KrankheitenBlut, Herz, Gefässe

Hirnschlag

Jeder Patient mit einer Streifung gehört notfallmässig in eine Klinik.

Schlaganfälle werden zu einer immer grösseren Belastung unserer Gesellschaft. Bis zum Jahr 2050 werden sie wegen der Überalterung um rund 60 Prozent zunehmen.

Mehr als jeder vierte Hirnschlag endet tödlich. In beinahe der Hälfte der Fälle bleiben die Opfer zeitlebens auf fremde Hilfe angewiesen. Nur ein Drittel der Patienten kann nach einem Hirnschlag ein mehr oder weniger normales Leben führen.

Ursache ist in den meisten Fällen ein Sauerstoffmangel in Teilen des Gehirns, weil ein Thrombus oder eine Embolie eine Hirnarterie verschliesst. Meistens stammt das Blutgerinnsel aus einer arteriosklerotisch veränderten Halsarterie. An der Gabelung, wo sich die Halsschlagader in einen äusseren und inneren Ast aufteilt, lagern sich oft arteriosklerotische Plaques an. Wenn dort die verkalkten Fettablagerungen aufreissen, bildet sich ein Thrombus, der sich ablösen und vom Blutstrom als Embolie in eine Hirnarterie geschwemmt werden kann, wo er das Blutgefäss verstopft und im betreffenden Hirnareal zum Infarkt führt. Hin und wieder kann es auch zum Einwandern des Thrombus aus dem Herz kommen, zum Beispiel bei Vorhofflimmern. Wird eine der beiden Halsarterien blockiert, gelangt ebenfalls nicht genügend Sauerstoff ins Gehirn.

Obwohl es scheint, als käme der Hirnschlag unerwartet, besteht eine zugrunde liegende Arteriosklerose schon lange. Sogenannte transitorische ischämische Attacken, abgekürzt TIA, im Volksmund «Streifungen», sind Warnzeichen für einen drohenden Hirnschlag. Sie sind Folge einer vorübergehenden Störung der Sauerstoffversorgung des Gehirns und machen sich durch Lähmungen, Seh- und Sprachstörungen oder auch Schwindel und Bewusstseinsstörungen bemerkbar. Die Symptome halten in der Regel nicht länger als einen Tag an.

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Diese Vorboten für einen drohenden Hirnschlag müssen viel ernster genommen werden, als man es bisher getan hat. «Jede Streifung muss notfallmässig abgeklärt und behandelt werden», sagt Prof. Ralf Baumgartner, Leiter der Abteilung Neuroangiologie/Stroke Unit am Universitätsspital Zürich. «Aufgrund neuer Daten wissen wir, dass Streifungen die Katastrophe geradezu ankündigen. Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Streifung einen Schlaganfall zu erleiden, beträgt innert 48 Stunden fünf Prozent, in den nächsten 7 Tagen zwischen 7 und 9 Prozent und in den nächsten drei Monaten 10 bis 20 Prozent.» Prof. Baumgartner fordert eine dramatische Änderung des TIA-Managements: Jeder Patient mit einer Streifung muss notfallmässig in eine Klinik eingewiesen werden, auch wenn sich die Symptome wieder zurückbilden. Patienten mit einem hohen Schlaganfallrisiko gehören auf die Überwachungsstation, damit man im Falle eines Schlaganfalls sofort eine Thrombolyse durchführen kann.» In jedem Fall gilt es, mit Medikamenten – Blutplättchenhemmern oder Blutverdünnern – und im Falle einer markanten Verengung der Halsschlagader auch operativ einzugreifen, um einen Schlaganfall zu verhindern. Namhafte Untersuchungen wie die Express-Studie haben gezeigt, dass man mit diesem Management die Zahl der Schlaganfälle im Vergleich zu früher um 80 Prozent senken kann. Damit das Schlaganfallund Herzinfarktrisiko – beides hängt ganz eng zusammen – nachhaltig gesenkt werden kann, heisst es zudem, konsequent alle Risikogefahren mit Lebensstiländerungen und Medikamenten zu bekämpfen, also Bewegungsmangel, Übergewicht, hohen Blutdruck, Cholesterin, Rauchen und Diabetes.

Dass Streifungen viel zu wenig ernst genommen werden, zeigt eine Erhebung, welche die Schweizerische Schlaganfallstiftung durchgeführt hat. Drei Viertel der Befragten kannten zwar den Begriff «Streifung», aber nicht seine Bedeutung und die Symptome.

Handlungsbedarf besteht aber auch beim Schlaganfall selber. Prof. Baumgartner: «Es ist unverändert so, dass viele Schlaganfall- Patienten gar nicht oder zu spät in eine Klinik kommen, in der eine Akutbehandlung möglich ist. Spezialisierte Stroke Units, wo die Behandlung durch Spezialisten erfolgt, gibt es nur in den Universitätskliniken Basel, Genf, Lausanne und Zürich sowie in den Kantonsspitälern Aarau, Münsterlingen, St. Gallen und Lugano. Nur jeder dritte Schlaganfall-Patient kommt in eine solche Stroke Unit. Das ist viel zu wenig. Es braucht grössere und mehr Stroke Units.»

Drucken04.08.2009