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Nur die Hälfte ist Alzheimer

Eine frühe Abklärung ist bei Gedächtnisproblemen wichtig.

Dr. Irene Bopp-Kistler, leitende Ärztin an der Memory-Klinik des Zürcher Stadtspital Waid, sagt, weshalb eine frühe Abklärung bei Gedächtnisproblemen so wichtig ist und was wir von Demenzpatienten lernen sollten.

Eine Demenz löst beim Patienten und seiner Familie tiefe Betroffenheit aus. Sie beginnt unmerklich und schleichend und führt im Anfangsstadium zu ganz diskreten Fehlleistungen. Deshalb ist besonders das Frühstadium der Demenz mit vielen Fragen verbunden. Der Betroffene kann seine Defi zite nicht richtig einordnen, reagiert mit einer depressiven Stimmung oder grosser Verunsicherung. Oft versucht er, die Symptome zu kaschieren, und gerät in einen Erklärungsnotstand. Diese Situation führt zu Konflikten mit Angehörigen, Freunden oder im Berufsleben. Der Patient wähnt sich oft in einer Mobbingsituation. Er erfährt tiefe Kränkungen, etwa durch den Arbeitgeber, weil er seine gewohnte Leistung nicht mehr erbringt, was zu Kündigung oder Rückversetzung führen kann. In der Partnerschaft wird der Patient ständig auf seine Defizite hingewiesen, und Fehlleistungen werden oft falsch interpretiert. Aus Unwissen werden dem Patienten bewusstes Verschulden oder Vergessen in die Schuhe geschoben. Argumente lösen Gegenargumente aus, Konfl ikte entstehen und eskalieren.

Umso wichtiger ist es, dass Menschen mit einer auch nur ganz diskreten Ein busse der Hirnleistung rechtzeitig und eingehend abgeklärt und beraten werden. Eine klare Diagnose erleichtert, auch wenn sie schwerwiegend ist. Unausgesprochenes wird ausgesprochen, was zu Entlastung führt. Konfl ikte, die zuvor nicht angesprochen wurden, werden thematisiert. Eine Abklärung hilft aber auch, die Hirnleistungsstörung richtig einzuordnen. Nur 50 Prozent der Demenzerkrankungen sind auf Alzheimer zurückzuführen. Daneben gibt es viele andere Demenzformen. Zudem kann die Hirnleistung auch durch körperliche Erkrankung beeinträchtigt werden, insbesondere durch Stoffwechselstörungen, Mangelzustände oder Infektionen. So kann zum Beispiel nach einem Zeckenstich eine Borreliose des Nervensystems zu einer raschen Abnahme der Hirnleistung führen. Zudem können auch Stresssituationen oder Depressionen leichte Hirnleistungsstörungen verursachen.

Nur wenn die Diagnose klar ist, können Patient und Familie adäquat behandelt und beraten werden.

Die Alzheimer-Demenz ist die häufi gste Demenz. Typisch im Frühstadium sind Gedächtnisstörungen. Aber auch andere Hirnfunktionen werden beeinträchtigt wie zum Beispiel Sprache, Geschicklichkeit und Orientierung. Neben diesen klassischen Defiziten sind andere Symptome oft noch belastender wie Veränderung der Persönlichkeit, Antriebslosigkeit und ein verändertes Wahrnehmen der Patienten. Diese nehmen ihre Defizite oft nicht in dem Mass wahr wie ihre Angehörige. Gerade diese Situation führt zu Missverständnissen und Konfl ikten.

Der Alzheimer-Patient hat am Anfang bis zu einem späten Stadium seiner Erkrankung keine neurologischen Auffälligkeiten, das heisst, er ist in seiner Beweglichkeit nicht eingeschränkt.

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Andere Demenzformen gehen bereits zu Beginn der Erkrankung mit auffälligen Bewegungsstörungen einher. Die Lewy-Body-Demenz zeigt beispielsweise ein parkinsonähnliches Bild. Zudem haben diese Patienten bereits zu Beginn der Erkrankung eine starke Störung der Wahrnehmung im Raum, weswegen es schon früh zu Orientierungsproblemen kommen kann, während Gedächtnisstörungen anfänglich nicht im Vordergrund stehen. Auch andere Demenzformen zeigen sehr rasch starke Störungen der Raumwahrnehmung, so die posteriore kortikale Atrophie, eine seltene Unterform der Alzheimer-Erkrankung. Es gibt aber auch Demenzerkrankungen, bei denen von vorneherein eine starke Veränderung der Persönlichkeit vorhanden ist, so bei der Stirnhirndemenz. Bei anderen Demenzerkrankungen stehen bereits im Anfangsstadium Sprachstörungen im Vordergrund: semantische Demenz oder progrediente Aphasie. Eine wichtige Demenzform ist auch jene, welche durch Durchblutungsstörungen verursacht wird. Die Durchblutungsstörung kann die kleinen oder die grossen Hirngefässe betreffen. Auch die Ursache der Durchblutungsstörung kann mannigfaltig sein. Es kann sich um eine Arteriosklerose handeln, aber auch um eine Entzündung oder eine seltene andere Gefässerkrankung. Je nach Ursache der Erkrankung gestaltet sich die Therapie völlig anders.

Gibt es ein normales Leben mit Demenz? Was ist ein normales Leben? Das ist schon fast eine philosophische Frage. Jedes Leben hat Höhen und Tiefen, glückliche, aber auch traurige Momente. Das gilt auch für den Patienten mit Demenz.

Der demente Patient hat nicht nur Defizite, sondern auch Ressourcen. Diese Tatsache geht immer wieder vergessen. Der Demenzpatient hat ein Recht auf Würde und Wertschätzung. Oft zeigt er eine tiefe Emotionalität, vielleicht auch in einem Masse, wie er sie zuvor nie zeigen konnte. Die Krankheit kann auch Chance sein, im Leben Neues zu entdecken, zum Beispiel Musik, Tanz oder Malen.

Der Demenzpatient hat ein Recht auf Leben, es gibt auch in seinem Leben tiefe Glücksmomente. Neben diesen glücklichen Augenblicken gibt es auch Momente tiefer Verunsicherung. Der Patient muss von liebgewordenen Gewohnheiten zunehmend Abschied nehmen, zum Beispiel vom Autofahren, vom Berufsleben, von der gewohnten Umgebung. Es ist sehr wichtig, dass er sich in dieser Situation nicht alleinegelassen fühlt, was natürlich auch für seine Angehörigen gilt.

Die Erfahrung und Studien zeigen, dass gute Lebensqualität auch bei Demenzpatienten in einem hohen Masse möglich ist. Im Laufe der Erkrankung wird die emotionale Kommunikation immer wichtiger. Der Erkrankte lebt zunehmend im Jetzt, er ist in einem Zustand des Seins. In einer Gesellschaft der ständigen Aktivität und eines hohen Konsumverhaltens kann uns der Demenzpatient auch Vorbild sein, weil er uns vorführt, dass das Leben im Jetzt stattfindet. Glück im Vergessen ist möglich, auch wenn der Prozess des ständigen geistigen Abbaus ein sehr schmerzlicher ist.

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Drucken30.08.2011