KrankheitenAngst, Depression

Wege aus dem Labyrinth

Angsterkrankungen sind so häufig wie Depressionen – doch niemand spricht darüber.

Sie kommt überfallartig oder ist ständig da. Die Angst. Ein urmenschliches Grundgefühl, das uns das Überleben sichern soll wie Hunger und Durst. Angst wird zur Krankheit, wenn sie Körper und Seele grundlos zu einer Alarmreaktion zwingt, die nie abklingt. Herzrasen, emporschnellender Blutdruck, beschleunigte Atmung und Anspannung der Muskulatur, seit Urzeiten angelegt auf Kampf oder Flucht, laufen beständig ins Leere und machen auf Dauer krank: Erschöpfung, Depressionen, Magen-Darm-Probleme, Schlafstörungen, Muskelverspannungen, chronische Schmerzen sind typische Symptome.

Über Angst wird kaum gesprochen, auch nicht beim Arzt. Wenn ein Angstpatient zum Arzt geht, bringt er meist nur die körperlichen Beschwerden vor. Dankbar nimmt der Arzt dieses Angebot an. Sind alle körperlichen Untersuchungen und Abklärungen durchlaufen, macht sich die grosse Enttäuschung breit, bei Arzt und Patient. Die Symptome sind unverändert da, eine vernünftige Erklärung fehlt. Jemand hat offenkundig versagt. Der Patient ist wütend auf seinen Arzt und sucht sich einen anderen, wo der Kreislauf von Neuem beginnt. Der Arzt wiederum ist wütend auf seinen Patienten und gibt ihm offen oder verdeckt zu verstehen, dass er wohl ein Simulant sei.

Angststörungen sind so häufig wie Depressionen. Nur ein Bruchteil wird erkannt. Und nur ein kleiner Prozentsatz wird effizient behandelt. Am wirksamsten sind Verhaltensund kognitive Therapien in Kombination mit Medikamenten. Aber aufgepasst: Nicht jeder Wirkstoff eignet sich für die Behandlung. Angst lösende Mittel auf Basis der Benzodiazepine sollten nur vorübergehend eingesetzt werden. Unproblematischer sind Antidepressiva, sofern sie wirksam sind. Ein neuer Trend ist die Behandlung mit dem spezifischen Wirkstoff Pregabalin, der sich in der Schmerztherapie bewährt hat.

Wichtig ist, sich mit der Angst möglichst früh auseinanderzusetzen und wenn nötig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, bevor die Angst chronifiziert, das ganze Leben besetzt und durch Vermeidungsverhalten den Aktionsradius einengt.

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Verdammter Köter, verschwind!

Die packende Geschichte einer Frau, die ihrer Angst einen Namen gab und sie dann zum Teufel jagte.

Während und nach einer wochenlangen Erkrankung, die ich überwunden hatte, schlich sie sich stetig, aber unaufhaltsam in mein Leben. Die Angst. Furchtbare Angst. Vor allem: Angst zu sterben, Angst plötzlich hinzufallen, in einen Zug oder ein Auto zu steigen, aus dem Haus zu gehen, zu schlafen. Es war mir unmöglich, in einem Restaurant zu essen. Körperliche Beschwerden wie Herzrasen, Ohnmachtsanfälle, Hitzeschübe, Schwindel etc., es war einfach grauenhaft. Ich wollte so nicht mehr weiterleben. Dass ich, eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht, in der halben Welt herumgereist bin, alle Schicksalsschläge meisterte, Erfolg habe – dass ich jemals an einer solchen Krankheit leiden könnte, hätte ich nie im Traum gedacht.

Eines Tages erzählte ich Dr. Stutz, den ich seit vielen Jahren kenne, von meiner Not und dass man versuche, meine Angst mit Antidepressiva und eventuell einer Psychotherapie in den Griff zu bekommen.

«Angst kann man heilen», erklärte mir Dr. Stutz bestimmt. «Ich rate dir Folgendes: Gib ihr einen Namen, eine Gestalt, ein Gesicht. Sprich mit ihr, schimpf mit ihr, schick sie weg.» «Hm?», dachte ich, «seltsam.» Aber noch während er sprach, sah ich unseren Hund Alex, den wir zu Hause hatten, als ich noch Kind war, vor mir. Ein unfolgsamer Mischling, der oft kläffte und ständig an einem hochsprang. Also taufte ich meine Angst Alex und sagte zu ihm: «Hau ab, in den Wald, und lass dich nie mehr blicken!» Anfänglich ging Alex nur bis zum Waldrand, blickte frech zurück und kam wieder. Tage später wurde ich gröber, sagte: «Verdammter Köter, verschwind, ich will dich nie wiedersehen!» Diesmal ging er tatsächlich in den Wald hinein, schaute mich aber immer wieder aufsässig an. Jedoch: Es war wie ein Wunder, denn ich spürte, dass die Angst zwar noch da war, mich aber weniger beherrschte. Also hörte ich nicht auf, das Mistvieh wegzuschicken, bis Alex nach circa sechs Wochen auf Nimmerwiedersehen im Wald verschwand. Ich kann es heute noch kaum glauben, aber meine Angst ist weg. Ich fahre wieder Tram, Zug, Auto, schmiede Ferienpläne, ich gehe ins Warenhaus, habe kein Herzrasen mehr, und auch die Freude ist zurückgekommen. Ganz, ganz selten sehe ich, wie Alex versucht, sich zu mir zurückzuschleichen. Aber ich weiss ja jetzt, wie ich ihn loswerde.

Drucken09.04.2010