Beinverlängerung
Dr. Hannes Manner ist Spezialist für Beinverlängerungen und Freund der Kinder.
Er liebt die Arbeit mit den Verlängerungsapparaten mit ihren sensationellen Möglichkeiten, wenn es um Beinverkürzungen und Fehlstellungen geht. Kritisch sieht er kosmetische Beinverlängerungen bei normal gewachsenen Menschen, auch wenn sich damit viel Geld verdienen liesse. „Völlig wirr gegoogelt“ kommen sie, die Patienten“, erzählt Dr. Hannes Manner, Oberarzt für Kinder- und Jugendorthopädie an der Zürcher Schulthess Klinik. „Und dennoch haben Sie meistens keine Ahnung. Viele kippen schon, wenn sie hören, dass zuerst die Knochen gebrochen werden müssen.“ Dennoch nimmt er sich auch für diese Patienten Zeit, viel Zeit. Eine volle Stunde lang erklärt er ihnen, wie komplex eine Beinverlängerung ist und wie viel Zeit die Heilung in Anspruch nimmt. Ihnen das Blaue vom Himmel versprechen, das würde er nie tun. Viel lieber öffnet er ihnen wieder den Blick und versucht sie vom alles dominierenden Wunsch abzubringen, grösser zu werden, damit sich endlich alle Lebensträume erfüllen. Umso mehr setzt er sich dafür mit Leib und Seele für all jene Patienten ein, die ihn wirklich brauchen, für grosse und kleine, Erwachsene und Kinder.
Eine von ihnen ist die fünfjährige Ameya Vor zwei Jahren stürzte sie in der Kinderkrippe so unglücklich von einem kleinen Kletterturm, dass sie sich den rechten Unterschenkel brach. Die Fraktur wollte und wollte wegen einer schon bestehenden Veränderung am Knochen nicht heilen. Das Bein knickte immer mehr ab, bis die Fehlstellung 30 Grad betrug. Ständige Schmerzen beim Laufen und sogar Sitzen waren die Folge. Eine herkömmliche Operation verfehlte das Ziel. Also kam die Kleine zu Dr. Manner. Dass die massive Fehlstellung so rasch wie möglich operiert werden musste, war von sofort klar. Sonst hätte Ameya nie ein normales Leben führen können. Mit Hilfe des Computers und eines raffinierten Distraktionsapparates, der von aussen mit Schrauben an das Bein fixiert wird, gelingt es nun, das Beinchen Millimeter um Millimeter wieder zu richten. Mit dem Zehnerschlüssel drehen die Eltern nun vier Mal am Tag an den Schrauben, am Morgen, Mittag, Abend und vor dem Zu Bett gehen. Die kleine Patientin hat sich sehr schnell an das Gestell gewöhnt. Sie darf herum turnen und spielen, wie sie will. Schmerzen hat sie keine mehr. Sie ist wieder das fröhliche Kind wie vor dem verhängnisvollen Bruch und setzt sich mit dem Onkel Doktor im Spielzimmer der Schulthess Klinik auf ein Spieltierchen, als wäre ein solcher Verlängerungs – Apparat die normalste Sache der Welt.
Beinlängendifferenzen und Achsenfehlstellungen
Beinlängenunterschiede gibt es bei fast einem Drittel der Menschen. Sie sind jedoch erst ab 0.5 cm im Kindes- und über 1 cm im Erwachsenenalter behandlungsbedürftig. Für die Knochenverlängerung stehen verschiedene Distraktionsapparate und Marknagelverfahren zur Verfügung. Am häufigsten verwendet wird der computergestützte Hexapodfixateur, der genaueste und mehrdimensionale Korrekturen in allen Ebenen ermöglicht. Der Operateur befestigt den Verlängerungsapparat in Voll- oder Teilnarkose von aussen mit Bohrdrähten und Schrauben. Dabei macht er nur kleine Einstiche in die Haut und verankert die Befestigungsschrauben direkt im Knochen. Danach wird der Knochen schonend durchtrennt – ebenfalls über einen kurzen Hautschnitt. Fünf bis zehn Tage nach der Operation beginnt man mit der eigentlichen Verlängerung des Knochens, und zwar mit einem Millimeter pro Tag. Während diesem Prozess wächst zwischen den beiden Knochenenden ein so genannter Distraktionskallus, der aus einer weichen, noch nicht verkalkten Knochengrundsubstanz besteht. Der Kallus lässt sich nun auf die gewünschte Länge dehnen. Wenn nötig kann gleichzeitig eine Achsenkorrektur vorgenommen werden. Eine Verlängerung von 5 Zentimetern benötigt eine Verlängerungszeit von etwa 50 Tagen. Nach der Distraktion muss der neue Knochen wieder die Struktur des ursprünglichen Knochens annehmen. Sobald dies der Fall ist, kann der Apparat entfernt werden.
