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Der Himmel dreht das Rad zurück

Abschied in Raten – für die Familie und von der Familie.

«Wo ist schon wieder der Lichtschalter?», fragte mich mein Vater, als wir neben seinem Auto standen. Unauffällig hatte er mich zur Seite genommen. «Links vom Lenkrad», sagte ich beinahe etwas barsch und verständnislos, doch vor allem irritiert ob dieser Frage, die so hilflos klang. «Ist mir auch schon passiert», versuchte ich meine Verwunderung zu überspielen und ihn zu beruhigen. Er lächelte verlegen.

Drei Jahre später. Das Abendessen in der geriatrischen Abteilung der Klinik ist bereit. Pflegerinnen und Pfleger haben die Demenzkranken in den Speisesaal gesetzt. Der hagere Mann am Fenster blickt wiederholt in Richtung Zimmerdecke und redet auf imaginäre Menschen ein, die grauhaarige Frau in der zweiten Tischreihe spielt unentwegt mit ihren Stofftieren, zwei weissen Hunden. Ihr Tischnachbar besitzt einen Bauernhof und muss auch wieder zu seinen Tieren. Im hinteren Teil des Saales wirds lauter. Ein Patient flucht. Immer mal wieder. Man lässt ihn. Im Gang vor dem Esssaal dreht eine Frau ihre Runden. Sie will nach Hause und wartet nur auf ihren Sohn, der sie bald abholt. Meint sie.

Mittendrin mein Vater. Er ist erst ein paar Tage hier. Verwirrtheit löst geistig klare Phasen ab. Wer ihn nicht kennt, merkt davon nichts. Ich solle ihn doch mit nach Hause nehmen, bittet er mich. Er sieht mich mit grossen Augen an und ich komme mir so schäbig vor, denn diesen Wunsch kann ich ihm jetzt nicht erfüllen. Er muss medikamentös eingestellt werden, und das wird eine Zeit dauern. Zu Hause bei meiner Mutter war er vor ein paar Tagen aufgestanden, weil er nach Hause wollte. «Hier bin ich nicht zu Hause», hatte er noch gesagt. Hier, wo er die letzten 40 Jahre seines Lebens verbracht hat. Meine Mutter schwankte zwischen Wut und Verzweiflung. Wie geht man mit seinem eigenen Mann um, wenn ihn der Verstand verlässt?

«Ich werde dich so schnell als möglich hier rausholen», verspreche ich. Doch nun müsse er zwei Wochen hier bleiben, «fast wie Ferien», sage ich. «Du kannst mich doch mitnehmen», fleht er abermals. Ich bin aufgewühlt, hin- und hergerissen, habe Mitleid und koche vor Wut, denn trotz Krankheit: in dieses Umfeld passt er nun wirklich nicht. Was denkt er von mir? «Ihr wollt mich loswerden», sagt er aus schierer Verzweiflung . Das tut weh. Und lässt auch in mir eine Art Verzweiflung aufkommen. Ich bin wütend auf die Experten, die mir sagen können, was sie wollen. Doch das hier ist mein Vater, mein eigener Vater! Hier geht es um sein Leben und das bisschen Zukunft, das ihm noch bleibt. Wir können ihn doch nicht einfach hier lassen. Gegen seinen Willen und gegen all unser Mitgefühl. «Da sei am Anfang immer so», sagt man mir. Die Pflegerinnen sind nett, doch Statistiken trösten mich nicht.

  • 11

In den nächsten Wochen mache ich auf dem Heimweg vom Büro häufig den Umweg über die Klinik. Ich muss läuten, damit man mich in die geschlossene Abteilung lässt. Ein paar Schritte den Gang nach hinten und da sitzt er, stumm, gelangweilt und in sich versunken an einem Tisch. Als er meine Stimme hört, wird er wach, strahlt und beginnt zu reden. Er will hier weg, spürt, dass in diesen Räumen etwas falsch ist. Niemand hier kennt seine Geschichte, seine Eigenheiten, seine Ausdrucksweise. Hier ist er nur einer auf dem Fliessband, zu wenig Personal, zu viele Patienten. Ich bleibe zum Nachtessen. Selber ist mir der Appetit vergangen, aber ich spiele Normalität vor. Wie es ihm gehe, will ich wissen. Und dass er bald nach Hause kann, ermuntere ich ihn. Ich berichte von alltäglichen Dingen. Immer wieder greift er mit der Hand zum Boden, will etwas aufheben. Doch da ist nichts. Dann erzählt er mir von einer Begebenheit, die so nicht stattgefunden hat. Seine Gedanken sind ungeordnet. Erklärungsversuche verwirren ihn, Widerspruch wühlt ihn auf. Wir gehen ins Fernsehzimmer, wo es ruhiger ist. Er möchte nach Hause.

«Wo ist denn dein Zuhause?», frage ich. Die Antwort bleibt er mir schuldig, guckt mich aber mit treuen Augen an und möchte mitkommen. Und wieder muss ich ihn enttäuschen, muss ihn hier alleine zurück lassen. Ich winke zum Abschied durch die Glastür. Er sitzt da wie ein Häufchen Elend. Ich mache mir Vorwürfe. Nicht einmal der eigene Sohn hilft ihm. Es tut einfach nur weh. Tränen begleiten mich auf der Heimfahrt im Auto. Ich weiss: es ist der Beginn eines Abschieds.

Das war vor zwei Jahren. Zwei Mal wurde er noch verlegt. Sein Zustand verschlechterte sich. Er nahm stark ab. Oft sass ich im Pf legeheim und dann wieder in der Klinik an seinem Bett. Fütterte ihn, erzählte vom Alltag, schob ihn im Rollstuhl durch den Park. Wenn wir uns zum Besuch anmeldeten, sass er angezogen und gekämmt im Stuhl. Kamen wir überraschend, lag er häufig am Nachmittag noch im Bett. Ein Leben lang privat versichert und jetzt mit einem unentwegt stöhnenden Zimmergenossen im gleichen Raum. Allein gelassen, oft liegen gelassen. Schluss, aus, genug gesehen.

Meine Mutter mobilisierte alle Kräfte, überwand ihre Befürchtungen und holte meinen Vater nach Hause zurück. Zusammen mit der Spitex werde sie das schon schaffen. Seither wird er aufopfernd gepflegt, fühlt sich trotz Fortschreiten der Krankheit wieder wohl. Ist auch hier immobil an Bett und Rollstuhl gefesselt, bekommt aber das, was man ihm an Lebensqualität noch geben kann. Ein Fulltime-Job. Reden kann er kaum noch, doch seine Augen sprechen Bände. Ein Lächeln, ein Räuspern, das Gesicht verziehen. Meine Mutter weiss, was zu tun ist. Keine Diät. Er soll essen, was ihm Freude macht, denn das Essen bereitet ihm noch Freude. Die Medikamente beruhigen, machen die Pflege zu Hause erst möglich. Sie ist aufwändig. Physisch und psychisch. Stundenweise kann man ihn alleine lassen. Durchatmen. Und wenn wir ihn besuchen, ist er manchmal wach und manchmal nicht. Trauer und Glück zugleich. Dankbar für die Zeit, die man gemeinsam hatte, dankbar für den Moment. Denn der Himmel dreht das Rad zurück.

Drucken23.08.2010