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Osteoporose-Gefahr

Die Krankheit der brüchigen Knochen wird zu wenig behandelt.

Prof. Dr. med. Kurt Lippuner, Chefarzt Poliklinik für Osteoporose der Medizinischen Fakultät und des Inselspitals der Universität Bern, im Interview.

Wie ernst ist die Osteoporose-Gefahr? Wird nicht übertrieben?

Osteoporose muss man sehr ernst nehmen. Sie bereitet sehr viele Schmerzen, macht Deformationen, Funktionseinbusse, führt oft zum Verlust der Selbstständigkeit und zu einem erhöhten Sterberisiko. Nach dem 50. Lebensjahr müssen rund 50 Prozent der Frauen und 15 Prozent der Männer damit rechnen, früher oder später wegen Osteoporose einen Knochen zu brechen. Gerade weil Osteoporose eine Volkskrankheit ist, summieren sich Hunderttausende von Einzelschicksalen zu einer riesigen volkswirtschaftlichen Last. Denken Sie nur an die 10 000 Spitaleinweisungen pro Jahr allein wegen Schenkelhalsbrüchen. Übertrieben wird gar nichts. Ganz im Gegenteil: Osteoporose ist unterdiagnostiziert und unterbehandelt. Verhehrend ist das, wenn jemand schon einen Knochenbruch erlitten hat. Ohne Behandlung ist der zweite und dritte Bruch vorprogrammiert.

Welche Patientinnen und Patienten brauchen eine medikamentöse Behandlung?

Alle Patientinnen und Patienten, die ein inakzeptables Risiko für einen Knochenbruch haben, sollten medikamentös behandelt werden. Und ganz sicher all diejenigen, die schon eine Osteoporose und deswegen bereits einen Knochenbruch erlitten haben. Mit den heutigen Medikamenten lässt sich das Knochenbruchrisiko bis zu 60 Prozent reduzieren. Mit einem mathematischen Modell haben wir kürzlich berechnen können, dass es sich volkswirtschaftlich lohnen würde, bei Frauen ab 65 systematisch eine Knochendichtemessung zu machen, wenn man danach diejenigen, die eine Osteoporose haben, mit einem hochwirksamen Medikament behandelt. Das entspricht auch der Meinung zahlreicher internationaler Osteoporose-Fachgesellschaften, die schon heute empfehlen, dass sich jede Frau über 65 einer Knochendichtemessung unterziehen soll. In der Schweiz müssen in der Regel weitere Risikofaktoren vorhanden sein, bevor eine Abklärung und eine Therapie erfolgt.

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Was bringt eine Supplementierung mit Calcium und Vitamin D?

Der Knochen braucht Calcium, um seine Substanz zu erhalten oder wieder aufzubauen. Und ohne genügend Vitamin D wird das über die Nahrung zugeführte Calcium nicht oder nur zu wenig aufgenommen. Deshalb ist im Alter auf eine genügende Zufuhr von Calcium und Vitamin D ganz besonders zu achten.

Wie ernst ist das Problem der Non-Compliance bei der Behandlung der Osteoporose?

Mit Compliance meint man die Therapietreue, also das Ausmass, mit dem die Patientinnen und Patienten die ärztlichen Empfehlungen im Alltag tatsächlich umsetzen. Eine 2007 veröffentlichte Arbeit kommt zu einem erschreckenden Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Patienten nehmen entweder das Medikament gar nicht ein oder hören innerhalb des ersten Behandlungsjahres wieder damit auf. Das hat zur Folge, dass nur ein Teil des therapeutischen Nutzens ausgeschöpft wird, das heisst im Fall der Osteoporose, dass die Knochendichte weniger stark zunimmt als sie könnte und dass das Risiko von Knochenbrüchen nur teilweise reduziert wird.

Was bringen Anwendungsformen wie die Wochen- und Monatstablette, die Quartalsspritze und die neue Jahresinfusion zur Verbesserung der Compliance?

Jede neue Therapieform im Kampf gegen Osteoporose ist eine willkommene Ergänzung. Wenn Patienten die Wahl und die notwendige Information haben, bevorzugen sie in der Regel eine Therapie, die nachgewiesenermassen wirkt und bei gleichguter Wirkung dann diejenige, die mit ihren Lebensgewohnheiten am besten vereinbar ist. Intravenös verabreichte Therapien bieten den Vorteil, dass der Arzt eine direkte Kontrolle darüber hat, ob, wann und in welcher Dosierung das Medikament verabreicht wurde. In jedem Fall ist ein intaktes Arzt- Patient-Verhältnis entscheidend. Der Patient sollte in den Behandlungsplan miteinbezogen werden und sich über die Erwartungen, die er an seine Behandlung setzen darf, im Klaren sein: nicht jede und jeder zieht eine Infusion einer Tablette vor und umgekehrt.

Drucken04.09.2009