KrankheitenBewegungsapparat

Die Schulter

Dr. Marcel Isay über Fakten und Mythen zum beweglichsten Gelenk des menschlichen Körpers.

Mythos 1: Das Schultergelenk ist das komplizierteste Gelenk des Körpers

Das Schultergelenk ist zwar das beweglichste Gelenk des menschlichen Körpers, aber nachdem in den letzten Jahren viele neue Erkenntnisse zur Funktionsweise des Schultergelenks gewonnen wurden, ist der Mythos vom kompliziertesten Gelenk widerlegt. Aufgrund der speziellen Bauweise ist die Schulter aber vermehrt anfällig für Verletzungen und Abnützungserscheinungen.

Mythos 2: Sehnenrisse müssen nie operiert werden

Zu den häufigsten Schultererkrankungen gehören Risse der sogenannten Rotatorenmanschette. Sie besteht im Wesentlichen aus vier zusammenhängenden Sehnen und Muskeln, die den Oberarmkopf wie eine Kappe umgeben und zum Schulterblatt ziehen. Diese Muskeln müssen den Arm heben und drehen. Zu einem Abriss der Rotatorenmanschette kann es durch eine Verletzung oder durch zunehmenden Verschleiss kommen, was häufiger der Fall ist. Eine frische Verletzung kann beispielsweise durch einen Sturz beim Skifahren auf den ausgestreckten Arm verursacht werden. Es kommt meist sofort zu starken Schmerzen und einer Bewegungseinschränkung. Ein degenerativer Riss hingegen verursacht zu Beginn oftmals keine Beschwerden. Erst mit zunehmendem Verschleiss kommt es zu Schmerzen, die häufig in der Nacht am schlimmsten sind. Typisch sind ausserdem Bewegungseinschränkungen und Kraftlosigkeit. Sehnenverletzungen an der Schulter heilen aufgrund des Muskelzuges nicht. Gewisse Arten von Rissen können mit der Zeit sogar grösser werden und zu einer Abnützung des Schultergelenks führen. Jüngere Patienten sollten deshalb früh operiert werden. Bei älteren Menschen ist zuerst ein drei- bis sechsmonatiger konservativer Behandlungsversuch mit Physiotherapie sinnvoll. Häufig führt das zu einer schmerzfreien und vollen Schulterfunktion. Da mit den heutigen Operationsmethoden im Allgemeinen gute Resultate erzielt werden, sollte aber auch bei älteren Patienten, die trotz adäquater Behandlung über bleibende Schmerzen und eine störende Bewegungseinschränkung klagen, eine Operation nicht allzu lange hinausgeschoben werden. Dabei werden die abgerissenen Sehnen wieder am Knochen angenäht. Bei genügender Erfahrung des Chirurgen können die Sehnen heute meistens arthroskopisch, das heisst über eine Gelenkspiegelung operiert werden. Das bedeutet für den Patienten häufig weniger Schmerzen, eine raschere Rehabilitation und eine verkürzte Spitalaufenthaltsdauer.

  • 11

Mythos 3: Der Schultergelenkersatz führt zu schlechten Resultaten

Der Ersatz des Schultergelenks hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte erzielt und liefert heute die gleich guten Resultate wie der Einbau von künstlichen Hüft- und Kniegelenken. Obwohl Schulterprothesen schon seit über 40 Jahren eingesetzt werden, sind die Kenntnisse über die modernen Möglichkeiten eines Schultergelenkersatzes in der Öffentlichkeit nach wie vor wenig verbreitet. Eine spezielle Form des Schultergelenkersatzes ist die sogenannte Inverse Schulterprothese, die mit grossem Erfolg zunehmende Verbreitung findet. Sie wird bei Gelenkabnützungen mit ausgedehnten nicht reparablen Sehnenverletzungen verwendet. Ziel der Operation sind eine Schmerzreduktion und eine verbesserte Schultergelenksfunktion. Die Schulterbeweglichkeit nach der Operation ist jedoch abhängig vom Zustand der Muskulatur, der Sehnen und der Gelenkkapsel. Es ist deshalb sehr wichtig, den richtigen Zeitpunkt für eine mögliche Operation zu bestimmen. Einerseits sollte der Einbau einer Schulterprothese nicht zu lange hinausgezögert werden, anderseits darf auch nicht zu früh und vorschnell gehandelt werden. Nach einer Operation ist in der Regel nach drei bis sechs Monaten die Therapie abgeschlossen. In den meisten Fällen führt der Gelenkersatz zur Schmerzfreiheit und einer guten Funktion.

Drucken09.04.2010