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Kommunikation mit den Kleinen

Unconditional love

Besser kommunizieren Teil 5. Prof. Jürgen Steiner von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich nennt Grundregeln für das sprachliche Miteinander zwischen Eltern und kleinen Kindern.

 

 

 

  • Das Wunderwerk: Für nur einen Laut sind gut hundert Muskeln zuständig. Und für ein einziges Wort müssen alle achtzig Millisekunden viele Laute in die richtige Reihenfolge gebracht werden. Und ein Wort ist noch kein Satz. Die Satzplanung muss einem Automatikgang folgen: Wenn wir „erstens“ sagen, müssen wir „zweitens“ schon gedacht haben. Fehler und Missverständnisse müssten eigentlich die Regel sein.
  • Der Anfang: Die Welt ist zunächst einmal sinnlicher Natur. Wenn Ihr Kind noch sehr klein ist, machen Sie Sinnesangebote und laden es damit in die Welt ein. Angenehme Geräusche, Dinge zum Fühlen, zum Tasten und zum In-den-Mund-nehmen, sich gemeinsam bewegen – das bereitet Freude.
  • Die Kleinen als Hörer: Singen Sie, nehmen Sie sich Zeit, spielen Sie gemeinsam, machen Sie „Exkursionen“, „werkeln“ Sie zusammen, kommentieren Sie Ihre Tätigkeiten im Beisein des Kindes mit einfacher Sprache.
  • Die Kleinen als Sprecher: Wenn ihr kleines Kind ab etwa zwei Jahre seinen Wortschatz täglich um viele Worte erweitert, darf es auch seiner eigenen Logik folgen: Wenn es die „Nagelschere“ als „Fingerschnipper“ bezeichnet, ist das ja eigentlich richtig. Freuen Sie sich über die Kreationen, verbessern Sie nicht, bieten Sie eventuell lediglich das richtige Wort an, indem Sie es in Ihrem nächsten Satz benutzen.
  • Inhalt vor Form: Wenn Ihr Kind etwas Wichtiges, Emotionales oder etwas Schwieriges mitzuteilen hat, gilt die Regel: Es zählt der Inhalt, nicht die Form. Verbesserungen und Aufforderungen zum Nachsprechen sagen dem Kind hauptsächlich eines: „Die Mama ist ja wie die Wortpolizei, sie ist nicht zufrieden mit mir.“
  • Sorgen der Eltern: Wenn Sie sich Sorgen um die Sprachentwicklung machen, warum auch immer, fragen Sie Ihren Kinderarzt. Manche Kinder entwickeln sich spät, mit drei Jahren kennen aber die meisten Kinder alle Sprachlaute und kombinieren schon lange zwei oder mehr Worte zu kleinen Sätzen. Ihr Kinderarzt kann die Logopädin als Fachperson um Rat fragen.
  • Frühe Signale einer gehemmten Sprachentwicklung: Wenn ein Kind gar keinen Blickkontakt aufnimmt, nicht auf Geräusche reagiert, bis zum zweiten Lebensjahr nur mit Gestik und Mimik kommuniziert, auf Aufforderungen nicht reagiert, sollten Sie Ihren Arzt fragen.
  • Schatten: Probleme in der Gesamtentwicklung, Behinderungen aber auch Verhaltensstörungen können die Sprachentwicklung beeinträchtigen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt.
  • Bilderbücher: Schon früh kann man mit Kindern Bilderbücher anschauen. „Anschauen“ heisst Teamwork: Lassen Sie Ihrem Kind Zeit und fordern Sie es nicht zum Benennen auf. Wichtig sind Geschichte, Vielfalt, Eindrücke, Zusammenhänge und nicht die korrekten Worte.
  • Förderer: Zeit lassen, ungeteilte Aufmerksamkeit, beim Thema bleiben, Gefühle ansprechen, das eigene Sprechen reduzieren und abwarten, Fragen dosieren sind Türöffner für die Kommunikation.
  • „Is das, Papa?“: Wenn Kinder Fragen stellen, können wunderbare Gesprächsanlässe entstehen. Nutzen Sie diese Situationen.
  • Mehrsprachigkeit: Beim Sprechenlernen hat die Muttersprache Vorrang. Auf dem Fundament einer Sprache, die nicht nur mit Worten und Sätzen, sondern auch in den Nuancen von Tonfall und Melodie stimmig ist, kann das Kind weitere Sprachen dazu lernen.
  • TV-Quali: Kindergerechte Sendungen zeichnen sich aus durch einen sehr langsamen Schnitt und durch eine Reduktion von Sprache und Geräuschen. Einige Produktionen aus Amerika erfüllen diese Kriterien eindeutig nicht. Nehmen Sie sich Zeit, gemeinsam Sendungen anzuschauen und sprechen Sie anschliessend darüber. Lassen Sie ihr Kind nicht alleine mit dem Gerät; gut ist, wenn es selbst in Ihrem Beisein am Ende ausschaltet.
  • Zeit, Ort und Raum: Ein wirkliches Zwiegespräch braucht Zeit und Raum. Gut, wenn es auf Augenhöhe stattfindet. Wenn Sie gerade keine Zeit haben, vertrösten Sie und halten dann Wort mit einer Aufforderung zum Gespräch.
  • Refrain ist eine gute Formel: R = Raum geben („Ich brauche Raum und ich gebe dir Raum“), E = Erfahrung hinzufügen („Lass mal genau sehen … hören, riechen schmecken“), F = hilfreiche Fragen ( „wie, was nun, was wäre wenn, willst du …?“, R = in die Rolle schlüpfen („Das wäre dann wohl so: …“), A = Augenhöhe, I = hilfreich interpretieren („Du meinst …!?“), N = Nachahmen.
  • Lob und gute Gefühle: Wenn Sie eine Äusserung (oder auch eine Tat) freut oder andere positive Gefühle auslöst, dann loben Sie Ihr Kind. Kritik darf nicht zu viel Platz einnehmen.
  • Schulkinder: Lehrer sind einerseits freundliche Förderer der Bildung und andererseits behördliche Vollstrecker des Beurteilt-Werdens. Für die freundliche Seite sind wir als Eltern Mitarbeiter, für die behördliche Seite sind wir als Eltern die Anwälte unserer Kinder. Wir plädieren für Freispruch.

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Prof. Dr. habil. Jürgen Steiner HfH MitarbeiterInnen 2013

www.hfh.ch