KrankheitenBewegungsapparat

Dem Halsschmerz an den Kragen gehen

Schulter- und Halsschmerzen werden immer häufiger.

Wirbelsäulenspezialist Dr. Bruno Beele erklärt, was man dagegen am besten macht.

Wenn man vom Rücken spricht, denken die meisten an die Lendenwirbelsäule. Wie häufig sind Probleme im Halsbereich?

Schmerzen im Bereich Schultern und Hals sind sehr häufig. Besonders betroffen sind Menschen mit sitzender Tätigkeit, sei es am PC oder an einer Kasse. Auch Zahnarzthelferinnen, die in einer Zwangsposition mit nach vorne geneigter Haltung arbeiten müssen, klagen oft über Schulter- und Halsschmerzen. Die Schmerzsymptomatik ist meistens auf eine Fehlhaltung mit begleitender Muskelverspannung zurückzuführen.

Was kann man in solchen Fällen selber tun?

Am besten ist eine physiotherapeutische Behandlung zur Lockerung der Muskulatur, begleitet von Wärmeanwendungen. Eventuell ist auch ein Medikament gegen die Entzündung und die Schmerzen hilfreich. Ist der ärgste Schmerz vorbei, empfiehlt sich ein gutes Übungsprogramm.

Mit welchen Beschwerden soll man zu einem Wirbelsäulenspezialisten?

Wenn es trotz physiotherapeutischer Behandlung nicht zur Schmerzlinderung kommt und die Schmerzen in den Hinterkopf oder in die Arme ausstrahlen, wenn Gefühlsstörungen in den Armen auftreten oder die Kraft in Armen und Händen fehlt, muss ein Wirbelsäulenspezialist aufgesucht werden. Ebenso, wenn die Feinmotorik der Hände gestört ist. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Patient plötzlich nicht mehr in der Lage ist, beim Essen das Besteck, einen Kugelschreiber oder einen Schlüssel richtig zwischen den Fingern zu halten, einen Drehverschluss einer Flasche zu öffnen usw.

Wie lange soll man therapieren, bis man ernsthaft an eine Operation denken soll?

Längst nicht alle Patienten mit Wirbelsäulenproblemen müssen operiert werden. Den meisten kann mit physiotherapeutischer Behandlung, mit Anpassungen am Arbeitsplatz – Änderung der Sitzhaltung, Benutzung eines guten Bürostuhls, bessere Einstellung der Tischhöhe – geholfen werden. Wenn all das nicht hilft und sich bei der Röntgenuntersuchung zeigt, dass schwere Abnützungserscheinungen oder eine Verengung des Rückenmarkskanals vorhanden sind, kann man eine Operation in Erwägung ziehen.

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Wenn von Operationen an der Halswirbelsäule die Rede ist, zucken die meisten zusammen. Sind diese Eingriffe wirklich so riskant?

Wie jede Operation muss auch ein Eingriff an der Halswirbelsäule mit grosser Sorgfalt durchgeführt werden. Dabei sollte man heute grundsätzlich mit dem Mikroskop operieren. Das Komplikationsrisiko ist nicht grösser als bei anderen Operationen, auch wenn sie schwerwiegender ausfallen können. Falls notwendig können während der gesamten Halswirbelsäulenoperation das Rückenmark und die abgehenden Nerven mittels Neuromonitoring überwacht werden, um das Komplikationsrisiko möglichst tief zu halten.

Die grosse Frage an der Halswirbelsäule lautet immer: Versteifen, ja oder nein? Welches Vorgehen ist heute ratsam?

Heute kann man in vielen Fällen so operieren, dass die Beweglichkeit mehr oder weniger erhalten bleibt. Das ist bei bestimmten Diskushernien, Osteochondrosen, das heisst Abnützungserschei nungen, sowie bei Engpasssyndromen der Fall. Dabei kommen moderne Bandscheibenprothesen zum Einsatz. Es ist aber längst nicht bei jeder Operation im Halswirbelsäulenbereich sinnvoll, solche Prothesen zu verwenden. Das hängt von vielen Faktoren ab, vom Alter des Patienten, vom Grad der Abnützung und der Verengung sowie von der Form der Halswirbelsäule. Ganz grob kann gesagt werden: Bis zum 60. Lebensjahr kann man heute bei vielen Patienten mit einer Diskushernie oder Abnützungserscheinungen eine bewegungserhaltende Operation mittels Implantation einer Bandscheibenprothese durchführen. Eine Bandscheibenprothese hat den Vorteil, dass durch die erhaltene Beweglichkeit die angrenzenden Bandscheiben weniger beansprucht werden. Einige Patienten haben nach der Versorgung mit einer Bandscheibenprothese etwas länger muskuläre Probleme als solche, bei denen eine Versteifung gemacht wurde. Mit Physiotherapie, Wärmeanwendungen und Übungen der Schulter- und Halsmuskulatur kann dies behoben werden. Wenn unbedingt nötig kann nach einer Bandscheiben-Versorgung später immer noch eine Versteifung gemacht werden. Das Umgekehrte geht nicht. Eine Versteifung ist immer eine definitive Lösung.

Drucken10.10.2009