KrankheitenBlut, Herz, Gefässe

Unter 120 bringt nichts

Immer mehr Menschen leiden unter zu hohem Blutdruck.

Dr. Michael Pieper, Chefarzt Kardiologie am Herz-Neuro- Zentrum Bodensee, sagt, was zu tun ist.

Warum brauchen so viele Menschen Blutdrucksenker?

Dr. Michael Pieper: Die Ursache von Bluthochdruck – im Fachjargon Hypertonie genannt – ist ungeklärt. Wir wissen aber, dass Bewegungsmangel, Übergewicht und Diabetes daran beteiligt sind. Kurzum: Unsere falsche Ernährung und der allzu passive Lebensstil treiben den Blutdruck in die Höhe.

Wo liegen die Gefahren eines zu hohen Blutdrucks?

Unbehandelt drohen Schlaganfall, Herzinfarkt, Herzschwäche, Niereninsuffizienz, Sehschwäche. Diese Hauptprobleme sind auch der Grund für eine Behandlung. Natürlich ist das Risiko abhängig von der Höhe des Blutdrucks.

Naturvölker haben einen Blutdruck von 100/60, der noch deutlich unter dem westlichen Normalwert von 120/80 liegt. Müssten wir unseren Zielwert nicht nach demjenigen der Urvölker ausrichten?

Nein, die Behandlung erfolgt nicht, um einen bestimmten Minimalwert zu erreichen, sondern um Folgeschäden zu mindern. Bei einem Patienten mit einem Blutdruck von 200/120 ist schon die Senkung auf 160/100 mit einer deutlichen Prognoseverbesserung verbunden. Die Prognose verbessert sich abermals, wenn der Zielwert 135/85 erreicht wird. Eine weitere Blutdrucksenkung bringt nach bisheriger Datenlage hingegen nichts.

Darf man im Alter in Sachen Bluthochdruck nicht ein Auge zudrücken?

Doch, bei Patienten über 80 Jahren soll man den Blutdruck nicht zu stark senken, weil es dann eher mehr Schlaganfälle gibt. In diesem Alter kann bis zu 160/90– 95 toleriert werden.

Heute werden immer noch viele Diuretika und Betablocker eingesetzt. Gibt’s nichts Besseres in Sachen Verträglichkeit?

Mit welchen Medikamenten man die Blutdrucksenkung erreicht, sollte von den Nebenwirkungen abhängen. Es gibt erwünschte und unerwünschte. Wenn zum Beispiel Herzrhythmusstörungen vorliegen, kann der Betablocker sowohl den Blutdruck senken als auch die Rhythmusstörungen günstig beeinflussen. Nur unerwünschte Nebenwirkungen sollten vermieden werden. Treten sie auf, muss die Behandlung angepasst werden.

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Sind Kalziumblocker den anderen Substanzen überlegen?

Nein. Aber ein Vorteil dieser Substanzen ist, dass sie stoffwechselneutral sind, das heisst, dass Blutzuckerwerte oder Cholesterin nicht negativ beeinflusst werden. Die Hauptnebenwirkung ist aber die Ödembildung, also die Wassereinlagerung in den Beinen.

Und dann?

Man kann auf einen anderen Kalziumblocker wechseln oder die Therapie von Anfang an damit beginnen. Speziell Zanidip mit dem Wirkstoff Lercanidipin kommt in Frage, denn dieser macht am wenigsten und seltensten Ödeme.

Die Niere ist massgeblich an der Erhöhung des Blutdrucks beteiligt und leidet gleich selber unter dem hohen Druck. Wie lässt sich der Teufelskreis, der zur Niereninsuffizienz führen kann, durchbrechen?

Mit der sogenannten sympathischen Denervation der Niere, einem Verfahren, das mit speziellen Kathetern durchgeführt und bei dem der Sympatikusnerv der Nieren elektrisch verödet wird. Dieses Verfahren ist sehr geeignet, den Blutdruck stark zu senken. Bisher werden nur Patienten behandelt, die trotz drei oder mehr Medikamenten einen systolischen Druck über 160 mmHg haben. Die Erfolge dieses Eingriffs sind sehr gut, doch es gibt noch keine Langzeitergebnisse. Vielleicht kann man damit den Teufelskreis durchbrechen und eine echte Heilung erzielen. Die Methode hat gute Chancen, in Zukunft an Bedeutung zu gewinnen.

In jedem Alter behandeln

Jede zehnte Person zwischen 20 und 30 Jahren sowie jeder dritte bis 50 Jahre hat einen zu hohen Blutdruck; in den Industrienationen bis zu 60 Prozent der Bevölkerung. Wobei die Männer mit 55 Prozent gesamthaft etwas stärker betroffen sind. Bei Kindern und Jugendlichen kommt hoher Blutdruck selten vor. Meistens in Begleitung anderer Organkrankheiten. Ansonsten am ehesten in Verbindung mit deutlichem Übergewicht. Gerade Übergewicht, Bewegungsmangel, Nikotin und Alkohol sind die vermeidbaren Risiken. Die familiäre Belastung ist ein weiterer Faktor. Ab wann sollte Bluthochdruck behandelt werden? Dr. Michael Pieper: «In jedem Alter, wenn der systolische Blutdruck über 150 mmHg oder der diastolische Blutdruck über 90 mmHg liegt. Die erste Massnahme ist Gewichtsreduktion und salzarme Kost.» Soll ich meinem Arzt sagen, wenn Nebenwirkungen wie zum Beispiel Kopfweh oder geschwollene Beine auftreten? Dr. Pieper: «In jedem Fall. Es gibt praktisch immer Medikamente, bei denen es nicht zu störenden Nebenwirkungen kommt. Der Arzt kann dann die Medikation wechseln.»

Drucken06.09.2011