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Gut und boese

Prof. Paul Erne über das gefährliche Doppelleben des Cholesterins.

Kann Cholesterin wirklich gut oder böse sein?

Prof. Erne: Als böse gilt es, weil es zur Verstopfung der Gefässe beiträgt. Unter gutem Cholesterin verstehen wir demgegenüber jenes Cholesterin, das den Abtransport und Abbau des schlechten Cholesterins begünstigt. Die beiden Sorten von Cholesterin werden nach ihren chemischen Eigenschaften unterteilt in High Density Lipoproteins HDL – dem guten Cholesterin – oder in Low Density Lipoproteins LDL, was dem bösen Cholesterin entspricht. Der Mensch benötigt eine minimale Menge an Cholesterin für den Wiederaufbau von Zellwänden und die Produktion von Hormonen.

Warum stellt der Körper nicht einfach den gesunden Ausgleich zwischen gutem und bösem Cholesterin her?

Es ist ein komplexes Gleichgewicht, das durch Enzyme und das vegetative Nervensystem gesteuert wird. Auch die Vererbung spielt eine Rolle. Was heutzutage für Herz und Gefässe schädlich ist, war vor einigen tausend Jahren überlebenswichtig. Das als böse bezeichnete Cholesterin war Grundlage für tägliche Märsche von 20 Kilometern. Gleichzeitig diente es in diesen schwierigen Urzeiten als Energiequelle bei Hungersnöten. Die heutigen Menschen konnten sich davon glücklicherweise entfernen, aber es dauert unterschiedlich lange, bis die genetische Umstellung stattgefunden hat.

Was nützt eine cholesterinbewusste Ernährung, wenn doch bekannt ist, dass der Körper den grössten Teil des Cholesterins selber herstellt?

Es ist tatsächlich so, dass der Grossteil des Cholesterins vom Körper selbst produziert und wieder aufgenommen wird. Trotzdem erreichen wir mit gesunder, mehrheitlich pfl anzlicher Ernährung sehr viel, weil das Verhältnis von bösem und gutem Cholesterin damit deutlich beeinflusst werden kann.

Worauf sollte man beim Essen in Sachen Cholesterin denn genau achten?

Wichtig ist der Anteil ungesättigter Fettsäuren, die besonders reich in pflanzlichen Fetten wie Oliven- oder Rapsöl enthalten sind. Gleichzeitig müssen genügend Ballaststoffe eingenommen werden. Diskutiert wird auch die Bedeutung von antioxidativer Nahrung, also vor allem von Vitaminen, die das Cholesterin vor einer Reaktion mit Sauerstoff schützen. Reagiert das Cholesterin nämlich mit Sauerstoff, verschlimmert es den Einfluss des bösen Cholesterins.

Bewegung soll den Anteil des guten Cholesterins erhöhen. Wie geht das?

Es ist so, dass nur wenige Substanzklassen das gute Cholesterin erhöhen können und kleine Dosen von Alkohol und genügend Sport dazu beitragen. Die Wirkung des Sports ist multifaktoriell. Zum einen bedeutet Sport eine Umstellung der Ernährung, Fettreduktion und Verarbeitung der Cholesterin, aber zum anderen auch eine Beeinflussung des Nervensystems, das dann auf das Gleichgewicht Einfluss nimmt.

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Chinesische Forscher haben entdeckt, dass das sogenannte Oxycholesterin noch viel gefährlicher ist als das böse LDL. Was ist Oxycholesterin, und wie entsteht es?

Wenn Cholesterin erhitzt wird, entstehen mehr gesättigte Fettsäuren, die einfacher mit Sauerstoff reagieren. Das so entstandene Cholesterin nennt man Oxycholesterin. Es dringt viel einfacher in die Gefässwand ein, aktiviert noch mehr Entzündungsreaktionen und zieht mehr Cholesterin an. Die Folge: Es entstehen noch grössere Plaques.

Was kann man dagegen tun?

