KrankheitenAngst, Depression

Die grosse Hoffnung gegen Depressionen

Jetzt gibt es eine völlig neuartige, Erfolg versprechende Therapie.

Depressionen sind die häufigsten psychischen Krankheiten überhaupt und zu einer riesigen Belastung für die Betroffenen und die Gesellschaft geworden. Zwar gibt es eine Reihe von antidepressiv wirksamen Medikamenten, die aber etliche Nachteile aufweisen. Die Wirkung setzt erst nach mehreren Wochen ein. Die Bandbreite an Nebenwirkungen ist gross, die Absetzraten dementsprechend hoch, und die Rückfallraten ebenso.

In den nächsten Monaten kommt ein Antidepressivum mit einem völlig neuartigen Wirkprinzip auf den Markt, die erste echte Innovation seit Jahrzehnten. Die Resultate, die am letzten Psychiatrischen Weltkongress in Florenz vorgestellt wurden, bestärken die grossen Hoffnungen, die an den neuen Wirkstoff mit dem Namen Agomelatin gestellt werden. Er macht das, was das körpereigene Hormon Melatonin auch tut: es ist Taktgeber der inneren Uhr. Genauer: Agomelatin synchronisiert den Tag-Nacht-Rhythmus, der bei depressiven Patienten oft nachhaltig gestört ist.

Die Wirksamkeit von Valdoxan – so der Markenname – wurde in grossen Studien mit über 4000 Patienten belegt. Das neue Medikament hilft gegen alle Kernsymptome der Depression wie depressive Verstimmung, Angst, Schuldgefühle, Schlafstörungen, Müdigkeit am Tag sowie körperliche und psychische Angstsymptome. Die Wirkung ist unabhängig vom Schweregrad der Depression und setzt bereits nach der ersten Behandlungswoche ein. Am ausgeprägtesten ist der Effekt bei schweren Depressionen. Die bekannten Nebenwirkungen der klassischen Antidepressiva wie Gewichtszunahme und sexuelle Störungen sind nicht zu erwarten.

Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus gehören zu den häufigsten und am stärksten belastenden Symptomen einer Depression. Die gestörten Biorhythmen werden zudem als Schlüssel zum Verständnis der Depression angesehen. Agomelatin verbessert den Schlaf dieser Patienten signifikant. Neben Einschlafstörungen wirkt die neue Substanz auch gegen Durchschlafstörungen, und zwar bereits nach einer Woche. Die Wirkung setzt nicht nur frühzeitig ein, sondern hält auch in der Langzeitbehandlung an. Das führt zu einer Reduktion der Rückfallraten. Bei Depressionen ist es wichtig, lange genug über die vollständige Besserung, d.h. Remission, zu behandeln, weil Rückfälle sonst vorprogrammiert sind.

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Interview mit Dr. Josef Hättenschwiler, Spezialarzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich.

Sind Melatonin respektive Agomelatin Zaubermittel gegen Depressionen und Schlafstörungen?

Nein. Dennoch besteht Grund zur Hoffnung. Lange Zeit wurden keine wirklich neuen medikamentösen Ansätze zur Behandlung der Depressionen gefunden. Mit Agomelatin liegt nun ein Antidepressivum mit neuem, interessantem Wirkprinzip vor, das ähnlich gut wie die bisherigen Medikamente wirken soll, aber eindeutig weniger Nebenwirkungen hat.

Was kann Agomelatin wirklich?

Wir wissen, dass das körpereigene Melatoninsystem eine wichtige Rolle für die Steuerung des Tag-Nacht-Rhythmus spielt. Wir wissen auch, dass dieses System bei Depressiven oft gestört ist, wobei der nächtliche Melatoninanstieg vermindert ist. Einige Untersuchungen zeigen denn auch, dass die Einnahme von Melatonin bestimmte Formen von Schlafstörungen lindern kann. Die antidepressive Wirkung von Melatonin allein ist jedoch zu gering und genügt nicht zur Behandlung einer Depression. Anders bei Agomelatin. Diese Substanz beeinflusst neben dem Melatonin- auch das Serotoninsystem. Genau diese Kombination erklärt die spezielle Wirksamkeit von Agomelatin.

Wo hilft es und wo nicht?

Da Agomelatin in der Schweiz noch nicht offiziell zugelassen ist, verfügen wir noch über wenig Praxiserfahrungen. Meine ersten Erfahrungen, die ich an unserem Zentrum mit Agomelatin bei Depressionen gemacht habe, stimmen zuversichtlich. Beeindruckt haben mich die geringen Nebenwirkungen dieses Antidepressivums. Gemäss den bis heute durchgeführten Studien, die auch zur Zulassung in Europa geführt haben, zeigt Agomelatin eine gute Wirkung bei allen Formen von Depressionen, insbesondere auch bei den schweren Formen, wo der Schlaf praktisch immer tiefgreifend gestört ist. Die Studien zeigen weiter, dass es unter Agomelatin auch zu einer deutlichen Abnahme der Angstsymptomatik kommen kann. In einer Untersuchung zur generalisierten Angststörung war übrigens Agomelatin auch wirksam. Die Zukunft wird zeigen, ob sich die Substanz auch für die Behandlung von Angststörungen eignet. Erste Ergebnisse zeigen, dass Agomelatin auch zur Langzeitbehandlung und Rückfallprophylaxe von Depressionen geeignet ist. Das ist darum interessant, weil Schlafstörungen die am meisten persistierenden Restsymptome einer Depression sind und depressive Restsymptome Rückfälle begünstigen.

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Melatonin ist ein Hormon, das in der Zirbeldrüse (Epiphyse) – einem Teil des Zwischenhirns – aus Serotonin produziert wird und den Tag-Nacht-Rhythmus des menschlichen Körpers steuert. Melatoninkonzentrationen steigen in der Nacht um den Faktor zehn, das Maximum wird gegen drei Uhr morgens erreicht – mit einer jahreszeitlich wechselnden Rhythmik. Die Sekretion wird durch Tageslicht gebremst. Die Bedeutung des Melatonins bei Jet-Lag und Schichtarbeit ist anerkannt, eine Anwendung von Melatonin ist in diesem Zusammenhang umstritten. Durch Koordinierung der circadian-rhythmischen Vorgänge im Körper entfaltet es seine Wirkung als Zeitgeber. In den USA ist Melatonin seit 1994 frei verkäuflich und als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich. Die Präparate sind dort sehr populär. Die Mittel werden stark beworben, und es werden ihnen teilweise sehr fragwürdige Heilwirkungen zugeschrieben.

Drucken31.07.2009