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Ein Kreis, der sich schliesst

Muss jeder Alzheimer-Patient früher oder später in ein Heim?

Alzheimer verändert das Leben von einem Tag auf den anderen. Angst und Verzweiflung, die eigene Persönlichkeit zu verlieren und hilflos zu werden, tauchen auf.

Wie kann man mit dieser Diagnose fertigwerden? Sich hinsetzen, sich die Hand geben, sich vielleicht umarmen und zuerst einfach einmal still sein und innehalten und wieder demütig werden. Wir sind nicht von dieser Welt, wir sind nur Gäste. Das Leben wurde uns nur geschenkt. Keiner von uns hat es selber verdient. Gleichgültig, wie reich oder wie arm wir sind. Die Diagnose Alzheimer wird umso einschneidender und umso katastrophaler erlebt, je mehr wir dem Jugendwahn verfallen und unsere Endlichkeit verdrängen. In die heutige Zeit passt Alzheimer nicht. Dabei ist es möglich, auch mit Alzheimer würdevoll zu leben. Krankheit und Tod gehören zum Leben, so wie die Kindheit und Jugend.

Niemand stört sich daran, wenn ein Kleinkind gefüttert werden muss und einnässt. Und sein Gedächtnis ist am Anfang auch noch sehr rudimentär. Im Alter kehren wir alle dahin zurück, woher wir gekommen sind. Die einen etwas schneller, die anderen etwas langsamer. Das sollten wir uns zeitlebens vor Augen führen und wieder demütiger werden. Begleiten wir also Menschen mit Alzheimer so selbstverständlich und liebevoll, wie wir das mit Kindern auch tun sollten.

Ein erfülltes Leben trotz Alzheimer, ist das überhaupt möglich? Ja, das ist möglich. Das Leben ist immer ein Kreis, der sich schliesst. Auch ein Alzheimer- Patient hat gelebt und geliebt, sich gefreut und sich geärgert, wie jeder andere Mensch auch. Wer in jeder Lebensphase ein erfülltes Leben gehabt hat, kann auch erfüllt leben, wenn er Alzheimer hat. Wer seine Bedürfnisse hingegen auch in früheren Jahren nie ernst genommen hat, wird es mit Alzheimer viel schwerer haben.

Über viele Krankheiten spricht man offen. Alzheimer-Patienten werden dagegen häufig belächelt, als schusselig bezeichnet, wenn sie etwas vergessen oder falsch machen. Soll man trotzdem ausserhalb des engsten Familienkreises über die Krankheit sprechen? Offenheit ist entwaffnend und befreiend. So, wie jemand sagt, er habe eine Bandscheibenoperation gemacht, so selbstverständlich soll man auch über Alzheimer reden. Nicht, um Mitleid und Aufmerksamkeit zu erwecken. Das wäre falsch. Man sollte gegen aussen so beiläufig über Alzheimer reden, wie wenn man übers Wetter spricht. Wenn man das schafft, hat man schon sehr viel gewonnen.

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Was kann man tun, um die Lebensqualität von Alzheimer- und Demenzpatienten auch in fortgeschrittenen Stadien zu erhalten? Nicht auf die Defizite schauen, sondern nur noch auf das, was da ist. Und es ist ganz lange sehr viel da. Alzheimer-Patienten haben bis zuletzt sehr viele Gefühle, die sie auch irgendwie mitteilen können. Auf Musik zum Beispiel reagieren Menschen auch in fortgeschrittenen Stadien noch sehr stark, ebenso auf Berührung und Wärme und Licht, also auf all das, was jemand schon als Kind geliebt hat. Damit ist auch klar, dass keine Institution, funktioniere sie auch noch so vorbildlich, einem Alzheimer-Patienten die Vertrautheit und Wärme schenken kann, die er braucht. Die Wärme und die Vertrautheit kommen zurück, wenn man sich die Mühe nimmt, die Betroffenen trotz allen Schwierigkeiten in den eigenen vier Wänden zu behalten.

Sind Angehörige überhaupt in der Lage, eine Betreuung zu Hause zu gewährleisten? Es ist nicht immer einfach, in einer Welt ohne feste Bindungen, mit Singles und Kleinfamilien. Aber es funktioniert, wenn man es wirklich will. Die Unterstützungsangebote sind heute extrem vielfältig, vom Mahlzeitendienst über private Seniorendienste bis hin zu Tagesstätten.

Woran erkennen Angehörige, dass sie sich Unterstützung holen sollten, und welche Möglichkeiten sind sinnvoll?

Zeichen für Überlastung sind jegliche Gefühle von Aggression gegen die Betroffenen. Ein untrügliches Indiz ist auch die Vernachlässigung von eigenen Bedürfnissen. Sinnvoll ist alles, was hilft, das Leben der Betroffenen und der Angehörigen einfacher und abwechslungsreicher zu gestalten. Viele Menschen in der Umgebung helfen auch freiwillig, wenn sie dies nur wüssten. Warum nicht ein Inserat aufgeben mit dem Inhalt: Suche rüstige Rentner, die mir helfen, meinem nicht mehr ganz so rüstigen lieben Mann zu hegen und zu pflegen und mit ihm auszugehen. Für «Gottes Lohn» oder für ein kleines Taschengeld. Eine Alternative sind professionelle Seniorendienste.

Drucken17.05.2011