Startseite » Themen » Jede Hirnblutung ist eine Katastrophe

Jede Hirnblutung ist eine Katastrophe

Immer mehr Menschen brauchen eine Blutverdünnung. Das birgt auch Gefahren. Eine Nutzen-Risiko-Analyse.

Tamas Media Dr Müller

Jeder hundertste Schweizer muss sein Blut verdünnen. Einer der wichtigsten Gründe ist Vorhofflimmern, das mit fortschreitendem Alter immer häufiger wird. Von den 80-Jährigen sind bereits zehn Prozent betroffen. «Mit der Blutverdünnung will man beim Vorhofflimmern verhindern, dass es zur Bildung von Blutgerinnseln und zum Hirnschlag kommt», sagt Dr. Andreas Müller, Leiter Elektrophysiologie der Klinik für Kardiologie am Zürcher Stadtspital Triemli.

Hohes Schlaganfallrisiko ohne Blutverdünnung

Ohne Blutverdünnung liegt bei Patienten mit Vorhofflimmern das Schlaganfallrisiko bei bedrohlichen acht Prozent. Das heisst: Jedes Jahr erleiden acht von 100 Menschen mit Vorhofflimmern einen Schlaganfall. Und das ist verheerend. Vorhofflimmern ist für gut ein Drittel aller Schlaganfälle verantwortlich. Ein Hirnschlag ist immer ein dramatisches Ereignis, das zum Tod oder zu einer schweren Behinderung mit Verlust der Selbständigkeit oder Sprache führen kann.

Besonders gefürchtet sind Hirnblutungen

Jede Blutverdünnung geht aber auch mit Risiken einher. «Besonders gefürchtet sind Hirnblutungen. Sie sind die schwersten Komplikationen und enden nicht selten tödlich», sagt Prof. Andreas Luft, Leiter des Schlaganfallzentrums am UniversitätsSpital Zürich. «Zum Glück kommt dieses katastro­phale Ereignis insgesamt selten vor. Aber man muss es immer im Auge behalten und dabei auch das Alter eines Patienten berücksichtigen. Je jünger ein Patient, desto sorgfältiger die Nutzen-Risiko-Abwägung, da der Patient potenziell länger mit dem Risiko einer Blutung leben muss.»

Entscheidende Vorteile der neuen Wirkstoffe

Wichtig zu wissen: Die neuen oralen Blutverdünner, von denen es vier gibt, gehen mit einem geringeren Blutungsrisiko einher als die alten, die Gegenspieler des Vitamin K. «Das ist der entscheidende Vorteil der neuen Wirkstoffe, die direkter und zuverlässiger in die Blutgerinnung eingreifen als die bisherigen Medikamente. Zudem ist das Blutungsrisiko insgesamt deutlich kleiner als das Risiko eines Schlaganfalls. Der Patient hat damit einen hohen Netto-Nutzen, der eindeutig höher ist als unter den alten Blutverdünnern», erklärt Prof. Luft. Komme es dennoch zu einer Blutung, habe man bei einem der neuen oralen Blutverdünner ein spezifisches und sehr wirksames Gegenmittel. Prof. Luft: «Die Patienten müssen darauf hingewiesen werden, bei Kopfschmerzen oder irgendwelchen neurologischen Symptomen unverzüglich ein Zentrumsspital aufzusuchen, um beim Nachweis einer Blutung die Gerinnungshemmung schnellstmöglich zu stoppen.» Ist die Blutung unter Kontrolle, muss die Blutverdünnung jedoch unverzüglich wieder aufgenommen werden, um den Betroffenen vor einem möglichen Schlaganfall zu schützen. Studien zeigen, dass durch die Wiederaufnahme der Blutverdünnung das Risiko einer neuen Hirnblutung nicht erhöht wird.

Nutzen höher als Risiko

Auch Dr. Müller hält den Nutzen einer Blutverdünnung für ungleich viel höher als deren Risiko. «Eine Blutverdünnung lohnt sich, weil die Gefahr einer Hirnblutung um eine ganze Zehnerpotenz kleiner ist als das Risiko für einen Hirnschlag. Allerdings braucht es in jedem Einzelfall die richtige Indikation, die richtige Wahl des Medikaments, die richtige Dosierung und die korrekte Anwendung, um den Nutzen zu optimieren und die Risiken der Blutverdünnung zu minimieren.»

Beide Experten plädieren mit Nachdruck dafür, angesichts der Diskussion um mögliche Blutungsrisiken Patienten mit Vorhofflimmern ja nicht tatenlos ihrem Schicksal zu überlassen. Und das hat einen Namen: Schlaganfall. «Es gibt noch immer eine gros­se Dunkelziffer. Viele Betroffene laufen mit Vorhofflimmern herum, ohne dass sie das wissen oder ohne Gerinnungsschutz», sagt Dr. Müller. «Deshalb sollte jeder über 65-Jährige seinen Puls selber messen und sich bei Unregelmässigkeiten bei seinem Hausarzt melden. Noch zuverlässiger lässt sich Vorhofflimmern beim Blutdruckmessen entdecken. Dazu braucht man nur ein Gerät mit einer entsprechenden Warnfunktion.

Vorhofflimmern

Beim Vorhofflimmern schlagen die Herzvorhöfe zu schnell, unregelmässig und unkoordiniert. Ursache ist eine Art elektrisches Gewitter in den Vorkammern des Herzens. Als Folge kann es zu Herzschwäche kommen. Das Hauptrisiko besteht jedoch darin, dass sich im Vorhof Blutgerinnsel bilden, die sich ablösen und via Hauptschlagader ins Gehirn gelangen und dort einen Schlaganfall auslösen. Das ist der Grund, weshalb Patienten mit Vorhofflimmern eine konsequente Blutverdünnung brauchen.

In der Schweiz rechnet man mit 100 000 Menschen mit Vorhofflimmern. Ihre Sterberate ist doppelt so hoch wie bei Gesunden. Die gute Nachricht: Reduzieren die Betroffenen – sofern nötig – ihr Übergewicht nur schon um zehn Prozent oder fangen sie an, sich mehr zu bewegen, haben sie eine grosse Chance, ihren Herzrhythmus zu normalisieren.

Ein leicht zu erkennender Hinweis auf Vorhofflimmern ist ein unregelmässiger Puls. Begleitsymptome sind Herzklopfen, Schmerzen in der Brust, Unwohlsein, Kurzatmigkeit, Schwindelgefühl und sogar Bewusstlosigkeit. Vorhofflimmern kann aber auch weitgehend unbemerkt verlaufen, so dass es ohne Vorwarnung zu einem Schlaganfall kommt.