Der Konsum von erhitzten Fetten – besonders ins Gewicht fallen industriell produzierte Speisen und Fleischfette – sollte auf ein Minimum begrenzt werden. Die Nahrungsmittelindustrie beginnt jetzt zu reagieren, nachdem diese Zusammenhänge erkannt wurden. In New York sind Transfettsäuren bereits verpönt. Auf der sicheren Seite ist jeder, der den Anteil der pflanzlichen Nahrungsanteile erhöht und tierische durch pflanzliche Fette ersetzt.

Trotzdem leiden immer mehr Menschen unter zu hohen Cholesterinwerten. Ab welchem Moment braucht jemand Medikamente zur Senkung des schlechten Cholesterins?

Es kommt auf den Menschen und seine Genetik an. Hat es in seiner Familie bereits Fälle von zu hohem Cholesterin? Stammt er aus einem Kulturbereich mit starker Cholesterinabhängigkeit wie Skandinavien, Schottland, Australien und Amerika oder geringer Cholesterinabhängigkeit wie Italien oder Spanien? Dann stellt sich die Frage nach dem aktuellen Gesundheitszustand: Hat er bereits einen Infarkt erlitten, steht gerade eine Bypass-Operation bevor, oder hat er Risikofaktoren wie Diabetes?

Warum braucht es diese Gesamtbeurteilung?

Alles, was die Gefässwand deutlich schädigt, sie also direkt darauf vorbereitet, Entzündungszellen und Schadstoffe aufzunehmen oder deren Abtransport zu erschweren, sind Argumente für den Einsatz von Statinen. Selbst bei tieferen Cholesterinkonzentrationen im Blut. Diabetes ist der stärkste und gefährlichste kardiovaskuläre Risikofaktor. Er wiegt so schwer, als hätte sich ohne Diabetes bereits ein Infarkt ereignet. Die Senkung des Cholesterins auch mit Medikamenten macht deshalb sehr viel Sinn.

Und das Übergewicht?

Dem Übergewicht liegt häufig ein metabolisches Syndrom zugrunde, also ein Komplex mit hohem Risiko. Das Übergewicht kann der Betroffene durch eigenes Dazutun behandeln, indem er abnimmt. Statine können ihn dabei unterstützen. Ein Reizfaktor für die Gefässwand ist auch der hohe Blutdruck. Tritt er in Kombination mit erhöhten Cholesterinwerten auf, sollte man das Cholesterin mit einem Statin senken.

Macht auch Primärprophylaxe mit Statinen Sinn?

Ja, dann nämlich, wenn das Risiko eines Infarkts sehr stark erhöht ist, also bei Diabetes oder seinen Vorstufen, oder wenn in den Gefässwänden eine chronische Entzündungsreaktion im Gang ist.

Wann sind duale Cholesterinsenker die bessere Wahl?

Zuerst versucht man für den Patienten jenes Statin zu finden, das am besten vertragen wird. Jeder Mensch reagiert anders. Schon die richtige Einnahmezeit kann hier helfen, indem man das Medikament eher am Abend nimmt, wenn der Körper nicht belastet wird. Der Patient muss aber unbedingt einsehen, dass er etwas tun muss, denn zu hohe Cholesterinwerte spürt er nicht. Eine Therapie wird er aus diesem Grund nur dann beibehalten, wenn die Nebenwirkungen gering sind. Hier können duale Cholesterinsenker helfen, indem sie nicht nur zwei Substanzen kombinieren und damit bessere Werte erreichen, sondern von jeder Substanz auch weniger brauchen und so weniger Nebenwirkungen machen.

Warum kann man dem Körper nicht einfach eine Portion guten Cholesterins von aussen zuführen, dann wäre das Problem doch gelöst?

Mit einer Erhöhung des guten Cholesterins um ein Prozent erzielt man die gleiche Wirkung wie mit der Reduktion des schlechten Cholesterins um ein Prozent. Dies basiert aber auf Untersuchungen von Populationen und nicht von Interventionen. Leider hatten bisherige Interventionen mit Medikamenten, die das gute Cholesterin erhöhen, auch einen Anstieg des Blutdrucks zur Folge. Es wird aber weiter geforscht, und Studien über neue Behandlungen sind im Gang.

Drucken02.09.2011