KrankheitenBlut, Herz, Gefässe

Optimisten leben laenger

Das Herz als Organ und Symbol.

Eine Spurensuche mit Prof. Thomas F. Lüscher, Direktor der Klinik für Kardiologie am Universitätsspital Zürich.

Also, die Frau Winzenried aus dem dritten Stock habe ein ganz grosses Herz, hatte die Dame am Nachbartisch behauptet. Oh, die Arme, ist sie krank? Krank, warum? Weil grosse Herzen aus medizinischer Sicht ungesund sind. Prof. Thomas F. Lüscher: «Tatsächlich bedeutet ein grosses Herz in den meisten Fällen Herzinsuffizienz, also Herzschwäche. Das Herz ist verdickt, unelastisch, schlapp. Muss immer grösser werden, um seine Leistung zu erbringen, und wird dabei immer schwächer.» Aber das hatte die Dame nicht ausdrücken wollen. Vielmehr meinte sie es symbolisch, nämlich dass die Frau Winzenried grossherzig, dass sie in ihrem Herzen reichlich Platz für die Sorgen und Nöte der Mitmenschen habe.

Offenbar meint Herz nicht gleich Herz. Es ist mehr als ein normales Organ, nicht zu vergleichen mit einer Leber oder der Milz. Und es thront mitten im Körper, dort wo wir uns selbst fühlen. Das Herz ist Symbol und Pumpe zugleich. Symbol für Ideen und Erzählungen, für Träume, die den rein wissenschaftlichen Ansatz sprengen. Sitzt nicht die Seele tief im Herzen? Prof. Lüscher: «Das meinte man einst. Heute wissen wir: Alles, was das Hohlorgan Herz ausfüllt, alles, was wir im Herzen spüren, hat seinen Ursprung im Hirn. Die Erregung entsteht in den dortigen Nervenzentren. Das Hirn ‹spricht› mit dem Herz und benutzt dazu den direktesten und schnellsten Weg: über das vegetative Nervensystem. Und das Herz antwortet wie ein Lautsprecher, zum Beispiel mit erhöhtem Puls bei Gefahr. Oder es springt fast aus der Brust vor Freude. Es begleitet jede Erregung, jeden aussergewöhnlichen Moment unseres Lebens. Gefühle brauchen den Körper, um sich zu entfalten. Und wir spüren den Körper erst durchs Herz. Das Herz ist sensitiv, motorisch und affektiv.» Sensitiv ist auch die Haut. Sie ändert die Farbe, ihre Feuchtigkeit, das Herz den Rhythmus, je nachdem, ob wir ruhig oder erregt sind. Der Volksmund kennt diese Symbolik. Das geht unter die Haut, es trifft einen mitten ins Herz.

Schon die alten Ägypter massen dem Herz eine besondere Bedeutung bei, indem sie es nach dem Tod als einziges Organ in den Körper zurückgaben, damit die Seele ihren Sitz wiederfände, während sie Leber, Milz und die Därme in kunstvollen Kanopen bestatteten. Später entnahmen die Habsburger ihren Toten die Herzen und begruben sie allesamt im aargauischen Kloster Muri, während die Körper in der Kapuzinergruft ihre letzte Ruhestätte fanden. Erst nach Erfindung der Röntgenstrahlen um das Jahr 1900 herum konnte man dem Herz im lebenden Körper auch endlich beim Schlagen zusehen.

Nicht nur Leben und Tod haften am Herz, auch jene Momente der Störung der Körperfunktion, in denen es sich unangenehm bemerkbar macht. Prof. Lüscher: «Krankhaft arbeitet das Herz dann, wenn die Harmonie von Seele und Organ zerbricht und das Herz ohne Befehl aus dem Hirn etwas tut, was es eigentlich nicht tun sollte. Bewusst wird uns das zum Beispiel beim Vorhofflimmern oder beim Herzrasen. Oder wenn sich bei Fieber Haut und Kreislauf unangemessen erregen.»

Ähnlich beim Infarkt, bei dem das Herz durch äussere Einflüsse in seiner Arbeit gestört wird. Im Infarkt steckt mehr als Fehlfunktion oder Disharmonie. Jahrelanges Fehlverhalten im Umgang mit dem eigenen Körper ist die Ursache. Und trotzdem gilt der Herzinfarkt auch heute noch irgendwie als heldenhaft, weil der Betroffene derart viel und hart gearbeitet haben muss, dass sogar sein Herz Schaden genommen hat. Seit Herzinfarkte nicht mehr unweigerlich zum Tod führen, dürfen die Überlebenden auf Verständnis und Anteilnahme zählen. Ein schwacher Trost, wenn man erkennt, dass das Herz von da an meist angeschlagen ist. Herzinfarkt wegen Überarbeitung, gibt es das? Prof. Thomas Lüscher: «Nicht die Arbeit ist das Problem. Aus medizinischer Sicht machen Rauchen und das metabolische Syndrom dem Herzen viel mehr zu schaffen. Schuld ist der passive Lebensstil ohne Bewegung, der zu Fettleibigkeit am Bauch, Bluthochdruck, zu Diabetes und zu hohen Cholesterinwerten führt.» Herzinfarkt wird gerne als typische Managerkrankheit bezeichnet. Sind Manager mehr gefährdet? Prof. Lüscher: «Nein. Das meinte man früher. Die Manager erlitten damals so viele Herzinfarkte wegen ihres Zigarettenkonsums, heute sind weniger Gebildete mehr gefährdet.» Gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen? «Gesamthaft gesehen nicht. Bei den Männern fängt es aber früher an. Die Frauen sind vor der Menopause durch ihre Hormone gut geschützt.»

