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Ich sage jeden Tag danke

Eine Kerze, ein Engel und eine neue Therapie. Erika ­Haller ist von ihrem aggres­siven Krebs vollständig ­geheilt.

Erst war es nur ein kleiner Pickel am rechten Oberarm. Wie ein Insektenstich, aber kaum gerötet. Es juckte nicht und schmerzte nicht. Zur Sicherheit schnitt der Hausarzt ein Stück heraus und schickte es ins Labor. Doch der Befund war negativ. Alles also in bester Ordnung? Erika Haller, 62, aus Niederhasli ZH: «Überhaupt nicht, denn die kleine Schnittwunde, die der Arzt wegen der Gewebeprobe machen musste, wollte und wollte nicht zuwachsen. Sie wurde im Gegenteil immer grösser und bekam einen roten Hof. Mit einer Salbe sollte ich die schlechte Narbenbildung verbessern, hatte der Hausarzt gemeint. Immer mehr vertröstete er mich und immer weniger nahm er mich ernst. Dass die Laboranalyse falsch war, wussten wir damals noch nicht. Doch ich spürte: Da war etwas, da musste etwas sein. Warum sonst wollte der Arm an dieser Stelle nicht heilen?»

Schon bald wurde es schlimmer, tat jetzt richtig weh. Erika Haller wechselte den Arzt, suchte einen Dermatologen auf und auf einmal war Eile angesagt. «Ich solle sofort in seine Praxis kommen, drängte er, nachdem ich ihm die Lage am Telefon geschildert hatte. Er beäugte die Wunde, runzelte die Stirn, nahm auch eine Gewebeprobe, schickte sie ein. Mein Mann hatte gerade frei, als der Arzt früh am Morgen bei uns anrief und ihn mit den Worten begrüsste: ‹Ich habe die Laborresultate. Es pressiert. Ihre Frau hat einen sehr aggressiven Hautkrebs›.»

Schon wenige Tage nach dem Befund wurde der Tumor im Universitätsspital Zürich entfernt. Vier Wochen später der zweite Eingriff, damit man auf der sicheren Seite ist. Die Blutwerte waren gut und die Sache schien erledigt. Doch sie war es immer noch nicht. Bei einer Kontrolle entdeckten die Ärzte Metastasen auf Leber und Lunge. «Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich war völlig überrumpelt, meine Gedanken fuhren Achterbahn. Ich musste mich erst einmal fangen, bevor ich die Zustimmung zur Chemotherapie gab. Es eilte wieder und ich begriff, dass in mir drin seit einiger Zeit etwas wucherte, etwas, das mein Leben bedroht. Schon meine Mutter war an Krebs gestorben, und nun bekam ich es richtig mit der Angst zu tun. Während der Chemotherapie war mir dauernd übel, meine Haare fielen aus, ich hatte keinerlei Antrieb mehr. Ein Häufchen Elend. Zum ersten Mal dachte ich intensiv an meinen eigenen Tod. Vor jedem Einschlafen die bohrende Frage, ob ich den nächsten Morgen überhaupt erleben werde.»

Und als ob das nicht schon Last genug gewesen wäre, folgte die grosse Ernüchterung nach der zweiten Chemo. Die Metastasen auf Leber und Lunge waren weiter gewachsen, das ganze Prozedere wirkungslos geblieben. Erika Haller war am Boden zerstört. Doch Prof. Reinhard Dummer von der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich wollte sich nicht geschlagen geben. Eine Chance gebe es noch: eine wissenschaftliche Studie. Dort gehe es um einen völlig neuen Ansatz, nämlich um die Krebsbekämpfung mittels Immuntherapie. Wieder Tests, Blutentnahmen, Röhre, MRI. «Die Vorabklärungen zeigten: Ich schien für diese Art Therapie geeignet. Doch in der Zwischenzeit hatte der Krebs in mir weiter gewütet, mich Woche für Woche noch mehr ausgelaugt. Mein Körper würde bei lebendigem Leib zerfallen. So fühlte es sich jetzt schon an. Jeder noch so kleine Strohhalm schien geeignet, sich daran festzuhalten. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, also willigte ich in die Studie ein. Meine Tochter brachte mir eine Kerze und einen Engel aus dem Kloster Einsiedeln. Kraft und Glück sollten sie mir spenden während der Therapie, Hoffnung verbreiten.» Fünf Behandlungen im Abstand von jeweils drei Wochen standen bevor. Technisch wie eine Chemotherapie, faktisch aber ganz anders. «Und was jetzt geschah, überstieg meine Vorstellung von Glück, fühlte sich wie ein Wunder an. Es ist kaum zu glauben, aber die Übelkeit verschwand, meine Haare wuchsen wieder, Nebenwirkungen verspürte ich keine. Es ging tatsächlich bergauf. Und auch die erste Kontrolle per MRI und CT zeigte: Die Metastasen waren kleiner geworden, hatten sich zurückgebildet. Bereits nach dem dritten Zyklus waren sie komplett verschwunden. Einfach weg. Aufgelöst. Zu sehen nur noch kleinste Vernarbungen, doch keinerlei Krebszellen. Ich sass mit meinem Mann im Büro von Prof. Dummer, als er mir die Botschaft verkündete. Unter Freudentränen fiel ich dem Professor um den Hals. In den letzten Wochen und Monaten war mir bewusst geworden, wie endlich das Leben ist, und dass bei mir wohl keine Hoffnung mehr besteht. Und nun hatte ich dank dieser neuen Therapie noch einmal eine Chance bekommen. Grosses Aufatmen, denn auch bei der letzten Kontrolle im Sommer dieses Jahres war alles in Ordnung.»

Seitdem ist Erika Haller ein anderer Mensch. «Ich lebe viel bewusster und erfreue mich an Dingen, die ich früher als selbstverständlich ansah. Jeden Tag betrachte ich als Geschenk und immer, wenn ich an einer Kirche vorbeikomme, zünde ich aus Dankbarkeit eine Kerze an.»