategien zu erlernen, mit Stress, Anspannung, Ängsten und negativen Gefühlen umzugehen.

Sie fragen sich, was kann mir helfen? Bei jahrelangen Depressionen ist eine antidepressive Therapie sicher indiziert. Dabei ist es wichtig, dass sie Substanzen bekommen, welche keine negative Auswirkungen auf ihr Restless Legs Syndrom haben. Auch gibt es Antidepressiva, welche besonders hilfreich sind bei chronischen Schmerzen. Dann kennen wir eine Substanz, die sowohl bei Restless Legs hilft, zudem schmerzdistanzierend und emotional stabilisierend ist, vor allem bei Ängsten, häufig auch schlafanstossend wirkt. Ein Psychiater oder Neurologe kann Ihnen mehr Informationen dazu geben.

Mindestens genauso wichtig wie die Medikation ist eine Psychotherapie. Dort schauen Sie an, wie sie mit Stressoren umgehen und lernen Ihre Muster des Fühlens, Denkens und Handelns kennen und wie Sie diese modifizieren können. Das braucht Zeit, kann schmerzvoll sein, hat aber eine häufig eine nachhaltige Wirkung. Wichtig ist, dass Sie Ihrem Therapeuten vertrauen und dass er Ihnen Hoffnung vermittelt. Es gibt verschiedenste therapeutische Richtungen, aber auch viel Gemeinsames zwischen den Psychotherapieschulen. Vielleicht gibt es in Ihrer Nähe sogar ein psychiatrisches Zentrum, ein Psychiater oder Psychologen, welcher CBASP (Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy) anbietet; diese psychotherapeutische Methode ist spezifisch entwickelt für die Behandlung von chronischen Depressionen.

Bei all den Problemen, die Sie benennen, sollten wir nicht vergessen, dass körperliche Aktivität sehr heilsam ist. Durch die Fibromyalgie sind Sie sicher darin eingeschränkt. Es geht nicht darum, Höchstleistungen zu vollbringen, sondern die körperliche Aktivität Schritt für Schritt zu steigern. Ein Physio- oder Sporttherapeut könnte Ihnen da gut Unterstützung bieten. Auch eine bewusste Rhythmisierung des Lebens und Methoden zur Schlafhygiene können den Heilungsverlauf unterstützen.