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Trotzdem: die Hektik des Alltags, dauernde Erreichbarkeit, unendliche Kommunikationslust, konstante Hochspannung. Irgendwie muss sich das doch auch auf die Herzgesundheit auswirken? Professor Lüscher: «Das ist nicht so gut nachweisbar. Aber eines ist klar: Frust – also negativer Stress, egal welcher Ursache – ist ganz schlecht fürs Herz. Angst ist auch solch ein aufwühlendes Gefühl, das auf die Dauer zu mehr Herzinfarkten führt. Wer dem Leben mit Freude und positiver Einstellung begegnet, tut seinem Herz einen grossen Gefallen. Optimisten leben länger als Pessimisten.»

Gerade die Kriegsjahre waren in Europa von Angst und Verzweiflung geprägt. Warum
wurden ausgerechnet in dieser schweren Zeit kaum Herzinfarkte registriert? Prof. Lüscher: «Das hat vor allem mit der Ernährung zu tun. Hungernde Menschen nehmen ab. Der Krieg und die harte Nachkriegszeit haben die Risikofaktoren für Herzinfarkte stark reduziert. Die Menschen lebten gesünder, mussten sich viel mehr bewegen und körperlich arbeiten. Bis der Aufschwung kam und mit ihm die Ernüchterung für Herz und Kreislauf. Alle hatten wieder reichlich zu essen, holten den jahrelangen Verzicht nach, die Technik verdrängte Bewegung und körperliche Arbeit. Gleichzeitig traten die Zigaretten ihren Siegeszug durch Europa an, und die Herzinfarkte reagierten mit Hochkonjunktur.»

Nichts wird von den Leuten als ungerechter empfunden als ein Herzinfarkt gleich nach der Pensionierung. Ausgerechnet dann, wenn das tägliche Krampfen dem Geniessen Platz machen soll, die Ziele für den bevorstehenden Lebensabschnitt noch jung und die Erwartungen gross sind. Jüngstes Beispiel: Sportreporter Hans Jucker, der kurz nach seinem letzten Fernsehauftritt an einem Herzinfarkt verstarb. Zufall? Lüscher: «Zwischen 60 und 80 ist der Tod näher beim Menschen als in früheren Jahren. Und die Pensionierung ist an sich nichts Gutes. Gehirn und Körper bauen sich häufig ab. Zusammen mit den körperlichen Risikofaktoren steigt die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarkts.» Warum bilden sich in den Gefässen denn überhaupt diese Ablagerungen, die zum Infarkt führen? Ohne sie würde man ja viel besser leben? «Das hat mit der Evolution zu tun. Der Körper entwickelte die Blutgerinnung, um sich bei Verletzungen vor dem Verbluten zu schützen. Bessere Überlebenschancen hatten Menschen mit hohem Gerinnungsfaktor, bei denen sich die Wunden schnell verschlossen. Heute ist es umgekehrt: Ein hoher Gerinnungsfaktor bedeutet einen Nachteil, weil er bei Ablagerungen in den Gefässen zu Gerinnseln und zum Gefässverschluss führt. Die Gerinnsel entstehen dort, wo in den Gefässen cholesterinreiche Plaques aufbrechen.»

Dann passt unser Herz-Kreislauf-System eigentlich gar nicht mehr in die heutige Zeit? «Als Jäger und Sammler haben sich die Menschen satt gegessen, wenn es etwas zu essen gab. Wie die Löwen, die eine Beute jagen, sich dann vollfressen, lange Zeit verdauen und noch länger auf der faulen Haut liegen, bis sie vom Hunger getrieben wieder jagen und sich bewegen. Unser heutiger Hungertrieb ist völlig überprogrammiert. Wir essen jeden Tag so, als ob wir danach drei Tage fasten würden. Und wir müssen uns zwischen zwei Mahlzeiten auch nicht bewegen, weil die Jagd wegfällt.»

Bleibt die ketzerische Frage, warum wir von der Natur keine besseren Herzen bekommen haben, die sich an die Gegebenheiten anpassen können. Lüscher: «Ja, das frage ich mich auch. Wenn der Salamander zum Beispiel ein Bein verliert, bildet der Körper wieder eines nach. Der Organismus von uns Menschen ist wohl zu weit spezialisiert, als dass er defekte Organe einfach reparieren oder völlig neu wachsen lassen kann – vielleicht bringt die Stammzellforschung hier in Zukunft eine Lösung.» Ob und wann sich diese Hoffnung erfüllt, ist offen. Wem sein Herz wirklich am Herzen liegt, nimmt seine Gesundheit deshalb noch heute selber in die Hand.

Drucken31.08.2011