Die Knochenverlängerung ist kein schnelles Therapieverfahren. Pro Zentimeter Verlängerungsstrecke muss man mit ungefähr 30 bis 40 Tagen im Verlängerungsapparat rechnen. Für 5 Zentimeter Beinverlängerung bedeutet das in etwas 150 bis 200 Tage Verlängerungsapparat, bis der neue Knochen genügend nachgereift ist. Eine reine Achsenkorrektur hingegen benötigt eine Tragdauer von ungefähr drei Monaten.
Eine gute Vorbereitung vermindert das Risiko von Komplikationen oder schlechten Ergebnissen auf ein Minimum. Während der Tragzeit des Verlängerungsapparates können sich die Befestigungsschrauben und Drähte in den Weichteilen entzünden. Das lässt sich aber sehr gut mit einer vorübergehenden oralen Antibiotika-Therapie behandeln. Knocheninfektionen treten praktisch nie auf. Da mit der Knochenverlängerung auch Muskeln gedehnt werden, können Bewegungseinschränkungen in den benachbarten Gelenken auftreten. Deshalb ist unbedingt eine begleitende Physiotherapie notwendig.
Die Einschränkungen im Alltag hängen davon ab, wie gross der Verlängerungsapparat ist. Der Fixateur wird so fest am Knochen befestigt, dass der Patient das Bein bald voll belasten und frei gehen kann. Meistens wird aber empfohlen, während der Korrekturphase das Bein nur teilweise zu belasten, um es vorübergehend zu schonen. Mit angepasster Kleidung lässt sich der Verlängerungsapparat gut bedecken. Die so genannte Pinpflege zur Vorbeugung von Infektionen sollte mindestens alle zwei Tage durchgeführt werden. Sobald die Operationswunden verheilt sind, muss man die Körperpflege am operierten Bein kaum einschränken. Im Gegenteil: Es ist sogar wünschenswert, dass das Apparatsystem regelmässig geduscht wird.
Der externe Fixateur zur Achsenkorrektur und Beinverlängerung ist ein aufwändiges Verfahren. Es ermöglicht jedoch selbst bei schwersten Fehlstellungen exakteste Ergebnisse und ist aus der rekonstruktiven Extremitätenchirurgie nicht mehr wegzudenken.
Interview:
Wann ist eine Beinverlängerung sinnvoll und wann nicht?
Ab etwa 2 bis 3 cm Beinverkürzung kann man eine Beinverlängerung in Betracht ziehen. Häufig ist die Beinverkürzung mit einer Fehlstellung kombiniert. Diese Fälle sind ideal. Mit dem Taylor-Spatial-Frame Fixateur kann praktisch jede Fehlstellung korrigiert werden. Strittig sind rein kosmetische Verlängerungen. Für uns gibt es dann einen Grund, an der Körpergröße etwas zu verändern, wenn jemand im Alltag wirklich Nachteile hat.
Was müssen Leute wissen, die nur aus kosmetischen Motiven eine Beinverlängerung wünschen?
Menschen, die sich wegen Ihrer Körpergröße benachteiligt fühlen, empfinden das als ein ernstes Problem. Deshalb sollten wir Ärzte uns auch mit diesem „kosmetischen“ Problem entsprechend auseinandersetzen und es ernst nehmen. Ein kategorisches Nein zu kosmetischen Verlängerungen ist ebenso wenig richtig wie ein unüberlegtes Verlängern der Extremitäten. Der Patient muss wissen, dass eine Beinverlängerung ein grösseres Projekt ist. Der Knochen muss durchtrennt und jeden Tag einen Millimeter verlängert werden. Bis schliesslich eine Verlängerung von 6 cm verheilt ist, dauert es im Schnitt acht Monate.
Wann braucht es unbedingt eine Korrektur von O- oder X-Beinen?
Es ist bekannt, dass zu große Abweichungen der Beinachse zu Arthrosen vor allem im Kniegelenk führen. Hier gibt es eindeutige Richtlinien, ab welcher Achsenabweichung eine Früharthrose zu befürchten ist und Handlungsbedarf besteht.








