Warten verboten
Wer Probleme mit dem Hüftgelenk hat, sollte möglichst früh zu einem Orthopäden.
Dr. Jörg Schulenburg über neue Konzepte gegen die Hüftarthrose.
«Warten, bis es nicht mehr geht, und dann eine Totalprothese…» Wie oft schon habe ich diesen Satz gehört. Oder auch: «Man kann leider nichts mehr tun, nur noch die Prothese kann Ihnen helfen.»
Stimmt das? Ist das wirklich so? In den vergangenen Jahren hat das Wissen um das Hüftgelenk und um die Entstehung der Hüftarthrose sprunghaft zugenommen. Was früher zumeist noch als schicksalhafte Entwicklung angesehen wurde, kann heute sehr viel differenzierter beurteilt und dadurch auch zielgerecht und vor allem stadiumgerecht behandelt werden.
Man weiss zum Beispiel, dass viele Hüftarthrosen auf Knochenanlagerungen am Schenkelhals und bzw. oder auf leichte Fehlstellungen der Hüftgelenkspfanne zurückgehen. Die Verdickungen am Schenkelhals entstehen meistens während der Wachstumsphase, in einem Alter vielleicht zwischen zwölf und achtzehn Jahren. Begünstigt oder ausgelöst werden sie durch grosse repetitive Belastungen, vor allem intensive Sportarten wie Fussball, Eishockey, Kampfsport, Kunstturnen etc. Durch die Knochenanlagerungen, welche den Schenkelhals und den Hüftkopf in seiner Form etwas verändern – die ursprüngliche Kugelform wird eher zu einem Ei –, passt der Hüftkopf nicht mehr ganz genau in die Pfanne. Dadurch kommt es bei bestimmten Bewegungen zu Einklemm-Phänomenen, was man als Hüft-Impingement bezeichnet. In diesem Stadium spüren die Betroffenen meistens noch gar nichts. Allenfalls fällt eine verminderte Beweglichkeit, vor allem der Innenrotation und der Beugung auf. Leider wird das viel zu oft – besonders von einigen Fussballtrainern – als Trainingsfaulheit ihrer Schützlinge abgetan. «Du dehnst einfach zu wenig, deshalb bist du zu unbeweglich.» Wenn später Schmerzen hinzukommen, sind sie oft, aber nicht immer in der Leiste lokalisiert. Fehldiagnosen in Richtung Leistenbruch oder Adduktorenzerrung kommen deshalb immer wieder vor.
Quintessenz: Wer «immer schon» schlecht beweglich war, wer nach körperlichen Belas- tungen Beschwerden in der Leiste hat, die auch nach Schonung und Physiotherapie nicht zurückgehen, sollte sich fachärztlich untersuchen lassen. Findet man eine schmerzhafte Einschränkung der Innenrotation und einen positiven Provokationstest, sind die Diagnose des Hüft-Impingements sehr wahrscheinlich und weitere Abklärungen nötig.
Erfasst man die Patienten in diesem Stadium, ist der Knorpelüberzug meist noch intakt. Wenn man jetzt eingreift und die vorstehenden Knochenanlagerungen beseitigt, lässt sich die Arthrose aufhalten oder zumindest verlangsamen. Wenn man nichts macht, führen die Einklemmmechanismen zu einem langsamen, stetigen Abrieb und damit zur Arthrose. Heute stehen uns zwei operative Verfahren zur Verfügung, um diese Fehlentwicklung aufzuhalten: einmal die offene Operation und die Hüft-Arthroskopie.
Sind die arthrotischen Veränderungen weit fortgeschritten, muss eine Totalprothese erwogen werden. Eigentlich handelt es sich dabei um eine Routine-Operation. Dennoch gab es in den letzten Jahren auch hier erhebliche Verbesserungen, vor allem durch die minimalinvasive Operationstechnik. Gemeint ist nicht etwa ein möglichst kleiner Schnitt in die Haut, sondern vielmehr ein weichteilschonendes Verfahren, damit alle Muskeln und Sehnen während des ganzen Eingriffs intakt bleiben, um eine rasche Erholung zu ermöglichen.
Weil die Überlebensdauer eines künstlichen Hüftgelenks durch das minimalinvasive Verfahren natürlich nicht beeinflusst wird, ist es nach wie vor wichtig, ein Kunstgelenk nicht zu früh zu implantieren. Gerade bei jüngeren Patienten ist die Überlebensdauer einer Prothese deutlich kürzer als im «Idealalter», also ab 65 bis 70 Jahren. Wichtigstes Ziel eines korrekt durchgeführten gelenkserhaltenden Eingriffs ist die Verzögerung der Arthrose, bis der Patient das «Idealalter» für die Prothesenimplantation erreicht. Damit könnten eventuelle spätere Wechseloperationen hinfällig werden.
Gut zu wissen
- Verminderte Hüftbeweglichkeit und positiver Provokationstest sind hochverdächtig auf ein Hüft-Impingement.
- Ein Hüft-Impingement ist eine Vorstufe der Hüft- Arthrose.
- Eine rechtzeitige gelenkserhaltende Operation kann Arthrose verhindern oder verlangsamen.
- Die Implantation einer Hüftprothese sollte nicht in zu jungem Alter erfolgen, weil sonst Wechseloperationen drohen.
- Die minimalinvasive Implantationstechnik ist weichteilschonend und erlaubt eine raschere Rehabilitation.








